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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.09.2009

Renner: Musikindustrie muss sich als Dienstleister begreifen

Tim Renner im Gespräch mit Jürgen König

Tim Renner, Chef des unabhängigen Labels "Motor Music" (AP Archiv)
Tim Renner, Chef des unabhängigen Labels "Motor Music" (AP Archiv)

Nach Ansicht des Musikproduzenten Tim Renner muss die Musikindustrie einen Paradigmenwechsel vollziehen. Um Geld mit Musik im Internet verdienen zu können, müsse man die illegalen Tauschbörsen als Konkurrenz ernst nehmen und ein ähnliches legales Angebot gestalten.

Katrin Heise: Die Popkomm ist abgesagt, aber es gibt eine Ersatzveranstaltung: "all2gethernow". Sollte man nicht das Internet, den dort stattfindenden Umgang mit Kultur, in diesem Fall mit Musik, sollte man den mal nicht als Bedrohung sondern als Chance begreifen? Das fragen sich die Organisatoren von "all2gethernow", die einen Verein gegründet haben. Einer, der dabei ist, ist Tim Renner, ehemals Deutschlandchef der Plattenfirma Universal. Seit einigen Jahren aber versucht Tim Renner, mit seiner Musikfirma "Motor", die unter anderem den Radiosender "Motor.fm" betreibt, neue Geschäftsmodelle und Vertriebswege für Musik zu finden. Mein Kollege Jürgen König sprach mit Tim Renner.

Jürgen König: Herr Renner, beschreiben Sie uns doch noch mal genau: Wie ist diese Initiative "all2gethernow" entstanden?

Tim Renner: Der Impuls kam aus dem Internet. Es wurde sehr schnell sehr heftig darüber diskutiert, wie die Popkomm abgesagt wurde, denn so einfach ist es ja nun nicht, dass man sagen kann, da laden sich Leute illegal Songs runter und deshalb kann die arme Schallplattenindustrie keine Popkomm mehr machen. Vielmehr stellte sich schnell raus, dass das Konzept der Popkomm sich eher ein wenig überholt hat - es gibt halt nichts mehr zu feiern und zu präsentieren.

Aber es stellt sich auch heraus: Es gibt sehr viel zu diskutieren, zu diskutieren zwischen all denen, die Musik eigentlich lieben, nämlich denen, die sie machen, denjenigen, die sie kommunizieren, und denjenigen, die sie im Netz, legal oder illegal, distribuieren. Und die wollten wir möglichst schnell an einen Tisch bringen.

König: Wer gehört zu "all2gethernow"? Dass es als Verein organisiert ist, finde ich ja schon ganz wunderbar, weil endlich dieses Wort Verein irgendwie plötzlich einen neuen Sinn, einen neuen Klang bekommt.

Renner: Für mich auch herrlich, ich bin somit zum ersten Mal in meinem Leben Vereinsmitglied geworden. Diesen Verein haben gegründet: Kommunikationsfirmen aus dem Internet, wie newthinking communications, das sind diejenigen, die die Web 2.0-Veranstaltung re:publica hier in Berlin schon betreiben, aber auch Kommunikationsfirmen wie kleinundpläcking, Veranstaltungsorte wie das Radialsystem und eben Contentfirmen wie wir von Motor.

König: Was genau stellen Sie sich vor, was soll auf dieser Messe ... kann man da überhaupt noch Messe sagen? Eigentlich ist es mehr so eine Mischung aus Konferenz und Festival und Ähnlichem.

Renner: "All2gethernow" besteht eigentlich aus drei Bausteinen. Der eine Baustein ist das Camp, das ist so eine Art großer Workshop, man sagt heutzutage ganz modern BarCamp, wo jeder kommen kann, sein Thema setzen kann, man auf Augenhöhe diskutiert und versucht, Lösungen gemeinschaftlich zu erarbeiten. Der zweite Baustein ist die Konferenz. Dort präsentieren wir zwölf bereits erfolgreiche Geschäftsmodelle im Internet und auch anders mit Musik - wie kann man heute noch Geld verdienen - und die besten Lösungen aus dem BarCamp. Und der dritte, ganz wichtige Bestandteil ist die Cloud. In der Cloud sammelt sich all das zusammen, ...

König: Die Wolke.

