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Fazit | Beitrag vom 15.09.2018

Renzo Piano-Ausstellung in LondonSchwerelose Gebäude über freien Plätzen schwebend

Von Robert Rotifer

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Das jüngste Werk des italienischen Architekten Renzo Piano, das imposante Kunst- und Kulturzentrum «Centro Botin» an der Bucht von Santander (Spanien), aufgenommen am 22.06.2017. (dpa-Bildfunk / Emilio Rappold)
Das von Renzo Piano erbaute Kunst- und Kulturzentrum "Centro Botin" in Santander. Die Royal Academy of Arts widmet dem italienischen Architekten eine umfassende Ausstellung. (dpa-Bildfunk / Emilio Rappold)

Mit dem umstrittenen Wolkenkratzer "The Shard" hat der italienische Architekt Renzo Piano die Skyline von London maßgeblich mitgeprägt. An der Royal Academy of Arts wurde am Samstag eine große Ausstellung zu seinem Schaffen eröffnet.

Da steht also dieser schlanke, elegante 81-jährige in dunkelblauem Blazer und grauen Hosen und zieht mit seinem langen Arm bewundernd die Decke Gabrielle Jungels-Winkler-Galerie nach. Sein Kollege, der englische Architekt David Chipperfield habe das sehr gut gemacht, lobt Renzo Piano: "Ich finde, dass mein Kollege David Chipperfield eine sehr gute Arbeit gemacht hat. Das ist wunderschön, wunderschön. Schauen Sie sich die luftige Atmosphäre dieses Raums an. Wunderschön."

Nützliche Technik und Kunstwerk zugleich

"The Art of Making Buildings" ist die erste Architekturschau in der von außen unsichtbar in ein viktorianisches Prunkgebäude gebauten Erweiterung der Royal Academy - eigentlich eine Antithese zu Renzo Pianos eigenen, radikalen Museumsbauten wie dem Centre Pompidou in Paris. Ein riesiger roter Stahlarm aus der Deckenkonstruktion wurde für die Dauer der Ausstellung vor der Galerie platziert, einerseits als Tribut des Meisters an seinen 1992 verstorbenen Statiker Peter Rice. Andererseits als Symbol der von Piano kultivierten Ambivalenz: Nützliche Technik und Kunstwerk zugleich.

Piano: "Architektur und Bautechnik überschneiden einander, sie sind dasselbe. Auch der Bau selbst. Deswegen lasse ich mich gern einen Baumeister nennen, weil darin alle diese drei Dinge zusammenkommen, die sich nur schwer von einander trennen lassen. Peter war ein perfektes Beispiel dafür. Ich will also, dass Sie auf der Straße dieses rote Ding sehen und sich sagen: Das ist ein Stück von Peter Rice."

Ausgewählte Glanzstücke aus dem Lebenswerk

Das große Statement vor der Galerie wird in der Ausstellung selbst allerdings nicht fortgeführt. Stattdessen werden 16 ausgewählte Glanzstücke von Renzo Pianos Lebenswerk als Modelle samt Original-Skizzen präsentiert, darunter der Parco della Musica in Rom, das New Yorker Whitney Museum, das Kulturzentrum Jean-Marie Tjibaou in Neukaledonien, nicht aber der Berliner Potsdamer Platz.

Modell von Renzo Piano in der Londoner Ausstellung (Robert Rotifer)Eine fiktive Insel, auf der im Original-Maßstab Modelle von 100 Bauwerken von Renzo Piano stehen, darunter der Berliner Potsdamer Platz und das Centre Pompidou. (Robert Rotifer)

Jean-Marie Tjibaou Cultural Centre, Noumea, New Caledonia, Pacific PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: MichaelxRunkel 1184-1047 Editorial Use Only Jean Marie Tjibaou Cultural Centre Noumea New Caledonia Pacific PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright MichaelxRunkel 1184 1047 Editorial Use Only (imago stock&people)Das von Renzo Piano erbaute Jean Marie Tjibaou Cultural Centre in Neukaledonien (imago stock&people)

Der rote Faden, den Kuratorin Kate Goodwin dabei herausarbeitet, ist die Erschaffung öffentlicher Räume als Teil des Baukonzepts: "Ein sehr wichtiger Aspekt seiner Arbeit ist es, das Gebäude von der Erde abzuheben und Räume für die Menschen darunter zu schaffen. Sehr oft gibt es da einen nahtlosen Übergang von der Straße zur Unterseite des Gebäudes, das ist ein politisches Statement, denn wir müssen die Leute zusammenbringen. Architektur sollte nicht Barrieren schaffen, sondern sie vielmehr öffnen."

Der italienische Architekt Renzo Piano im September 2014. (ERIC FEFERBERG / AFP)Der italienische Architekt Renzo Piano. (ERIC FEFERBERG / AFP)

Piano distanziert sich von Allmachtsfantasien

Das Herzstück der Londoner Ausstellung ist das Modell einer fiktiven Insel, auf der sich einhundert Bauwerke in ihren tatsächlichen Größenverhältnissen in einer Art Renzo-Piano-Ideal-Welt versammeln. In seiner Eröffnungsrede distanziert Piano sich aber deutlich von architektonischen Allmachtsfantasien: "Diese Idee, dass die Architektur irgendwie die Welt verändern könnte, ist verrückt. Die Welt verändert sich von selbst durch große Umwälzungen, die sich oft nicht so leicht verdauen lassen. Die Architektur zelebriert diesen Wandel und gibt im eine Form. Sie repräsentiert gesellschaftliche Veränderungen, die zu Gebäuden werden. Das ist, was der Architekt macht."

Dementsprechend reflektiert "The Art of Making Buildings" auch den gesellschaftlichen Wandel der letzten fünf Jahrzehnte, von großen öffentlichen Investitionen wie dem Centre Pompidou bis zur monumentalen Machtgeste des Emirats Katar, das sich als Wolkenkratzer "The Shard" ins Herz von London bohrt.

Ausformuliert werden solche Hintergründe nicht, dafür erklärt Renzo Piano aber in einer an die Wand projizierten Doku seine inklusive Weltsicht und erweckt dabei im Betrachter ein in düsteren Zeiten fast schon vergessenes, wohliges Gefühl des Glaubens an Utopien. Voller schwereloser Gebäude, schwebend über freien Plätzen, in denen die Menschen schrankenlos zusammenkommen. Sofern es die Security erlaubt.

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