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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.11.2017

Religionsfrieden in TatarstanDer Imam und der Vikar sind wirklich Freunde

Von Holger Trocha

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Vikar Kolyganov Konstantin (l) und Imam Ilfar Khasanov. (Holger Trocha)
Vikar Kolyganov Konstantin (l) und Imam Ilfar Khasanov. (Holger Trocha)

Weltweit nehmen die Spannungen zwischen Muslimen und Christen immer weiter zu. Aber es geht auch anders. In der autonomen Republik Tatarstan, rund zwei Flugstunden östlich von Moskau, suchen Politiker, Imame und Christen nach neuen Wegen zu einem friedlichen Miteinander.

12 Uhr Mittags. Im rund 30 Meter hohen schneeweißen Erlöserturm läuten die Glocken. Unten im Turm befindet sich das mächtige Eingangstor zum Burgberg, dem Kasaner Kreml. Innerhalb der Burgmauern stehen der tatarische Präsidentenpalast, eine riesige Moschee und die zentrale christlich-orthodoxe Kirche der autonomen russischen Republik Tatarstan. Die Hauptstadt Kazan ist eine Millionenmetropole. Rund 800 Kilometer östlich von Moskau verläuft hier die Grenze zwischen Orient und Okzident.

In einem schicken Hotelrestaurant ein paar hundert Meter vom Kreml entfernt, umarmen sich Imam Ilfar Khasanov und Kolyganov Konstantin.

Konstantin ist Vikar in der russisch-orthodoxen Kirche, was dort dem Rang eines hiesigen Bischofs entspricht. Er erzählt, dass er unbedingt pünktlich sein wollte – weshalb sein Auto jetzt im Parkverbot stehe.

Ein vertrautes Gespräch, es wird gescherzt und gelacht. Konstantin ist Vikar der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale, bekleidet ist er mit einem Priestergewand mit goldenem Brustkreuz. Sein Freund Khasanov, Imam der Kul-Sharif-Moschee, trägt die traditionelle schwarze Kutte samt weißem Turban:

Ilfar Khasanov: "Wir sind wirkliche Freunde. Warum auch nicht? Wir machen ja die gleiche Arbeit. Egal, ob Priester oder Imam: Wir sorgen für ein friedliches Miteinander und treten für Frieden ein. Das ist unsere Berufung."

Ein friedliches Miteinander der Religionen – in der Republik Tatarstan an der Wolga scheint das in allen Lebensbereichen zu funktionieren.

Besuch im Hochzeits-Palast von Kazan.

Im mit roten Rosen geschmückten Festsaal geben sich Irina und Alexej an diesem Tag das Ja-Wort. Irina, eine Muslimin, erscheint in einer grünen tatarischen Tracht. Alexej, orthodoxer Christ aus Moskau, hat sich für einen schwarzen Anzug mit Fliege entschieden. Beide strahlen, können vor Rührung die Tränen kaum unterdrücken.

"Die Hauptsache ist doch, dass man sich liebt. Ich selbst stamme auch aus einer gemischten Familie. Glaube spielt bei der Liebe doch keine Rolle."

Ganz normal in Tatarstan: interkonfessionelle Ehen

Interkonfessionelle Ehen sind in Tatarstan an der Tagesordnung. Alleine im letzten Jahr fanden 61 Prozent aller Hochzeiten im Land über alle Religionsgrenzen hinweg statt.

Mittagessen bei Familie Aschenoff: Zwischen Alfia, der muslimischen Sekretärin, und Igor, dem katholischen Sportlehrer, hat es schon vor 25 Jahren gefunkt. Mittlerweile haben sie sechs Kinder im Alter zwischen zwei und 21 Jahren.

Igor Aschenoff: "Unseren ersten Sohn haben wir getauft. Jetzt fragt er zu Recht: Warum habt Ihr mich nicht gefragt? Daraus haben wir gelernt: Heute lassen wir unsere Kinder heranwachsen und dann dürfen sie selber entscheiden, welche Religion sie annehmen. Ich selber habe mich intensiv mit dem Glauben meiner Frau beschäftigt – und verzichte deshalb zum Beispiel auf Alkohol."

Religionsfrieden im Kleinen – dass es die Tataren damit auch im Großen ernst meinen, sieht man im ganzen Land. Überall stehen Moschen direkt neben Kirchen oder Synagogen. Nach dem Fall der Sowjetunion war genau das der Wille aller: Sowohl die Bevölkerung als auch die Regierung und die einzelnen Kirchenverbände wollten endlich wieder ihren Glauben leben, aber in einer friedlichen Koexistenz.

Der Kasaner Kreml kann als Sinnbild für das friedliche Zusammenleben im Land gesehen werden. Von der prächtigen Kul-Sharif-Moschee zur nicht weniger prachtvollen orthodoxen Mariä-Verkündigungs-Kathedrale sind es nur wenige Schritte.

Hanafi-Islam wurde per Gesetz zur religiösen Leitlinie ernannt

Imam Ilfar Khasanov und Vikar Kolyganov Konstantin erklären, warum hier möglich ist, was fast überall auf der Welt zu Konflikten führt.

Vikar Konstantin: "Die Weisheit kam mit der Zeit. Wir haben es gelernt. Seit über 500 Jahren leben Muslime und Christen hier Seite an Seite."

Imam Khasanov: "Natürlich gab es Konflikte, zum Beispiel in der Zeit Iwan des Schrecklichen. Aber man muss die Vergangenheit ruhen lassen und in die Zukunft schauen. Wir sind wie zwei Flüssigkeiten in einem Glas. Wir haben uns vermischt und haben viel von dem jeweils anderen angenommen."

Doch die weltweite Migration macht vor Tatarstan nicht halt. Aus vielen Ländern Mittelasiens, dem Kaukasus, Arabiens oder Afrikas strömen Einwanderer ins Land. Und die bringen zum Beispiel aggressive Spielarten des Islams mit.

Deshalb greifen Regierung und muslimischer Rat seit Jahren mit harter Hand durch: Der liberale Hanafi-Islam wurde per Gesetz zur religiösen Leitlinie ernannt, die Iman-Ausbildung wird streng kontrolliert.

Wenn Imam Ilfar Khasanov zum Freitagsgebet ruft, muss er sich bei seiner Predigt an strenge inhaltliche Vorschriften halten. Beim Thema "liberaler Islam" soll eben nichts dem Zufall überlassen werden.

Khasanov selbst befürwortet diese Praxis. Wer Religionsfrieden wolle, müsse sich immer wieder auf einfache Grundsätze besinnen – und das notfalls per gesetzlicher Vorgabe:

"Prophet Mohammed hat doch schon gesagt, dass wir uns alle achten und lieben müssen. Schließlich glauben wir alle an Gott, auf verschiedene Weisen, aber wir glauben an Gott. Unser Kasaner Lebensmodell könnte ein Vorbild für die Welt werden."

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