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Studio 9 | Beitrag vom 02.09.2019

Restauratorin Nadine ThielDurch ein Unglück zur Lebensaufgabe

Von Felix Schledde

Nadine Thiel bei der Arbeit (Marc Jellinghaus / Stadt Köln)
"Ich habe kein Zeitgefühl mehr", sagt Nadine Thiel (r.) über den Tag, an dem in Köln das Stadtarchiv zusammenbrach. (Marc Jellinghaus / Stadt Köln)

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs im Jahr 2009 veränderte Nadine Thiels Leben. Ihr Dasein als Restauratorin im Elfenbeinturm war erstmal dahin. Nun leitet sie eine Abteilung mit fast 90 Kollegen, die alle daran arbeiten, Geschichte zu erhalten.

"Das ist die zweite Etage des Restaurierungs- und Digitalisierungszentrums. Auf dieser Etage lagern unzählige Kartons. Es befinden sich hier aber auch ungefähr 250 Planschränke, in denen Großformate lagern", erzählt Nadine Thiel.

1000 Jahre Kölner Erinnerung in einer Lagerhalle

30 Regalkilometer Archivgut. Auf der zweiten Etage einer Lagerhalle in Köln-Porz liegen 1000 Jahre Kölner Erinnerung. Wild durcheinander gewürfelt und verpackt in grauen Kartons. Jeder versehen mit einem eigenen Strichcode und einer eigenen Nummer. Bergungseinheiten heißen diese Kartons, sagt Nadine Thiel und wirkt dabei wesentlich munterer und motivierter als es ihre Mammutaufgabe eigentlich vermuten lassen sollte.

Thiel ist die Leiterin des Restaurierungs- und Digitalisierungszentrums der Stadt Köln. Oder kurz: RDZ.

"Ich bin jetzt 38 Jahre alt", sagt sie, "und leite seit über zehn Jahren die Bestandserhaltung im Historischen Archiv der Stadt Köln. Ich leite das größte Sachgebiet im Haus seit dem Einsturz - mit fast 90 Kolleginnen und Kollegen."

Faible für die Beschaffenheit von Stoffen

Es hilft natürlich, dass Nadine Thiel ihren Job liebt. Im thüringischen Apolda geboren und in Dortmund aufgewachsen, verschlug es sie nach dem Abitur an die Fachhochschule Köln, um Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften zu studieren.

Denn die Beschaffenheit von Stoffen hat Thiel schon immer interessiert und sie kann darüber reden wie andere über guten Wein: "Ich mag die Haptik und die Optik von Leder und tatsächlich, durch Einfärbung, hat es weniger mit der tatsächlichen Tierhaut zu tun. Pergament zum Beispiel finde ich überhaupt nicht schön.

Nach dem Studium will sie eigentlich zurück ins Ruhrgebiet, fängt dann aber doch eine Stelle im Stadtarchiv Köln als Restauratorin an. Das ist 2008. Auch damals gibt es hier schon eine Restaurierungswerkstatt, aber die hat gerade mal drei Mitarbeiter. Nadine Thiel stellt sich auf ein ruhiges Restauratorinnenleben im Elfenbeinturm ein. Hier eine mittelalterliche Buchseite reparieren und dort ein Foto restaurieren.

"Bis heute sehe ich das als Stummfilm"

Aber dann kommt der 3. März 2009.

"Ich habe kein Zeitgefühl mehr", sagt Nadine Thiel, "es war zumindest noch hell deswegen muss es nachmittags gewesen sein. … Bis heute sehe ich das als Stummfilm. Ich habe keine Geräusche dazu. Ich sehe nur dieses Haus einstürzen. Und dann war eine ganze Zeit lang nicht klar, wer hat es vorne raus geschafft?"

Innerhalb von Sekunden bricht ein Archiv zusammen, das über Jahrhunderte akribisch gesammelt und geordnet wurde. Und Nadine Thiel ist mitten drin im Chaos. Schon kurz nach dem Einsturz rettet sie mit ihren Kollegen und Kolleginnen aus den Trümmern, was zu retten ist. Den ganzen Tag und die ganze Nacht.

Das Foto zeigt das eingestürzte Kölner Stadtarchiv im März 2009. (dpa-Bildfunk / Oliver Berg)Schon kurz nach dem Unglück rettete Nadine Thiel mit ihren Kollegen und Kolleginnen aus den Trümmern, was zu retten war. (dpa-Bildfunk / Oliver Berg)

"Das hat zumindest mir persönlich geholfen das zu verarbeiten", erzählt Nadine Thiel, "und mit diesem Unglück umgehen zu können, weil ich konnte was tun."

95 Prozent der verschütteten Bestände geborgen

Heute, zehn Jahre später, weiß man, dass 95 Prozent der verschütteten Bestände raus geholt werden konnten. Sie lagern jetzt in den grauen Kartons.

"Die gesamten Bestände sind durcheinander und in den Kartons befinden sich Urkunden aus dem zwölften Jahrhundert neben Fotografie aus den 1950ern", sagt Nadine Thiel. "Das in eine Reihenfolge zu bringen, aber auch zu identifizieren, und Beständen, Provenienz zuzuordnen: Da geht es tatsächlich auch auf Spurensuche."

Nachdem die Bergung und Erstversorgung aller Archivalien seit 2011 abgeschlossen ist, wird jeder Karton einzeln geöffnet und sein Inhalt Stück für Stück restauriert. Nadine Thiel, als Restauratorin, ist inzwischen eher die Managerin einer Werkstatt, die sich von drei Mitarbeitern auf 90 und zu Europas modernstem Restaurierungszentrum gesteigert hat.

Teamwork statt Job im Elfenbeinturm

Den einsamen Job im Elfenbeinturm gibt es nicht mehr, stattdessen sind Kommunikation und Teamwork angesagt. Anders ist die Arbeit nicht zu schaffen, sagt Nadine Thiel: "Das geht nicht, wenn ich alleine wäre oder ich mich mit diesem Stück alleine beschäftige, so wie das früher der Fall war. Dann würde ich 6300 Jahre brauchen so hat ein Gutachter nach dem Einsturz geschätzt."

30 bis 50 Jahre wird es wohl noch dauern, bis alle Bestände des Kölner Stadtarchivs wieder benutzbar sind. Thiel hat es zu ihrer persönlichen Lebensaufgabe gemacht die komplette Rettung noch bis zu ihrer eigenen Pensionierung durchzuziehen. Die oberste Prämisse dabei: Die Geschichte zu konservieren und zu erhalten.

"Die Narben, die wird man sehen", sagt Nadine Thiel. "Die bleiben auch immer sichtbar. Man sieht an den Siegeln, dass sie mal rund waren. Und jetzt sind sie irgendwie nur noch ein Dreieck mit ganz vielen Ecken und Kanten und Kerben. Es wird gesichert, aber es wird immer sichtbar bleiben. Der Einsturz ist Teil der Geschichte."

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