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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.02.2014

Religionen Machtlos gegen die Strenggläubigen

Friedrich Wilhelm Graf, Heinrich Meier (Hg.): "Politik und Religion"

Von Gesine Palmer

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(picture-alliance / Martin Schutt)
Friedrich Wilhelm Graf empfiehlt die evangelische Religion. (picture-alliance / Martin Schutt)

Die Religion ist in die Politik zurückgekehrt, und das, obwohl Gesellschaften sich in der Moderne eher säkularisieren. Die zehn Autoren des Buches analysieren diese neue Lage - und verarbeiten gleichzeitig eindrucksvoll die Ohnmacht ihrer Theorien.

Die gute Nachricht dieses Buches ist: Die Gegenwart hat die großen Männer der Theologie, der Soziologie und der Philosophie erreicht. Sie nehmen zur Kenntnis, dass die Religion in die Politik zurückgekehrt ist und sich zunehmend kämpferisch Gehör verschafft.

Das war so in der Theorie über die Modernisierung von Gesellschaften nicht vorgesehen. Erste Anzeichen der Rückkehr des Religiösen galten als kurzer Spuk. Der dauert nun aber lange genug an, um Revisionen mancher liebgewordener oder auch schon etwas abgestandener Annahmen nötig zu machen.

Sie hatten sich vorgestellt, dass die Moderne nicht nur technischen Fortschritt und Wohlstand in alle Winkel der Welt tragen würde, sondern auch Selbstbestimmung und Demokratie. Und sie hatten sich vorgestellt, dass die Religion einer Vernunft untergeordnet würde, die sie im säkularen Staat verwirklicht sahen. Und nun aber wird diese Vorstellung von manchen enttäuscht, von anderen schadenfroh als Illusion entlarvt. Getäuscht haben sich interessanterweise beide Seiten.

"Der von seriöser Theologie wie blanker Glaubensapologetik immer wieder vorausgesagte Verfall der Moral – da ohne Gott alles erlaubt sei – ist in den am stärksten säkularisierten Gesellschaften, die es gegenwärtig gibt, nicht eingetreten."

… schreibt der Sozialphilosoph Hans Joas, der sich viel mit Sakralisierung und Säkularisierung auseinandergesetzt hat.

"Umgekehrt müssen sich auch diejenigen Ungläubigen und Religionskritiker von einer scheinbaren Gewissheit heute verabschieden, die in der Religion etwas geschichtlich Überholtes sehen und entsprechend dazu neigen, Gläubige als rückständig, existierende Formen religiösen Lebens als Relikte und sich selbst in ihrem Unglauben als die Speerspitze des welthistorischen Fortschritts zu imaginieren."

Heftige Abwehr einer säkularen Vernunft scheint von der islamischen Welt auszugehen

Diese neue Lage wird nun "diagnostiziert" – nicht nur von Hans Joas, sondern auch von Giorgio Agamben, Robert C. Bartlett, Hillel Fradkin, Gregory L. Freeze, Hans Ulrich Gumbrecht, Jürgen Habermas, Peter Schäfer und schließlich Friedrich Wilhelm Graf als dem Herausgeber. Sie haben sich die politischen Theologien in Amerika und Russland, vor allem aber in der islamischen Welt vorgelegt.

Denn ja, die heftige Abwehr einer säkularen, noch dazu europäisch-aufklärerischen Vernunft scheint von der islamischen Welt auszugehen. Im 19. Jahrhundert und weit ins 20. Jahrhundert glaubten viele Europäer, die Muslime würden sich langfristig auf ähnliche Weise modernisieren wie "wir" es schließlich auch getan hatten. Die Eliten dort – und nicht nur sie – glaubten es selbst.

Aber bald nach dem Ende des Osmanischen Reiches regte sich erheblicher Widerstand gegen europäische Ideen wie Säkularisation und Nationalstaat. Sie galten als Symbole der Fremdherrschaft. Der Islamwissenschaftler Hillel Fradkin fasst zusammen:

"Der Islam gründete (in den 1400 Jahren islamischer Herrschaft in verschiedenen Regionen) seinen Überlegenheitsanspruch auf seine überlegene Politik."

