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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.03.2013

Reportagen aus der Unruhezone

Navid Kermani: "Ausnahmezustand", C. H. Beck, München 2013, 254 Seiten

Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani (dpa / picture alliance / Marc Tirl)
Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani (dpa / picture alliance / Marc Tirl)

Der Islamwissenschaftler Navid Kermani reist immer wieder in die Krisengebiete des Nahen und Mittleren Ostens, nach Pakistan, Afghanistan, Palästina, Syrien und Kaschmir. Seine Reportagen sind nun in Buchform erschienen. Sie lassen uns die Konflikte in der Region besser verstehen.

Navid Kermani, Romancier, Journalist und Islamwissenschaftler, reist gern. Und zwar in Länder, die andere Menschen eher meiden: In die Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens – nach Pakistan, Afghanistan, Palästina, Syrien und Kaschmir. Seine Reportagen sind nun in Buchform erschienen – Texte, die uns die Konflikte besser verstehen lassen und beweisen, dass Navid Kermani einer der besten deutschen Reporter ist.

Kermani verbindet in seinen Reportagen beispielhaft Neugierde, Beobachtungsgabe und Sprachgewalt und entführt so seine Leser tief in fremde Welten. In den Nordosten Pakistans, wo er Sufis und deren Bedrohungen durch Fundamentalisten nachspürt, nebenher aber von der ungeheuren kulturellen Vielfalt Lahores berichtet. Beim Spaziergang durch die Altstadt begegnet er Frauen mit Gesichtsschleiern und stark geschminkten Transsexuellen, Business-Männern in grauen Anzügen und barfüßigen Narren, er sieht Koranschulen neben Schönheitssalons. Und er trifft gemütlich freundliche Islamisten, die knallhart ihre Meinung vertreten.

Kermani lässt sie sprechen, wie er überhaupt viele Dialoge in seine Reportagen einbaut. Denn er urteilt nicht, er hört zu und beschreibt - etwa wie er selbst den Aufstand gegen das Mullah-Regime in Teheran im Jahre 2009 gerät. Dabei analysiert er nicht vorschnell, abgebrüht und kühl wie manch anderer Journalist, sondern er bleibt mitfühlend. Hautnah erlebt man so die Ohnmacht der Demonstranten und die ungeheure Brutalität der sogenannten Anti-Krawall-Kommandos. Kermani selbst muss seine Rolle als Beobachter aufgeben und flüchtet mit den Demonstranten. So spürt er unmittelbar, anders als die optimistischen internationalen Beobachter, die nur von außen berichten, dass die Opposition gegen das brutale Regime keine Chance hat.

Diese Nähe ermöglicht neue Einsichten – auch wenn man alle Fakten zu kennen glaubt. Beispiel Syrien: Kermani reist im September 2012 dorthin. Erschütternd ist sein Bericht über ein Krankenhaus, in dem Regierungsmilizen ein Massaker verübt haben. Erstaunlich aber, wie offen die Menschen dort über Politik reden, fast zwanghaft. Kermani lässt sie sprechen und offenbart somit Widersprüche: Das weltliche Regime Assads wird vom theokratischen Iran unterstützt; westlich lebende Syrer verteidigen das autoritäre Regime, während streng religiöse bärtige Männer und verschleierte Frauen auf Demokratie hoffen.

Die meisten Texte sind in kürzerer Form schon in deutschsprachigen Medien erschienen. Dennoch ist das Buch weit mehr als eine Sammlung gut abgehangener Zeitungsreportagen. Seine Schilderungen zeigen exemplarisch Widersprüche, sie zeigen auch, wie Gewalt entsteht und wohin sie führt und sie erklären Entwicklungen, so zwei Reportagen aus Afghanistan, eine aus dem Jahr 2006, eine zweite von 2011.

Wer den Alltag der Menschen in den Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens sehen will, das Leben hinter den Nachrichten, der sollte Navid Kermanis einfühlsamen Reportagen lesen. Reportage, die einen so schnell nicht mehr loslassen.

Besprochen von Günther Wessel

Navid Kermani: Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt
C. H. Beck, München 2013
254 Seiten, 19,95 Euro

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