Seit 18:05 Uhr Nachspiel. Feature

Sonntag, 23.09.2018
 
Seit 18:05 Uhr Nachspiel. Feature

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 15.08.2018

Renaissance des LustwandelnsDie neuen Flaneure von heute

Von Wolfgang Kaschuba

Beitrag hören Podcast abonnieren
Gäste sitzen am Abend beim Sonnenuntergang in der Strandbar Holzmarkt am Spreeufer.  (Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB)
Fast wie bei Monet: Gäste in der Strandbar am Berliner Spreeufer. Die Stadt wird zur begehbaren Landschaft und Kontaktzone, sagt Wolfgang Kaschuba. (Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB)

Die Idee des Lustwandelns war lange Zeit verloren: Der Weg zu Fuß hatte einem höheren Zweck zu dienen. Doch mit der neuen Urbankultur und dem Nachtleben erlebt die lustvolle Weise der flanierenden Aneignung des Raumes ein Comeback.

Lustwandeln: Das klingt nach Goethezeit, nach Kieswegen in schattigen Parks, nach Damen in blumigen Sommerkleidern, eingehängt bei stutzerhaft gekleideten Herren mit Strohhut.

Ein Bild von Claude Monet aus dem 19. Jahrhundert. Frauen in schönen, hellen Ausgehkleidern gruppieren sich um einen Baum am Rande eines Wegs. (imago stock&people)Lustvolles Erkunden der Welt: Ausschnitt aus Claude Monets "Frauen im Garten" (imago stock&people)

Daran jedenfalls erinnern uns Bilder von Claude Monet aus dem Pariser Jardin du Luxembourg oder Szenen aus Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg. An die adeligen wie die bürgerlichen Pioniere des Spaziergangs also, die im 18. und 19. Jahrhundert noch Muße, Zeit und Geld genug hatten, um nachmittags durch reizvolle Parks zu promenieren oder abends durch urbane Räume zu flanieren. Während der große Rest der Menschheit noch arbeiten musste.

Die Lust weicht dem Zweck

Es ist dann die neue Bewegungsidee der Moderne, die versucht, aus diesem scheinbar nutzlosen Lustwandeln einen fast heroischen Akt zu machen. Man fördere die Gesundheit und übe zugleich den "aufrechten Gang", behaupten die bürgerlichen und proletarischen Wanderfreunde um 1900. Schließlich komme es darauf an, wer, wo und warum zu Fuß geht. Statt um Lust geht es nun um den Zweck: Die Ertüchtigung von Körper und Geist.

Und da damals noch vieles verboten war, fand auch manche Demonstration im Kaiserreich in der scheinbar harmlosen Form des Spaziergangs statt. Im guten Anzug und Kleid. Meistens drinnen in der Stadt. Manchmal aber auch, wenn die Polizeidichte dort zu hoch war, draußen in der Natur.

Heute haben wir das nicht mehr nötig – noch nicht? Vielmehr nähern wir uns wieder der alten Idee des Lustwandelns an. Jedoch keineswegs nur in nostalgischer Absicht, sondern in neuen, spätmodernen Varianten. Wandertouren mit Freunden in den Alpen, Trails durch die Rocky Mountains, Pilgern auf dem Jakobsweg oder Geschichtspfade wie der Berliner Mauerweg: Die Möglichkeiten wie die Motive des Wanderns sind vielfältig. Hauptsache, daraus ergibt sich ein höherer Sinn.

Jakobsweg: Ein Pilger auf dem mühsamen Weg nach Sahagun, Spanien, Kastilien und Leon (imago/blickwinkel)Wandern als spirituelle Übung: Ein Pilger auf dem Jakobsweg. (imago/blickwinkel)

Denn den braucht es heute schon: ein moralisches Anliegen, einen gesundheitlichen Zweck oder einen historischen Anlass. Also etwas, das unsere Körperbewegung motiviert, leitet und damit "adelt". Durch das Gehen und das Laufen wollen wir zu uns selbst kommen: durch die Naturnähe des Wanderns, das Gesunde des Walkens, das Asketische des Stadtmarathons, das Spirituelle des Pilgerns.

Zu Fuß auf der Suche nach dem Ich

Das eigene Ich finden wir heute offenbar zunehmend wieder in unseren Körpern und seinen Übungen. Verbunden mit schönen Bildern und Landschaften und zugleich eingebunden in soziale Situationen und Gemeinschaften: Von der Strandbar zum veganen Imbiss und dann weiter in den Club. Urbanes Wandern quasi als Surfen durch die Stadtlandschaft, durch ihre kulturellen Orte und sozialen Szenen. Auf der Suche nach dem Besonderen, dem Lokalen, dem Authentischen.

