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Interview | Beitrag vom 14.04.2021

Reparationen für Nachkommen der Sklaverei „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Britta Waldschmidt-Nelson im Gespräch mit Julius Stucke

Sklaven auf der Plantage von James Hopkinson in South Carolina, USA. Fotografie von 1862 (Henry P. Moore). (picture alliance / akg / Henry P. Moore)
DIe Sklaverei in den USA wurde 1865 abgeschafft - doch die Diskriminierung hält weiter an. (picture alliance / akg / Henry P. Moore)

Der US-Kongress befasst sich mit möglichen Reparationszahlungen für Nachfahren versklavter Menschen. In Anbetracht der sozialen Ungleichheit in den USA seien Entschädigungen längst überfällig, meint die Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson.

Britta Waldschmidt-Nelson ist Professorin für Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraums an der Universität Augsburg. Wir haben mit ihr über einen Gesetzentwurf gesprochen, mit dem sich derzeit der US-Kongress befasst: Es soll überprüft werden, ob man Nachfahren versklavter Menschen Reparationen zahlen könne. Erstmals könnte man, so die Idee, ein Expertengremium schaffen, dass dann Ansprüche auf Entschädigung von Afroamerikanern prüft.

Dabei geht es aber auch um einen Wert jenseits der Reparationen: Man wolle die "nationale Debatte über Antworten auf die brutale Misshandlung von Afroamerikanern" während der Sklaverei und der Rassentrennung voranbringen – das hat der Vorsitzende des Justizausschusses im Repräsentantenhaus, Jerrold Nadler, gesagt.

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Bereits vor 30 Jahren gab es diesen Versuch, damals war er allerdings erfolglos. Ob man dieses Mal erfolgreicher sein wird, sei schwer zu sagen, so Britta Waldschmidt-Nelson. Aktuell gibt es in beiden Kammern des amerikanischen Kongresses aber eine demokratische Mehrheit, daher würde sie die Erfolgschancen höher einschätzen als in den vergangenen Dekaden. "Wenn überhaupt ist so etwas nur durchzubringen, wenn eine demokratische Mehrheit da ist, die das entsprechend verfechten kann."

Ein wichtiger Grund für einen möglichen Erfolg seien aber auch die Ereignisse der jüngsten Zeitgeschichte und der große Erfolg der Black-Lives-Matter-Bewegung, so Waldschmidt-Nelson. Die Frage nach Gerechtigkeit sei in aller Munde. "Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Wer soll entschädigt werden?

Allerdings seien die Fragen – wer, wie und in welcher Form entschädigt werden soll, sehr schwierig zu formulieren. Das seien auch mit Gründe dafür, warum das Vorhaben bisher gescheitert sei, erklärt die Historikerin. Bei der Entschädigung der Japanese Americans, die während des Zweiten Weltkrieges unrechtmäßig interniert und zwangsumgesiedelt wurden, hätten diese Fragen leichter beantwortet werden können. Fast 50 Jahre später habe man den weniger als 90.000 noch lebenden Betroffenen damals 20.000 Dollar pro Kopf als Entschädigung zugesprochen. Diese Summe hätten sie "für ein persönlich erlittenes Leid" erhalten.

Ereignisse, die mehrere Hundert Jahre her sind, zu entschädigen, das sei sehr schwierig. Die Hauptfragen seien, wer überhaupt berechtigt sei, eine Entschädigung in Anspruch zu nehmen – und wie sinnvoll wären geringe Zahlungen überhaupt? Wäre es nicht viel sinnvoller, einen Fond einzurichten, um die Ausbildungschancen von Afroamerikaner zu verbessern?

Anhaltende Ungleichheit

Bei der Frage von Reparationen könne es auch nicht nur um das Ende der Sklaverei 1865 gehen, sagt Britta Waldschmidt-Nelson. Denn bis 1965 habe es in den USA weiterhin legale Diskriminierungen von Afroamerikanern gegeben. Schwarze seien im Süden der USA vom Besuch von öffentlichen Hochschulen ausgeschlossen worden, es habe schlimmste Diskriminierungen im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben gegeben, die bis heute nachwirken würden. "Es ist ja kein Zufall, dass das Durchschnittseinkommen einer schwarzen Familie nur knapp über 40 Prozent dessen einer weißen Familie ist."

Im Bereich Bildung und Krankenversicherung seien Schwarze heute immer noch schlechter gestellt. Daher wäre es für Waldschmidt-Nelson sinnvoller, mehr für die soziale Gerechtigkeit innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft zu tun, als jetzt genau zu recherchieren, wer als Vorfahren Sklaven gehabt habe. Nichtsdestotrotz gebe es gerade "ein Momentum", das vieles ermöglichen könnte.

(jde)

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