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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.08.2017

Renaturierung von UranabbaugebietStrahlende blühende Landschaften

Von Bastian Brandau

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 Ehemalige Uranbergbauhalde im Erzgebirge. (Bastian Brandau)
Der Abraum des ehemaligen Uranbergbaus grünt langsam. (Bastian Brandau)

Jahrelang wurde in Thüringen und Sachsen Uran abgebaut. Nun grünen die Hügel aus Abraum langsam. Das Ziel: Die Hänge sollen sich eines Tages nicht mehr vom Rest des Mittelgebirges unterscheiden lassen. Und auch nicht mehr strahlen.

"...also wir sind jetzt auf der Halde vom Schacht 371, die Böschungen sind schon konturiert, abgedeckt, begrünt, wir fahren jetzt auf das Plateau der Halde."

Olaf Wallner lenkt den roten Geländewagen steil bergauf. Der Pumpen-Turm von Schacht 371 verschwindet im Tal der Zwicker Mulde aus dem Blickfeld. Wallner kam im Frühjahr 1989 als Ingenieur zur damaligen Wismut AG, die als Gemeinschaftsunternehmen der DDR und Sowjetunion Uran abbaute. Für die nach der Wende gegründete bundeseigene Wismut GmbH kümmert er sich um den Rückbau der Betriebsanlagen am Standort Aue/Königstein.

Gigantische Aufschüttungen

Bis zur Wende wurde der Abraum aus dem Uranbergbau rund um die Schächte einfach nur in gigantischen, grauen Halden aufgeschichtet. Jetzt bedecken hier erste Pflanzen die ehemalige Halde. Bald sollen hier, wie bereits auf zahlreichen ehemaligen Halden in der Gegend, Bäume wachsen, der Berg sich irgendwann äußerlich nicht mehr von den umliegenden Kuppen des Mittelgebirges unterscheiden. Die Halde oberhalb von Schacht 371 gehört zu den letzten, die rund um das ehemalige Bergwerk Aue renaturiert werden. Neben der Straße ist teilweise noch der graue Bergbauschutt zu sehen:

"Hier sieht man mal schön, wie das mit der Abdeckung funktioniert: Wir haben hier unten drunter die Haldenschüttung, und dann das rote und das bräunliche, das ist dann der Mineralboden, und obendrauf dann ein bisschen Kultivierungssubstrat, zehn Zentimeter, als Startbegrünung."

Gesundheitsgefährdende Stoffe

Welche Pflanzenarten dabei zuerst auf dem neuen Boden gesät werden, ist übrigens genau geregelt. Überall, wo die Wismut Halden umgestaltet oder umgestaltet hat, stehen silberne Kästen, die aussehen wie überdimensionierte Elektro-Sicherungskästen. Sie erinnern daran, dass die Halde auch gesundheitsgefährdende Stoffe enthält. Das gilt auch für die Altmaterialien aus der Grube und der Wasseraufbereitung, die hier auf dem Plateau gesammelt wird. Deswegen bleibt Wallner hier auch im Auto sitzen:

"Hier wird Radon und Staub gemessen mit diesem Messcontainer. Einmal zur Allgemeinüberwachung und natürlich auch zur Überwachung von den Arbeitnehmern, wenn die hier im Einsatz sind."

Die arbeiten in einem Strahlenschutzbereich, Arbeitskleidung und Schuhe werden nach Einsatz zentral gereinigt, erklärt Wallner, während er das durch eine Schranke abgetrennte Haldengelände am Schacht 371 verlässt.

Geschichte des Bergbaus

Es geht weiter auf die Landstraße Richtung Aue. Der Autobahnzubringer lag einst ebenfalls auf dem Gelände der Wismut, die Umstrukturierung hat auch Wege verkürzt in der Region.