Renner: In der Wolke, die um uns kreist , ... was in Berlin musikalisch in diesen drei Tagen läuft. Also gerade die vielen kleinen Künstler, die sich mühsam einen Gig gesucht hatten in Berlin, um sich zur Popkomm zu präsentieren, haben jetzt wieder eine Chance, dies zu tun.

König: Über die Konferenz heißt es in einer Selbstdarstellung von "All2gethernow", Zitat: "Statt vorgefertigter Präsentationen und Top-Down-Kommunikation werden in offenen Strukturen und in zahlreichen Workshops Lösungsansätze erarbeitet." Nehmen Sie es mir nicht übel, aber als ich das las, sah ich viele Menschen, die sich sehr viele Stunden lang die Hirne zermartern. Das können sehr lange Sitzungen werden, oder?

Renner: Das können in der Tat sehr lange Sitzungen werden, zum Glück ist ja das BarCamp auf zwei Tage begrenzt, also länger als 48 Stunden kann es nicht dauern. Es wird vor allen Dingen für uns, die Veranstalter, sehr lang werden, denn während Sie vielleicht lustig mitdiskutieren und dann Abends auf die Konzerte gehen, sitzen wir noch da und versuchen eben halt, in Ergebnisprotokollen alles zu verdichten, was dort gefunden wurde zwischen den unterschiedlichen Seiten, um es eben nachher dann zu präsentieren auf der Konferenz. Das heißt: Sie können Spaß haben und ich muss arbeiten.

König: Sie haben es eben so nebenbei gesagt - "wie man auch wieder Geld verdienen kann mit Musik". Ist das so der heimliche rote Faden, der sich durch alle Überlegungen zieht, also das Generalziel?

Renner: Eigentlich schon, auch wenn es ganz böse klingt vielleicht erst mal für Ihren Zuhörer, aber der Musiker hat ja ein Problem, wenn er von seiner Musik nicht mal ansatzweise leben kann, und diese Gefahr besteht. Und da müssen wir schon alle uns mit das Hirn zermartern, welche Wege es denn gibt, ohne das Internet und die Nutzer zu kriminalisieren, das Ganze für den Künstler wieder zu monetarisieren. Und sich da Gedanken zu zu machen, da ist jeder eingeladen, halt auch wirklich Ihr Hörer, also: Wer das jetzt hört und noch mitreden will, der kann jederzeit kommen zur "Münze" in Berlin.

König: Lassen Sie uns an Ihren Gedanken teilhaben: Welche Wege könnte es geben?

Renner: Für mich ist ein ganz wichtiger Weg, sich anzugucken, wie Musikkonsumtion real passiert. Es ist nun mal das Internet, es ist ganz häufig auf Sharing-Plattformen, ...

König: Was heißt das?

Renner: Tauschbörsen, wo eben halt Menschen ihre Songs reinstellen, die sie irgendwo gefunden haben. Das können Perlen aus der Vergangenheit sein, das können aber auch Sachen sein, die bei Ihnen aus dem Radio mitgeschnitten sind, die noch längst nicht veröffentlicht sind. Ich glaube, eine solche illegale Tauschbörse kann ich nur schlagen, indem ich sie als Konkurrenz ernst nehme. Nehme ich sie als Konkurrenz ernst, muss ich ein Angebot dagegenstellen, was mindestens genauso gut ist, das heißt: Ich warte sowohl als Konsument als auch als Produzent verzweifelt darauf, dass endlich geschlossen die Musikwirtschaft mir eine Börse gibt, wo ich einmal einen Betrag zahle, und dann jedes Musikstück bekomme, egal, wann es aufgenommen wurde, wie neu, wie alt es ist, und es auch behalten kann. Da wäre ich sofort dabei und ich glaube, die Denkrichtung muss dahingehen, illegale Praxis ins Legale überzuführen und dabei ein Geschäftsmodell zu bauen.

König: Kommen dabei auch Summen zustande, um dann tatsächlich allen, die daran partizipieren, genügend Geld zur Verfügung zu stellen?

Renner: Ich hoffe schon. Wir haben ja ein ähnliches System, wo schon signifikante Summen zusammenkommen, und da sind wir gerade: im Radio. Da passiert ja nichts anderes. Das Radio liefert dauernd ihren Hörern frei Musik. Dahinter gibt es eine Einigung mit den Verwertungsgesellschaften, der GEMA und der GVL, und die Künstler und die Autoren werden darüber vergütet, punktgenau zu den Songs, die Sie auch spielen. Es kann funktionieren.

