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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.10.2017

RentendebatteRentner-Republik – Nein Danke!

Von Max Thomas Mehr

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Heinz Stäcker (l-r, 86, SSC Vellmar von 1973), Horst Pfeiffer (88, Sport-Club Itzehoe) und Herbert E. Müller (86, LAV Bayer Uerdingen/Dormage) sprinten am 08.07.2016 beim 100 Meter Lauf (Startklasse M85) bei den Deutschen Senioren-Meisterschaften der Leichtathletik in Leinefelde-Worbis. (dpa / picture alliance)
Von wegen ausgezehrte Rentner - immer mehr alte Menschen sind vital und fit. Zeit, dass die Gesellschaft das anerkennt. (dpa / picture alliance)

Die geburtenstarken Jahrgänge steuern auf die Rente zu. Die Chancen stehen gut, dass 2060 jeder Dritte in Deutschland 65 Jahre oder älter sein wird. Ein graues ruhiges Land? Vielleicht. Doch immer weniger alte Menschen entsprechen dem Bild des aufgezehrten Rentners. Sie sind vital, wollen und können weitermachen.

Montags Volkstanz, Dienstags Gymnastik, Mittwochs Wandertag, Donnerstags Akkupunktur und Bummeln auf dem Kurfürstendamm, Freitags Schwimmen und Sauna. Die Wochen sind getaktet. Im Sommer geht’s auch noch zwei Wochen an die Ostsee, Kühlungsborn, und demnächst wieder mit dem Flixbus Freunde in der alten Heimat besuchen. Meine Mutter weiß mit ihrem Dasein als Pensionärin etwas anzufangen.

Wir sind nicht die graue Masse

Geht es nach den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen unserer Gesellschaft, dann bin auch ich nächstes Jahr fällig, fällig für die Rente. Meine Mutter wird dann 95 und ich werde 65. Ich finde die Vorstellung allerdings absurd und fühle mich höchstens wie 50. Vielleicht auch deshalb, weil meine Tochter dann noch zwei Jahre zur Schule gehen muss und meine Frau erst in zwei Jahren Sechzig wird.

Mal ganz abgesehen davon, dass meine Rente dann eh viel zu niedrig sein würde, und das, obwohl ich weit über 40 Jahre eingezahlt haben werde, finde ich, dass wir Über-60jährigen nicht die graue Masse sind, die den Youngstern auf der Tasche liegt. Wollen wir auch gar nicht sein.

Wir gestalten die Demokratie

Mal ehrlich, liebe Deutschlandfunkhörer, hier sind wir doch vermutlich auch die Mehrheit: Wir Über-60jährigen oder fast schon Über-60jährigen. Wir gestalten doch die Demokratie mit all ihren Checks and Balances. Die Generation Instagram eher doch nicht. Dagegen hilft kein Jammern und auch kein sich anbiedern.

Wie sich politische Willensbildung bei der Generation, die nach dem Mauerfall groß geworden ist, mal herausbildet? Abwarten! In Parteien sind die jedenfalls eher nicht. Und Zeitung lesen sie auch nicht. Vielleicht behaupten sie sich mit ganz eigenen, noch unbekannten Wegen in unserer repräsentativen Demokratie.

Die meisten wollen nicht in Rente

Und mal ehrlich, solange Wolfgang Schäuble, 75, bis jetzt Finanzminister und demnächst als Bundestagspräsident Zuchtmeister der Parlamentsdebatten väterlich mit Cem Özdemir bei Anne Will über schwarz-grüne Gemeinsamkeiten plaudert und Angela Merkel (63) schon vor der Wahl der taz ein dreiseitiges Interview gewährt, weil sie weitermachen wird – nun eben auch mit den Grünen – müssen wir zur Kenntnis nehmen: In Rente gehen wollen die meisten von uns nicht.

Heute sind die Über-60jährigen eine nicht zu vernächlässigende Größe, die sogar mehr leisten könnte, wenn man sie nur ließe und sie nicht mit 65 oder 66 zwangsverrenten würde. Das Bild, das von uns in der Öffentlichkeit gern vermittelt wird, ist das Bild vom grauen alten Ehepaar auf der Parkbank, das in der Abendsonne dem Tod entgegenblinzelt. Ein Klischee aus dem vorigen Jahrhundert.

Sicher, es gibt auch heute noch den Dachdecker, die Supermarktkassiererin und die Krankenschwester, die nach all den Berufsjahren mit 65 nicht mehr können. Aber in der globalisierten digitalen Arbeitswelt 4.0 können sie nicht der prägende Maßstab sein.

Lebensfremdes Gejammer

Wir Über-60jährigen sind jetzt schon die größte Wählergruppe. Rentnerrepublik? Nein danke! Viele von uns wollen wirklich nicht Teil davon sein, jedenfalls nicht mit 65, 66 oder 67. Der Wahlkampf ist vorbei! Wird Zeit, das Bild vom Alter, von Lebenszeit, Arbeitszeit und Rente in unserer Gesellschaft gründlich zu revidieren. Die düsteren Zukunftspropheten, mit ihrem Gejammer von der überalterten Gesellschaft, die uns alle als graue pflegebedürftige Masse sehen wollen, sind lächerlich, lebensfremd.

Einer meiner Nachbarn wird demnächst 75 und lief am Wochenende gerade seinen 62. Marathon. Da kann ich nicht mithalten. Aber ich geh gleich morgen wieder ins Fitneßstudio – aufs Laufband, das schont die Knochen. Vier Kilometer in einer halben Stunde. Die Haare mögen grau sein, der Rest ist es nicht!

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