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Lesart | Beitrag vom 30.05.2020

Reporterin zur politischen Kultur in der TürkeiDie Hoffnung auf die Abwahl Erdoğans ist trügerisch

Luise Sammann im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Ein junger Mann schwenkt eine riesige Fahne mit dem Konterfei des gewählten Präsidenten. (Redux/ laif/ Mert Cakir)
Vom Bürgermeister Istanbuls zum Präsidenten: Recep Tayyip Erdogan gibt seinen Anhängern das Gefühl, endlich eine Stimme zu haben. (Redux/ laif/ Mert Cakir)

Wer nur Erdoğan kritisiert, werde die Lage in der Türkei nicht verstehen. Die Ursache dafür liege viel tiefer in der Gesellschaft, meint die langjährige Istanbul-Korrespondentin Luise Sammann. Der EU rät sie, die Beitrittsverhandlungen abzubrechen.

Wer von außen auf die Türkei blickt, sieht vor allem einen: Recep Tayyip Erdoğan. Der Präsident wird für seinen autokratischen Stil kritisiert. Doch dieser Fokus auf den "Lider" in Ankara verstelle den Blick auf das eigentliche Demokratieproblem der Türkei, meint die Reporterin Luise Sammann:

"Ich glaube, das ist genau die Falle, in die wir seit Jahren immer wieder tappen. Dieses ewige Diskutieren über Erdoğan, die Empörung über Erdoğan. Ich glaube, es wäre an der Zeit, dass wir endlich den Fokus verschieben. Wir müssen doch fragen: Wieso haben so viele Türken das Bedürfnis, einen polternden, oft brüllenden, oft gegen die Etikette verstoßenden Präsidenten zu haben?"

Trügerische Hoffnung auf die Opposition

Von 2009 bis 2018 hat Sammann aus Istanbul auch für Deutschlandfunk Kultur berichtet, hat die Gezi-Proteste und deren Auflösung beobachtet, hat mit Oppositionellen gesprochen und glühende Anhänger Erdoğans begleitet. Sie betont, die türkische Gesellschaft sei schon lange vor Erdoğan tief gespalten gewesen. "Das ist historisch bedingt, das ist nichts, was Erdoğan erfunden hat." Schon bei der Staatsgründung durch Atatürk vor fast 100 Jahren habe eine kleine, gebildete und westlich orientierte Elite die Politik bestimmt.

Lange Zeit habe eine große, überwiegend ländliche und weniger gebildete Schicht kaum an der politischen Macht teilhaben können, erläutert Sammann weiter. Diesen Menschen habe Erdoğan das Gefühl gegeben, endlich eine Stimme zu haben und erfolgreich zu sein: "Endlich ist da mal einer von uns ganz oben. Wenn der ganz oben ist, dann sind wir indirekt auch ganz oben." Das verbreitete Vorurteil, Erdoğans Unterstützer seien ungebildete Bauern aus Anatolien, sei trotzdem völlig falsch, so Sammann.

Einig im Personenkult

Eines vereine die verschiedenen politischen Strömungen der Türkei: die Begeisterung für den Politikertypus des starken Mannes. Bezeichnend sei der Personenkult um so unterschiedliche Politiker wie den laizistischen Staatsgründer Atatürk, den religiös-konservativen Erdoğan und PKK-Gründer Abdullah Öcalan. Diese Verehrung gebe es in der Politik - und auch darüber hinaus:

"Wir finden das auch in anderen Bereichen der Gesellschaft: Wenn Sie in eine türkische Kita gehen, in eine türkische Schule oder in einen türkischen Sportverein, da finden Sie dieses Hierarchische, da gibt es immer vorne den Lehrer oder den Chef auf der Arbeit. Das ist eine ganz andere Fokussierung auf die Person."

Auf eine Abwahl Erdoğans und damit auf mehr Demokratie zu hoffen, sei deshalb eine trügerische Hoffnung, da Begeisterung für autokratische Persönlichkeiten auch in der Opposition verbreitet seien. Es sei deshalb ein Fehler, diesen Gegensatz aufzumachen: "Hier ist der Böse Diktator Erdoğan und alle, die ihm zujubeln, sind undemokratisch – und da sind die Erdoğan-Gegner, und die werden oft als die guten Demokraten dargestellt. Das ist ein Fehler."

Mehr echten Dialog mit der Zivilgesellschaft

Deutschland und der EU empfiehlt Sammann eine doppelte Strategie im Umgang mit der Türkei. Die eine betreffe den Dialog mit der Regierung in Ankara. "Da brauchen wir mehr klare Kante und mehr klare Kommunikation." Ein erster Schritt sei der Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen. "Es wird in der nächsten Zeit nicht zu einem EU-Beitritt der Türkei kommen. Das wissen alle Beteiligten. Also lassen wir das doch, dieses Getue; machen wir offiziell einen Cut und damit den Weg frei für ein ganz neues Verhältnis und für neue gemeinsame Pläne."

Die zweite Strategie betreffe weniger die Regierung als die Bevölkerung, zu der der zivilgesellschaftliche Dialog gestärkt werden müsse. Sammann plädiert in diesem Zusammenhang für die Bildung eines deutsch-türkischen Jugendwerks: 

"Das Deutsch-Französische Jugendwerk ist eine unheimliche Erfolgsgeschichte. Ich kann auch aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, als ich Jugendliche war und die ersten Austauschprojekte mit französischen Jugendlichen gemacht habe, da hat mir meine Mutter erzählt, dass für sie in ihrer Kindheit noch der Franzose der Feind war. So hat sie es von ihren Eltern erzählt bekommen." Es habe also nur eine Generation gedauert, "und für mich waren die Franzosen dann schon die coolen Nachbarn".

Abneigungen abbauen

Ein vergleichbares Jugendwerk könnte helfen, so hofft Sammann, die in ihren Augen großen gegenseitigen Abneigungen zwischen Türken und Deutschen abzubauen. "Diese unheimlichen Abneigungen beruhen sehr oft darauf, dass wir keine Ahnung voneinander haben – auf beiden Seiten übrigens."

Mehr Austausch könne dazu führen, dass die Menschen in der Türkei nicht mehr das Gefühl hätten: "Der Westen ist böse, die wollen uns nicht haben. Die sind gegen unseren Präsidenten." Auf diese Weise könne Europa die Türkei auch auf dem Weg in eine weniger an starken Führerpersönlichkeiten orientierte Gesellschaft unterstützen.

Luise Sammann: "Großmachtträume. Die Türkei zwischen Demokratie und Diktatur"
Reclam, Ditzingen 2020
189 Seiten, 16 Euro

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