(C.H. Beck Verlag )Cover: Friedrich Wilhelm Graf, Heinrich Meier (Hg.): "Politik und Religion" (C.H.Beck Verlag München) (C.H. Beck Verlag )

Die europäische Erfahrung des 17. Jahrhunderts war die der blutigen Konfessionskriege ziemlich gleichstarker Gegner. Ausgleich und Frieden, ein schiedlich-friedliches Arrangement, konnte nur eine neutrale, säkulare Politik bringen, nicht eine allein seligmachende Religion. Nicht zufällig entstand etwa zur selben Zeit die Methode historisch-kritischer Auslegung religiöser Quellen - angestoßen durch Baruch de Spinoza, einen niederländischen Philosophen aus einer ibero-jüdischen Familie. 

Jürgen Habermas gibt nicht auf

Nach erheblichen Auseinandersetzungen gewöhnte sich die westliche Welt daran, Religionen als Privatangelegenheit und Politik als nicht religiös anzusehen. Das war in der islamischen Welt anders. Und hier ist denn auch die schlechte Nachricht des Buches zu finden. Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf nennt sie die "theokratische Versuchung" …

"… die sich derzeit keineswegs nur bei muslimischen oder orthodox-jüdischen Akteuren, sondern auch bei einer wachsenden Zahl von christlichen Religionsintellektuellen beobachten lässt."

Natürlich gibt ein tapferer Verteidiger der Moderne wie der Soziologe Jürgen Habermas nicht auf, sowohl zu vermitteln als auch sich selbst treu zu bleiben.

"Inzwischen nötigen uns die postkoloniale Situation und die Verschiebung der weltpolitischen Machtverhältnisse dazu, die Blicke, die andere Kulturen auf uns richten, ernst zu nehmen …

Wenn die liberale Verfassungsordnung über einen bloßen modus vivendi hinaus Legitimität beanspruchen können soll, müssen sich grundsätzlich alle Bürger, auch die religiösen, von der Vernünftigkeit der Verfassungsprinzipien überzeugen können."

Was aber, wenn sich die Strenggläubigen eben nicht davon überzeugen können oder wollen? Dann ist man ziemlich machtlos. Das ist der Schock, an dem sich alle Beiträge des Buches abarbeiten. Theologen fühlen sich damit nicht so schlecht. Sie haben es - mit Friedrich Wilhelm Graf - immer schon gewusst.

"Man verfügt mit Blick auf harte Religion nicht über die argumentative Kraft, die ganz Frommen mit Gründen der Vernunft zu überzeugen."

Und er empfiehlt seine, die evangelische Religion als eine weiche, die sich eben tatsächlich mit vernünftigen Argumenten überzeugen lasse und auch beitragen könne, mit jenen zu sprechen, die anderes wollen als reine Vernunft.

Größter Mangel: Keine Frau vertreten

Eindrucksvoll verarbeiten die zehn Autoren die Ohnmacht ihrer Theorien. Jenseits aller Politik macht das Verständnis von Gott und seiner Allmacht immer noch die meisten Kopfschmerzen, wie der italienische Philosoph Giorgio Agamben vorführt.

"Wenn Gott bedingungslos und uneingeschränkt alles vermag, folgt daraus, dass er alles tun kann, was keine logische Unmöglichkeit impliziert: sich nicht in Jesus, sondern in einem Wurm oder – noch anstößiger – in einer Frau inkarnieren, Petrus verdammen, Judas erlösen, lügen, Böses tun, seine gesamte Schöpfung vernichten oder – was die Theologen kurioserweise mehr als alles andere entsetzte und erregte – die Jungfräulichkeit einer entjungferten Frau wieder herstellen."

Und da haben die großen Männer ein Problem, das ihnen nicht nur die katholische Theologin Elisabeth Schüssler-Fiorenza schon seit Jahren vorhält. Sie idealisieren das "Kyriarchat". Dort haben Frauen weder politisch noch fachlich mitzusprechen. Und von den vielen Frauen, die wahrlich schon viel zu Religion und Politik geschrieben haben, war wieder einmal keine einzige zu einem Beitrag eingeladen. Das ist der größte Mangel in diesem ansonsten sehr lesenswerten Buch.

 

Friedrich Wilhelm Graf, Heinrich Meier (Hg.): "Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart"
C.H. Beck Verlag, München 2013
324 Seiten, 14,95 Euro, auch als ebook 

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