Rechts von der Straße hat ein Modellflugverein eine ehemalige Halde gepachtet, an diesem Nachmittag ist hier nur ein Jogger zu sehen. Ein kurzer Fußweg, dann öffnet sich der Blick über das Tal der Zwickauer Mulde über den teilweise bewaldeten Hang gegenüber, an dessen Rand ein weißer Turm zu sehen ist.

2349695096_Ehemalige Uranbergbauhalde im Erzgebirge2.JPG (Bastian Brandau)Halde 38 mit Förderturm. Nicht alles wird bepflanzt um freie Sicht zu lassen. (Bastian Brandau)

"Der Gegenhang ist auch alles Haldenschüttung, rechts mitdem Förderturm, da ist unser Abwetterschacht 382, das ist die Halde 38 neu von der Bezeichnung her, der Haldenkörper zieht sich noch in das Tal hinter, von uns weg. Auf dem Plateau und auf dem Plateau links daneben ist ein Golfplatz entstanden als Nachnutzung."

Bewusst werden einige Gebiete nicht mit Bäumen bepflanzt, um freie Sicht zu ermöglichen. Und in einigen Jahren, so die Hoffnung, werde nur noch das geschulte Auge die ehemalige Halde erkennen.

In Bad Schlema auf der anderen Seite des Tals bietet das Museum Uranbergbau einen Einblick in die Geschichte der Region, die nicht vom Bergbau zu trennen ist. Zu sehen sind neben zahlreichen Exponaten aus den unterschiedlichen Zeiten des Bergbaus auch Vorher-Nachherfotos: Museumsleiter ist Hermann Meinel:

"Sie sehen hier also einen Rundumblick, der ist 1963 gemacht worden, 360-Grad-Aufnahme, und sie sehen also hier in dieses Deformationsgebiet, in dieses ehemalige Kurgebiet. Sie sehen diesen Hammerberg, der also um Hundert Meter zu Tal gerückt ist, und weiter runter sehen Sie, wie sich der Blick nach Niederschlema weitet, dort wo heute unser Golfplatz sich befindet. Und wenn Sie also heute langlaufen, brauchen Sie diese Bilder, um überhaupt eine Vorstellung zu bekommen, wie das früher aussah. Und das ist eigentlich Sinn und Zweck dieses Sanierungslehrpfades, den Leuten bei einer Wanderung durch die schöne, sanierte Landschaft, letzlich diese gewaltigen Geländeveränderungen, die durch die Sanierungsarbeit der Wismut stattgefunden haben, auch wieder nachvollziehbar zu machen."

Lebensbedingungen schwer vorstellbar

Das kann man zu Fuß auf einem Bergbau- und Sanierungslehrpfad nachempfinden. Aber: Trotz Museum und Lehrpfad bleibt es schwer vorstellbar, unter welchen Umständen die Menschen im Erzgebirge lange Jahre gelebt haben.

"Es war hier also viel mit Dreck und Schlamm, wir haben also Berichte von Leuten, die schreiben dann, hier war alles verdreckt, alles grau in grau. Die LKW-Fahrer sind durch den Ort gebrettert, als wenn der Teufel hinter ihnen her gewesen ist, die Erzlaster und so weiter."

Schächte und Halden direkt im Ort, zahlreiche Häuser die abgerissen werden mussten, seit hier nach dem Zweiten Weltkrieg der Uranbergbau begann. Dazu die Gesundheitsbelastung, vor allem für die Arbeiter unter Tage. Die Arbeit war dennoch beliebt, denn sie war gut bezahlt, die Bergarbeiter der Wismut genossen zahlreiche Privilegien. All das scheint bei einem Rundgang durch das grüne Bad Schlema lange her. Der Ort hat auch seine Bezeichnung als Kurort wieder erhalten.

Schadstoffe im Sickerwasser: Arsen, Uran, Radium

Überwacht werden müssen auch die für die Öffentlichkeit freigegebenen Bereiche, sagt Wismut-Ingenieur Olaf Wallner. Er erinnert sich noch gut an die Zeit vor der Wende.

