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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.10.2017

René Pollesch am Stuttgarter StaatstheaterSex in der Bowlingbahn und kollektives Schreien

Von Christian Gampert

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Rene Pollesch sammelt während der Verleihung des Theaterpreises die heruntergefallenen Blätter seines Redemanuskripts vom Boden auf. (dpa/Soeren Stache)
Regisseur Rene Pollesch bei einem Auftritt anlässlich des Theaterpreises 2012. (dpa/Soeren Stache)

Der Regisseur René Pollesch produziert am Stuttgarter Staatstheater ein Stück mit dem Titel: "Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?" Die Inszenierung ist ungewöhnlich entspannt - kaum postmodernes Theorie-Gefasel, wie man es sonst von Pollesch kennt.

Im Sommer 2016 inszenierte René Pollesch im Kornwestheimer Auto-Kino: "Stadion der Weltjugend" hieß das Stück, das die Stuttgarter Jugend in den Vorort zog. Jetzt ist Pollesch zurückgekehrt ins große Haus des Stuttgarter Staatstheaters. Die neue Aufführung mit dem sportiven Titel "Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?" bringt fünf Pollesch-Schauspieler aus dem Stuttgarter Ensemble mit einem Frauen-Chor zusammen, der zum großen Teil aus gecasteten Statistinnen besteht.

Selten war René Pollesch so entspannt wie an diesem Abend. Kein Video, nur wenig postmodernes Theorie-Gefasel. Es geht um Innen und Außen. 1968 sei das Ende der kapitalistischen Expansion nach außen gewesen, weil man in Astronauten-Fotos die Erde als Ganze betrachten konnte: die gesamte Menschheit in einem Bild. Seitdem gebe es nur noch Innenwelten, Hippie-Kram, von Kalifornien aus gesteuerte digitale Netzwerke. Und den Kampf Frau gegen Mann – oder umgekehrt, wie man am Beispiel des Grapschers Donald Trump sehen könne.

Frauenchor erklärt sich zum Mann

Der Stuttgarter Frauenchor hält da gleich am Anfang dagegen und erklärt uns: Ich bin der Mann! Eine feministisch-mechanische Grabschmaschine ist als Gegengift seit geraumer Zeit bereits im Internet zu betrachten. "Pussy Grabs Back" wird nun zum Slogan und Kampfschrei des Stuttgarter Chores, der ansonsten aber sehr unterhaltsam herumtanzt - wie in den 1970-ern Jahren das Fernsehballett.

Im Bühnenbild von Janina Audick schwebt bisweilen eine Art rote Zunge von oben ein, auf die man sich auch setzen kann. Man spricht viel über Film an diesem Abend, über Hitchcock zum Beispiel, der den "MacGuffin" erfand – also ein Geheimnis, das die Handlung vorantreibt.

Was die Welt im Innersten zusammenhält

Was hält uns zusammen? Mehr die Dinge als die Menschen, mehr die Gegenstände als Liebe und Sex - krakeelen die Pollesch-Ironiker. Astrid Meyerfeldt, die bisweilen aussieht wie Gena Rowlands bei John Cassavates, hat eine grandiose Solo-Szene: Sie sei auf der Suche nach Sex in einer Bowlingbahn. Ach du meine Güte! Dann tanzt man zu schrecklicher Tingeltangel-Musik oder ergießt die Pollesch-üblichen Wortschwälle und Satzkaskaden über das Publikum.

Der Abend ist ein schönes, unterhaltsames Chaos ohne höheren politischen Anspruch – aber gerade dadurch subversiv-entspannt. Klar, ein bißchen Feminismus muss sein. Und ansonsten: "intensivierten Innenwelten", Hippie-Bashing, Schreien im Kollektiv.

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