König: Inwiefern kann die Vernetzung, die im Internet passiert ist und immer intensiver passiert, inwieweit kann die dem einzelnen Musiker helfen, sich mehr einzubringen und auch darüber zum Beispiel an Auftritte zu kommen und letztlich eben Verdienstmöglichkeiten zu haben?

Renner: Der Künstler hat durch die Vernetzung viele Vorteile. Einerseits kann er in der Produktion zusammenspielen mit Leuten, von denen er vorher nur geträumt hat, zusammenzuspielen. Wenn Sie einen guten Bassisten kennen in Ulan Bator, dann können Sie den durch einen Soundcloud-Link direkt mit bei sich mitmachen lassen und kriegen was ganz Neues zustande. Er kann seine Musik eigenständig distribuieren, also eben zusehen, dass weltweit seine Musik sich verbreitet und die Menschen ihn downloaden können. Er kann mit seinen Fans direkt kommunizieren und somit auch zu einem Veranstalter gehen und sagen: Ich mag zwar in einer Stuttgarter Band sein, aber guck mal, das sind alles meine Berliner Fans, die sich hier schon eingeschrieben haben, dass sie heute zu meinem Konzert kommen wollen. Veranstalte es!

König: Aber der kommerzielle Vertrieb würde dann über die von Ihnen genannte zentrale Börse laufen sollen?

Renner: Wenn sich solche Ideen, wie ich sie als Privatperson Tim Renner hier formuliere, durchsetzen würden, dann gäbe es ein paar zentrale Server und die wüssten dann, welches Musikstück wer runtergeladen hat und könnten dann auch wirklich punktgenau vergüten und zusehen, dass eben halt der Musiker sein Geld bekommt.

König: "All2gethernow" heißt Ihr Verein und heißt diese, ja, Messe will ich sagen, aber das ist ein falsches Wort, also, heißt diese Veranstaltung, das Branchentreffen. "All2gethernow" - ist das ein Imperativ, jetzt lasst uns alle zusammenkommen, oder ist das schon die Zustandsbeschreibung?

Renner: Das ist jetzt, zu diesem Moment, noch ein Imperativ, das ist hoffentlich, nachdem wir diese Veranstaltung gemacht haben, eine Zustandsbeschreibung gewesen. Sie müssen dazu wissen, dass wir diese Veranstaltung ja erst ins Leben rufen konnten, als wir gemerkt haben: Es gibt keine Popkomm. Das war vor zweieinhalb Monaten. Dann haben wir noch einen halben Monat mit uns gerungen, ob wir das überhaupt schaffen, und eben halt vor zwei Monaten wirklich angefangen. Das heißt, diese ganze Veranstaltung ist mit einer sehr heißen Nadel gestrickt und wir werden jetzt sehen, ...

König: Ich freue mich, mal jemanden zu hören, der das auch so zugibt.

Renner: Ja, wir werden jetzt sehen: Wie viele haben wir wirklich erreicht und ist es uns wirklich gelungen, alle an einen Tisch zu bekommen, und ist aus dem Imperativ wirklich eine Zustandsbeschreibung geworden?

König: Inwieweit ist die klassische, in Anführungsstrichen, Musikindustrie da mit im Spiel? Oder hält die sich da völlig zurück?

Renner: Die klassische Musikindustrie sitzt momentan ein bisschen in der Ecke und schmollt, wie üblich. Ich weiß nicht, ob Sie auch Kinder haben, aber wenn man Kinder hat, weiß man: Man muss denen Zeit geben, irgendwann kommen die dann wieder spielen.

König: Und welche Zukunft prophezeien Sie ihr, also der klassischen Musikindustrie?

Renner: Die klassische Musikindustrie hat dann eine Zukunft, wenn sie sich als Dienstleister begreift. Momentan ist es ja umgekehrt, momentan sind Sie Künstler und Sie geben ihre Rechte eigentlich an den Konzern, die Industrie ab. Der Künstler ist der Dienstleister, und in Zukunft wird sich das mehr und mehr umdrehen. Die Musikindustrie hat zum Beispiel einen globalen Kommunikations- und Verwertungsapparat, den kann sie Ihnen als Künstler zur Verfügung stellen, dann ist aber sie der Dienstleister. Hier gibt es so eine Art Paradigmenwechsel, den muss sie mitmachen, dann hat sie eine Zukunft.

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