"Es war alles auch grau, also auch die Straßen nicht im besten Zustand. Wir hatten in Oberschlema ein Bruchgebiet, was abgesperrt war, das keiner betreten durfte. Ja mit der Last sind wir dann 1990 angetreten und haben eben gemeinsam mit der Kommune, mit Bad Schlema, auch mit Aue, ein Sanierungskonzept erstellt, wo auch die Akzeptanz von beiden Seiten da war."

Arbeitsgebäude am Schacht (Bastian Brandau)Auch für Insutrieanlagen gilt der Grenzwert von weniger als einem Millisievert pro Jahr. (Bastian Brandau)

Zum 25. Mal hat die Wismut GmbH in diesem Jahr ihren Umweltbericht vorgelegt. Das Ziel, rund um Bad Schlema die Strahlen-Belastung der Bevölkerung durch die Hinterlassenschaften des Bergbaus auf weniger als ein Millisievert pro Jahr zu senken, sei erreicht. Dieser Grenzwert gilt auch für Industrieanlagen. Eine potenzielle Schadstoffquelle für Mensch und Umwelt seien aber auch die verunreinigten Sicker-und Grubenwässer. Gerade letztere sind höher belastet:

"Das Grubenwasser muss behandelt werden, aufgrund der Schadstoffe, Arsen, Uran, Radium. Wir haben da eine Wasserbehandlungsanlage, wo wir bis zu 1150 Kubikmeter Flutungswasser pro Stunde reinigen können und damit die Einleitewerte, die uns vorgegeben sind, auch einhalten und somit die Arsenfracht, die in den Gewässern drin ist, nicht noch weiter erhöhen."

Langfristplanung bis 2045

Die Bundesrepublik  hat über sechs Milliarden investiert, in Beseitigung und Verwaltung der Reste aus dem Uranbergbau, in Sachsen und im angrenzenden Thüringen. Die oberflächlichen Arbeiten neigen sich dem Ende zu. Wie lange Wallner, seine Kollegen und einst ihre Nachfolger noch hier tätig sein müssen, ist völlig offen:

"Wir haben jetzt eine Langfristplanung bis 2045, wo eben solche Maßnahmen enthalten sind wie Wasserbehandlung, Behandlung des Grubenwassers. Es ist nicht absehbar, wann das Wasser hier im Bergwerk einleitfähige Werte hat. Also gehen wir davon aus, momentan, bis mindestens 2045 zu behandeln. Auch die Liegenschaften und die Halden, die eingekapselt sind, da wird es wohl schwer einen Nachnutzer geben. Wir müssen die natürlich auch pflegen, wir müssen die Wasserableitsysteme unterhalten, gegebenenfalls Reparaturen an den Abdeckschichten vornehmen. Das ist jetzt alles schon in der Planung bis 2045 berücksichtigt."

Vom Bergbau- zum Kurort

Aus der einst einer Mondlandschaft gleichenden Gegend ist wieder eine lebenswerte Region geworden, ehemalige Halden dienen als Golfplatz, zum Joggen oder Wandern. Aus dem grauen Bergbauort Schlema ist inzwischen sogar wieder der Kurort Bad Schlema geworden.

"Wir veröffentlichen jedes Jahr den Umweltbericht, wo die aktuellen Daten der Umweltbelastung für Boden, Luft, Wasser und natürlich was sonst noch so aus dem Bergbau resultiert, dargestellt wird. Und wenn man so die Jahre die Berichte nimmt, dann sieht man schon den Trend dahin, dass vor allem auch die radioaktive Belastung durch Radon in Schlema sehr stark zurückgegangen ist. Der Sanierungserfolg ist ja immer sichtbar."

"Die Abkapselung, die Abdeckschicht von der Halde muss ja Bestand haben, wenn die verletzt wird, tritt dann sofort das Radon wieder aus, wir haben wieder Sickerwasserprobleme, also müssen einmal wieder die ganzen Wasserableitsysteme unterhalten werden, dass sie funktionieren. Es muss die Abdeckschicht kontrolliert werden, erhalten werden, indem man auch das Gras mäht, indem man dann später auch mal repariert, wenn Bäume umgefallen sind, die Abdeckschicht wieder schließt. Und man muss das Ganze forstwirtschaftlich unterhalten, dass nicht zu sehr Wildwuchs kommt."

Zurück zu Schacht 371 im Tal der Zwickauer Mulde. Einen Einblick über die Arbeit der Wismut GmbH können sich Besucher hier im Informationszentrum verschaffen. Ein Modell der Landschaft zeigt die Veränderung, Zwei Panoramafotos eines Berghangs zeigen das graue Vorher und das grünende Nachher eines Berghangs.

"Wie war es zu Bergbauzeiten? Einen Ausschnitt sieht man hier oben, also in Schlema an den Hängen waren die Haldenschüttungen mitten im Ort."

Finanzierung bis 2022 gesichert

Nach der Wende hat die Bundesrepublik die Verantwortung für alle Wismut-Anlagen übernommen, die vor 1962 in Betrieb gingen. Seit 15 Jahren kümmert sich die Wismut auch um die Hinterlassenschaften von Anlagen aus der Zeit davor. Die gibt es in Sachsen in 46 Standorten: strahlende Halden, unsachgemäß verwahrte Schächte, verfallende Betriebsgebäude. Die Sanierung finanzieren Bund und der Freistaat Sachsen gemeinsam, bis 2022 stehen Mittel zur Verfügung. Derzeit wird darüber debattiert, wie es danach weitergehen soll. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag Volkmar Zschocke:

"Die zu Sanierungsbeginn errechneten Mittel sind aufgebraucht. Das heißt es braucht jetzt auch weiterhin eine Bereitstellung der Kosten für zum Beispiel die Grubenwasserreinigung. Und diese Ausgaben, die dürfen eben nicht gedeckelt werden. Deswegen ist es wichtig, dass das Abkommen zur Sanierung, was jetzt ausläuft, verlängert wird und dass Bund und Freistaat sich auch weiterhin daran beteiligen."

Die sächsischen Grünen fordern, aus den Erfahrungen der Wismut auch für andere Energieformen zu lernen. Fraktionsvorsitzender Zschocke:

"Es muss von denen, die heute Bergbau betreiben, sichergestellt werden, dass die Kosten nach der Beendigung des Bergbaus eben nicht zu Lasten der Allgemeinheit gehen. Also wer Bergbau betreibt, der muss ausreichend Vorsorge betreiben, und der muss dann eben auch die Kosten, die bei der Stilllegung entstehen, bei dem Rückbau entstehen von Anlagen, was die Entsorgung auch von schwierigen Schadstoffen angeht, was die langwierigen Umweltfolgen angeht, für diese Folgen muss Vorsorge getroffen werden. Und diese Vorsorge muss natürlich gesichert sein in Fonds, die auch vor Insolvenz geschützt werden."

Immer transparent sein

Für 23 Milliarden haben sich die Atomkonzerne im vergangenen Jahr vor ihrer Verantwortung für die Lagerung von Atommüll freigekauft. Nun kümmert sich wieder eine vom Bund eingesetzte Kommission um diese Aufgabe. Was könnten die aus den Erfahrungen der Wismut lernen? Wismut-Ingenieur Olaf Wallner überlegt:

"Ein Tipp kann man geben: Immer transparent sein. Das hat die Wismut von Anfang an gemacht. Wir haben unsere Vorhaben immer in der Öffentlichkeit vorgestellt. Nur so haben wir Akzeptanz gefunden. Auch Misserfolge haben wir kommuniziert, also es gab auch hier und da mal Rückschläge. Transparenz, Ehrlichkeit, das hilft dann schon weiter gegenüber der Bevölkerung."

 

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