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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.02.2011

Rembrandt und die tote Elsje

Margriet de Moor: "Der Maler und das Mädchen", Hanser Verlag, München 2011, 403 Seiten

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Selbstbildnis von Rembrandt, 1629. (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)
Selbstbildnis von Rembrandt, 1629. (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)

1664 zeichnete Rembrandt den Leichnam einer frisch hingerichteten Mörderin. In ihrem historischen Roman rekonstruiert Margriet de Moor das kurze verpfuschte Leben des Mädchens und erzählt, wie es zu dieser sehr flüchtigen Begegnung kam.

"Der Maler und das Mädchen", Margriet de Moors neuester Roman, ist ein Künstlerroman. Die Autorin greift darin eine Episode aus dem Leben Rembrandts auf. Abweichend von seiner üblichen Praxis, sich nur an das im Atelier nachgespielte Leben zu halten, zeichnete Rembrandt Anfang Mai 1664 auf dem Galgenfeld von Amsterdam nach der Natur den Leichnam einer frisch hingerichteten jungen Mörderin, Elsje Christiaens. Die beiden kleinen Zeichnungen, "Frau, an einem Galgen hängend" (im Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York), zeigen das tote Mädchen mal von vorne, mal in Seitenansicht und unterscheiden sich von Rembrandts üblichem Zeichenstil durch ihre besondere Detail-Sorgfalt, genaue Beobachtung und deskriptive Klarheit.

In ihrem historischen Roman rekonstruiert Margriet de Moor das kurze verpfuschte Leben des Mädchens nach den dürftigen bekannten Daten und erzählt, wie es zu dieser sehr flüchtigen Begegnung – im Grunde eine Nicht-Begegnung – des fast 60-jährigen Malers (dessen Name im Buch nie genannt wird) mit der toten Elsje kam.

Demnach stammte Elsje Christiaens aus Aarhus in Dänemark. Im März 1664 machte sich die 18-Jährige auf Geheiß ihrer älteren Schwester aus Jütland auf, um wie diese eine Anstellung als Dienstmagd in Amsterdam zu suchen. Als sie nach wochenlanger Odyssee zu Lande und übers Meer endlich in Amsterdam ankam, konnte Elsje keine Spur von ihrer Schwester finden und driftete tagelang ziellos durch die große Stadt. Zwei Wochen nach ihrer Ankunft und inzwischen völlig mittellos, erschlug sie ihre Zimmerwirtin mit dem Beil, wurde sofort gefasst, vor dem Rathaus öffentlich erdrosselt und dann zur Abschreckung auf ihrem Pfahl zur Schau gestellt.

Margriet de Moor will nicht klüger sein als die historischen Quellen; sie gibt nicht vor, zu wissen, warum das Mädchen, statt sich in Amsterdam eine Arbeit zu suchen, diese Bluttat beging. Sie führt diesen Erzählstrang bis zum Hinrichtungstag und setzt ihn parallel zu Rembrandts Tag in Amsterdam – zwischen Farbenkauf am Morgen, traurigem Gedenken des Witwers an seine Frau, die der Pest zum Opfer fiel, Gesprächen mit dem Sohn Titus, schwermütiger Erinnerung an den Bankrott von 1656 und tiefem Brüten über dem unfertigen Werk "Die jüdische Braut". Erst nachmittags lässt sich Rembrandt zum Galgenfeld rudern – warum, bleibt gleichfalls unerklärt.

Die mangelnde innere Verknüpfung der beiden Erzählstränge ist eine Schwäche des Romans; die Episode ist wohl letztlich zu peripher, um der Erzählung Kohärenz und Notwendigkeit zu verleihen und einen ganzen Roman zu tragen. Gleichwohl zeigt Margriet de Moor in einigen dichten Erzählpassagen (vor allem der Schilderung von Elsjes winterlicher Irrfahrt) ihre hohe handwerkliche Kunst. Den Rembrandt-Passagen nähert sie sich über das Licht und versucht so, dem Blick des Malers auf die Welt nachzuspüren. Dass Margriet de Moor ihren Roman mit viel Detailwissen über Maltechnik, Seuchenbekämpfung und das Alltagsleben im barocken Holland unterfüttert, macht das Buch trotz manchen Einwänden doch zu einer lohnenden Lektüre.

Besprochen von Sigrid Löffler

Margriet de Moor: Der Maler und das Mädchen
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Hanser Verlag, München 2011, 403 Seiten, 19,90 Euro

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