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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.09.2017

Renaissance des Erzählens in BeirutHomosexualität und Politik statt Mythen und Märchen

Von Julia Neumann

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Dima Matta bei einem Geschichtenerzähler-Abend in Beirut (Julia Neumann)
Erzählabend-Organisatorin Dima Matta: "Dringlichkeit, Dinge zu dokumentieren" (Julia Neumann)

Alte Männer, die Mythen und Märchen im Café erzählen – das war einmal: die Tradition der „Hakawati“ ist verschüttgegangen. Im Libanon erlebt sie nun eine Renaissance mit ganz neuen Themen. Julia Neumann war für uns in Beirut und hat zugehört.

"Ich mag die Limits der Gesellschaft nicht – deshalb reize ich sie aus. So wie heute. Vor einem Publikum, das ich nicht kenne. Ich habe gesagt, dass meine Mutter da ist und ich habe gesagt, dass ich lesbisch bin – und die Leute haben darüber gelacht."

Erzählen vom lesbischen Date

Shaden Fakih ist verschwitzt von ihrem Auftritt. 30 Minuten lang hat sie laut erzählt und dabei wild gestikuliert. Ihre Geschichte handelte von dem Date mit einer Frau, bei dem es wild herging – und dann die Mutter reinplatzte. Shaden ist eine von vielen Geschichtenerzählerinnen im Libanon.

In Beirut ist das gerade angesagt: Geschichten lauschen. Donnerstags zum Beispiel gibt es "Share your stories" – "Teile deine Geschichten": Man trifft sich in dem Gemeinschaftshaus, in dem sonst Freiberufler ihre Büros mieten. Jetzt sind die Lichter gedimmt, neben Zierpflanzen sitzten16 junge Menschen im Stuhlkreis. Sie warten darauf, Geschichten zu hören.

Kulturelles Erbe fast tot

Jean-Claude Boulos und Raffi Feghali laden seit Februar  zu den Treffen ein. Ob auf Englisch oder Arabisch, professionelle Schauspieler oder Anfänger, jeder darf erzählen. Schauspieler Feghali –  langer Bart, ausladende Goldringe an den Fingern – war inspiriert  von der Tradition des Geschichtenerzählens.

"Libanon hat ein kulturelles Erbe der Hakawatis, der traditionellen Geschichtenerzähler, das ausgestorben ist. Die Hakawatis erzählten Geschichten in Cafés, öffentlichen Plätzen auf der Straße, und da sind sie nicht mehr zu finden. Ich glaube, sie sind ausgestorben erst durch das Radio, dann durch das Fernsehen und das Kino."

Hakawati 2.0

Die neuen Geschichtenerzähler beleben die Tradition wieder, aber anders: Es gibt ein offenes Mikro, jeder darf spontan seine Geschichte erzählen. Einer von ihnen ist Jawad Rizkallah:

"Als wir klein waren, trafen wir uns alle im Haus meines Großvaters. Etwas weiter weg, dort war das Haus von Jauhara, zu dem wir niemals gehen sollten, es ist ein schauriger Ort, wo Leute aus unserem Ort lebten, mit denen wir nicht sprachen.. Warum? Keine Ahnung."

Nicht-Kommunikation thematisiert

Jawads Geschichte handelt von der unbegründeten Angst vor den vermeintlich fremden Nachbarn. Ein libanesisches Phänomen: 18 Religionsgemeinschaften leben nebeneinander im Libanon. Doch Schiiten bleiben meist unter Schiiten, Maroniten leben mit Maroniten. Einen Dialog gibt es kaum.

"Eines Tages, als ich 12 war, kämpfte das Militär in der Nähe unseres Hauses. Ich musste wegrennen und mich irgendwo verstecken. Und der einzige Platz zum Verstecken war das Haus von diesen Leuten,  von der Hexe."

Jawad spricht frei, erzählt, wie er mit seiner bisher unbekannten Nachbarin ins Gespräch kam.

"Besonders auf dem Dorf, sind die Leute sehr engstirnig. Sie mögen Fremde nicht oder Leute, die anders sind. Doch wenn du deine eigene Geschichte teilst, findest du vielleicht Gemeinsamkeiten, die du auch hinterfragen kannst. "

Hochpolitisches Handeln

Die Geschichtenerzähler bringen Menschen zusammen. Insgesamt drei Veranstalter organisieren kostenlose Abende über Facebook. Die größte heißt Cliffhangers. Im Innenhof eines Cafés drängeln sich unter Lichterketten Menschen um Teppiche, einige sitzen auf dem Boden. Dima Matta organisiert die Veranstaltung seit zwei Jahren.

"Ich denke Geschichtenerzählen ist für jede Gesellschaft wichtig. Es ist ein Weg, unsere Erfahrungen zu sammeln und auszutauschen, was hier sehr wichtig ist. In libanesischen Schulen bringen sie uns nichts über den Bürgerkrieg bei. Die Geschichtsbücher enden in den 40ern, alles andere ist nicht erwähnt. Also wir haben diese Dringlichkeit, Dinge zu dokumentieren, die vorher passierten, aber auch die Dinge, die jetzt passieren."

Von Bürgerkrieg bis Homosexualität

Viele der Geschichten handeln vom Bürgerkrieg, der nie aufgearbeitet wurde. Eine neue Erinnerungskultur entsteht – und Raum für neue Themen: Depression, das Leben im hektischen Beirut oder Homosexualität.

Shaden reißt ihren Mund weit auf, wenn Sie über den Sex mit ihrer Freundin spricht – immer wieder stößt sie  ans Mikro.

"Durch das Austesten der Grenzen änderst du das Narrativ der Gesellschaft. Wenn Leute anfangen, über Homosexualität oder Zivilehe reden, wenn du diese Konversation öffnest, auf lustige Weise oder nicht, dann normalisierst du sie."


Leicht gekürzte Online-Fassung (mf)

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