Auf der Spree befindet sich ein Schiff, auf dem Leute sich vergnügen. Im Hintergrund ist Friedrichshain zu sehen. (imago stock&people)Urbaner Ort des Authentischen: Das Badeschiff auf der Berliner Spree. (imago stock&people)

Stets in der Hoffnung, dass dieses auf uns abfärbt, dass auch wir uns dadurch echter und authentischer fühlen. Dass also unser urbaner Lebensstil uns selbst urbane Authentizität und Identität verleiht.

Der Stadtraum als begehbare Landschaft

Es ist längst eine nächtliche Massenbewegung, die sich da von "Location" zu "Location" wälzt. Gelenkt durch die Apps und SMS der anderen Nachtschwärmer, die sich gleichsam "schwarmintelligent" über kurze Wege und angesagte Räume verständigen. Also eine Form urbanen "Wanderns", bei der auch das Unterwegs wichtig ist, nicht nur das Ziel.

Junge Menschen stehen und sitzen am 20.08.2015 in Hamburg nachts auf der Straße Beim Grünen Jäger vor einem Kiosk.  (dpa / picture alliance / Henrik Josef Boerger)Der urbane Raum als Ort der Begegnung: Impression aus dem Hamburger Kiez. (dpa / picture alliance / Henrik Josef Boerger)

Der Stadtraum als begehbare Landschaft und zugleich als Kontaktzone: Diese wieder entdeckte öffentliche Funktion macht das Flanieren heute neu erlebbar. Und sie macht geradezu süchtig: Eine neue Lust am Lustwandeln - und dabei eben auch: am Sich-Verwandeln. Denn im Unterschied zu den adeligen Flaneuren von einst suchen wir auf unseren Land - wie Stadtwanderungen heute Gesellschaft und Gemeinschaft: Wandern als Annäherung an uns selbst wie an andere!

Direktor des BIM Wolfgang Kaschuba spricht bei einerVeranstaltung. (imago stock&people)Der Autor (imago stock&people)Wolfgang Kaschuba, geb. 1950 in Göppingen (Baden-Württemberg), war von 1992 bis 2015 Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung der HU und Vorsitzender des Fachausschusses Kultur und des Beirates Vielfalt kultureller Ausdrucksformen der Deutschen UNESCO-Kommission. Zuletzt veröffentlichte er "Tempelhof. Das Feld. Die Stadt als Aktionsraum".

Mehr zum Thema

Der Schriftsteller Teju Cole - "Eine Hast, durch die vertraute und fremde Dinge ziehen"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 1.6.2018)

Spazieren in der Stadt - Die Anarchie des Gehens
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 26.7.2017)

"Recht-auf-Stadt"-Initiativen - Gegen die Gentrifizierung
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 19.10.2015)

Politisches Feuilleton

Köthen und die MedienBenennt die wahren Probleme!
Vor einer geplanten Demonstration mehrerer rechtsgerichteter Gruppierungen haben die Menschen im sachsen-anhaltischen Köthen ihren Marktplatz bunt angemalt.  (dpa / Sebastian Köhler )

Von wegen rechtes Nest! Folkert Uhde, Intendant der Köthener Bachfesttage, ärgert sich über das Bild, das viele Journalisten nach den rechtsextremen Aufmärschen von seiner Stadt zeichnen. Denn die Köthener setzten deutliche Zeichen gegen Hass und Hetze.Mehr

Wohnungsnot"Den Wohngipfel kann Seehofer sich schenken"
Wer mit Häusern spekuliert hat soziale Verantwortung nicht kapiert!" steht auf einem Transparent an einer Hausfassade in Berlin im Bezirk Schöneberg am 19.03.2015. Foto: Wolfram Steinberg/dpa. (picture alliance / dpa/ Wolfram Steinberg)

Was soll beim Wohngipfel im Kanzleramt schon herauskommen, wenn dort vor allem Vertreter der Immobilienwirtschaft sind?, fragt Timo Rieg. Für ihn verlangt die Wohnungskrise radikale Lösungen: Niemand soll mehr mit Immobilien Profit machen dürfen.Mehr

Mehr Realismus in die KI-DebatteHauptsache irgendwas 4.0
Der Roboter «PR2» dreht am 27.02.2013 in einer Laborküche des Institute for Artificial Intelligence (IAI) am Technologie-Zentrum Informatik (TZI) der Universität Bremen einen Pfannkuchen um. Der Roboter kann experimentell selbstständig Aufgaben im Haushalt übernehmen und ist Teil eines europaweiten Projekts. Foto: Michael Bahlo dpa/lni | (dpa)

Kühlschränke, die intelligenter sind als wir, oder der "Robo-Boss" als Vorgesetzter: Viele tolle Zukunftstrends stehen angeblich kurz davor, Wirklichkeit zu werden. Hauptsache Hype und Hauptsache irgendwas 4.0. Doch wenig davon dürfte wahr werden, meint Stefan Kühl.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur