Montag, 13.07.2020
 

Interview | Beitrag vom 16.05.2020

Restaurants in CoronazeitenMehr als nur Nahrungsaufnahme

Christoph Ribbat im Gespräch mit Ute Welty

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In einem leeren Restaurant liegt ein Zollstock über zwei Tischen und Stühlen, um den Abstand zu messen. (imago/T.Seeliger)
Im Augenblick ist der Zollstock das wichtigeste Werkzeug der Gastronomen. Unter Einhaltung strenger Hygienevorschriften und einem Mindestabstand von 1,50 Meter darf die Gastronomie wieder eröffnen. (imago/T.Seeliger)

Wir sollten uns von "dem bisschen Mundschutz" nicht abhalten lassen, essen zu gehen, findet Christoph Ribbat. Der Amerikanist hat die Kulturgeschichte des Restaurants erforscht – das schon immer ein etwas angstbesetzter Ort war.

Nach und nach öffnen die Restaurants in den einzelnen Bundesländern wieder. Für den Amerikanisten und Kulturwissenschaftler Christoph Ribbat von der Universität Paderborn die richtige Entscheidung – und höchste Zeit. 

"Ich gehöre zur Risikogruppe derer, die nicht besonders gut kochen können", sagt er. "Ich muss raus."

Aber eigentlich geht es beim Restaurantbesuch um mehr als nur um Nahrungsaufnahme – auch wenn die meisten Menschen wohl sagen würden, dass sie ins Restaurant gehen, weil sie etwas Feines essen wollen. 

"Eigentlich muss es ein Ort sein, wo man viel sehen kann. Also einfach andere Leute, das Gespräch am Nebentisch belauschen, die Ehekrise, die sich da abspielt, die Kellnerin, den Kellner angucken, also irgendwas, wo viel passiert", so der Autor des Buches "Im Restaurant: Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne". "Ich glaube, das Essen steht da weniger im Vordergrund, als man so denkt."

Erfunden haben das Restaurant – wer sonst? – die Franzosen. "In Paris gab es das erste, was so hieß. Das hat diese 250-jährige Tradition begonnen." 

"Ich hoffe, dass die Leute weiter ausgehen"

Wenn jetzt Menschen Restaurants ein bisschen ängstlich betrachten, weil sie eine Ansteckung mit Corona fürchten, ist das im Grunde in der Restaurantgeschichte nichts Neues, erklärt Ribbat. Denn ein bisschen zweifelhafte Orte waren Restaurants offenbar immer. Weil man ja nie so genau wusste, was da aus der Küche kommt: "Man sagt irgendeinem Fremden, was man haben möchte, und dann kommt irgendwas – von einem Fremden serviert – und man steckt sich das in den Mund!"

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Dennoch sollte man jetzt nicht zu vorsichtig sei und sich von "dem bisschen Mundschutz" abhalten lassen, essen zu gehen, sagt Ribbat. Sonst müsse man damit rechnen, dass die Hälfte der Restaurants pleite geht. "Ich hoffe, dass die meisten überleben. Ich hoffe, dass die Leute weiter ausgehen, dass sie großzügig Trinkgeld geben, dass die Leute überleben können."

(uko)

Christoph Ribbat: "Im Restaurant: Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne"
Suhrkamp 2017, 228 Seiten, 12 Euro

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