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Religionen / Archiv | Beitrag vom 01.03.2014

ReligionNicht Rauschmittel, sondern Kraftquelle

Glaube und Sozialismus - kein Widerspruch für den Bund religiöser Sozialisten

Von Julia Weigelt

Mit einer Schlusskundgebung unter freiem Himmel ging am 15. Juni 1975 der 16. Deutsche Evangelische Kirchentag in Frankfurt am Main zu Ende. Ein Plakat mit der Aufschrift "Christen für den Sozialismus - Siehe, ich mache alles Neu!" ist zu sehen. (picture alliance / dpa / Manfred Rehm)
Christen, die für den Sozialismus werben, 1975 auf dem Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Manfred Rehm)

Die religiöse Botschaft der Befreiung mit gesellschaftlicher Befreiung in Einklang zu bringen, darum ging und geht es religiösen Sozialisten. Sie bauen auf gemeinsame Ziele der Linken und Christen wie Solidarität oder Gerechtigkeit.

Religiöse Sozialisten. Wie soll denn das zusammenpassen? Hat Marx nicht jede Religion als "Opium des Volkes“ abgelehnt? Jens Eberhard Jahn aus Leipzig kennt die ungläubigen Blicke, wenn er von seinem Verein berichtet. Der Sprachwissenschaftler und Historiker ist Vorstandsmitglied im Bund religiöser Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands, kurz BRSD. Hier kommt zusammen, was eigentlich nicht zusammenkommen will – wenn man Stimmen beider Lager hört. Auf Kirchentagen hauen sie Jahn an seinem Infostand schon mal die "DDR-Keule“ um die Ohren, wie der 46-Jährige betrübt berichtet. Und wenn er sich auf Sozialistenkongressen als Christ outet, stempeln sie ihn als "irrational“ ab – eine Schmähung unterster Schublade für den Akademiker.

Marx sagte "Opium des Volkes", Lenin sprach von "Opium für das Volk“ - dennoch ist das für das

BRSD-Vorstandsmitglied kein Grund, seinen Glauben über Bord zu werfen.

"Religion ist genau dann Opium für das Volk, wenn sich die frohe Botschaft des Evangeliums beziehungsweise die Erfahrung Gottes als Befreier nicht materialisiert im Diesseits.“

Die Überlieferung des Alten Testamentes von einem Gott, der seine Kinder aus der Gefangenschaft führt - das sei für Christen zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr spürbar gewesen. Es ist die Zeit der Industrialisierung, als sich die Bewegung der religiösen Sozialisten gründete: Arbeiter kommen zu Tausenden vom Land in die Städte, im Gepäck Hoffnung auf ein besseres Leben. Was sie finden, ist allerdings oft nur harte, stupide Arbeit in den Fabriken, viel zu kleine Wohnungen und verheerende gesundheitliche Bedingungen. Dazu kommt der Horror des Ersten Weltkrieges.

"Es ging den religiösen Sozialisten darum, die religiöse Botschaft der Befreiung mit gesellschaftlicher Befreiung in Einklang zu bringen. Und da bot sich natürlich der Sozialismus an. Weil: Worum geht’s im Sozialismus? Um Emanzipation, um Befreiung von ausgegrenzten Schichten der Gesellschaft.“

Heute schon ein besseres Leben

Wenn Religion nur ein besseres Leben im Jenseits versprechen könne, sei sie wirklich eine Droge, die Menschen vom Kampf für ihre Rechte abhält, sagt Jahn.

"Wenn ich aber Religion als Ermutigung verstehe, und wenn ich aus der Religion, aus der Erfahrung, dass Gott ein Befreiergott ist, Kraft schöpfe, dann ist Religion alles andere als ein Rauschmittel, dann ist Religion eine Kraftquelle, aus der ich schöpfen kann.“

Die Ziele, sowohl von Gläubigen als auch von Sozialisten, seien doch dieselben, ist sich der 46-Jährige sicher. Wie viele seiner Vereinskameraden engagierte Jahn sich in der Friedens- und Umweltbewegung, bevor er zum BRSD kam.

"Christinnen und Christen einerseits und Sozialistinnen und Sozialisten andererseits stehen beide für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Was Linke Entfremdung nennen, nennen Christen Sünde. Gemeint ist was sehr Ähnliches, dass wir uns von dem entfernt haben, was wir eigentlich tun sollten und tun müssten, damit´s uns gut geht, und das auf individueller Ebene ebenso wie auf gesellschaftlicher Ebene.“

Diese Ähnlichkeiten erkannten zur Gründungszeit des Bundes religiöser Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands viele Menschen. Ende der 1920er Jahre zählte der Verein laut Jahn über 25.000 Mitglieder, Protestanten, Katholiken und Juden. Doch diese Zeiten sind vorbei: Heute hat der Verein nur noch rund 150 Mitglieder. Die Vereinszeitschrift "Christ und Sozialist“ erscheint vierteljährlich in einer Auflage von 500 Exemplaren. Im Nationalsozialismus war der BRSD genauso verboten wie in der DDR. Vorstandsmitglied Jens Eberhard Jahn berichtet, warum:

"Wir habe jede Art von autoritärem, zentralistischem Sozialismus stets abgelehnt, wir wollen einen demokratischen Sozialismus.“

In der DDR sei Marx nicht als kritischer Wegbegleiter oder Erfinder einer philosophischen Methode gesehen worden, kritisiert Jahn. Marx sei vielmehr zum Stifter einer Ersatzreligion stilisiert worden, die nur dazu diente, das politische System der DDR am Leben zu erhalten. Also Vereinsverbot.

Weltgestaltungsauftrag des Christentums

Christian Polke vom Institut für Systematische Theologie der Uni Hamburg hält kritische Bewegungen wie die der religiösen Sozialisten nach wie vor für wichtig.

"Das, was diese Bewegung geleistet hat, und die Fragen, die dahinterstehen, als religiöse Fragen, als gesellschaftspolitische Fragen, vielleicht auch als Theoriefragen, die sind nach wie vor akut. Wie gehen wir damit um, dass zum Impuls des Christentums auch immer so ein Weltgestaltungsauftrag gehört, und der muss sich orientieren an christlichen Idealen, also: Was heißt Gerechtigkeit, Solidarität unter pluralen Bedingungen und im Geiste dessen, was Jesus eben mit dem Reich-Gottes-Symbol gesagt hat, dass wir alle Schwestern und Brüder eines Herrn sind? Und mit dem korrespondiert die Sensibilität für die Schwächeren unter uns. Das muss man immer wieder neu in die gesellschaftlichen Debatten einbringen, und da können religiöse Sozialisten ihren Beitrag leisten.“

Um die Ideen der religiösen Sozialisten solle in mehr als einer Bewegung gerungen werden, fordert Polke. Sei es der Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bildung, der Kampf gegen Armut oder der interreligiöse Dialog – an Aufgaben fehlt es nicht. Auch innerhalb der Kirche.

"Was wir brauchen für die Reform beider Kirchen ist, dass konservative, fromme Kreise genauso wie bürgerliche Kreise, wie radikal-mystische Kreise Fragen der sozialen Gerechtigkeit als religiöse Fragen thematisieren und versuchen, Antworten aus dem christlichen Geist heraus zu geben. Dann lebt der religiöse Sozialismus fort, unabhängig davon, ob es noch viele Menschen geben wird, die sich als religiöse Sozialisten beschreiben würden.“

Ob sich Papst Franziskus als religiöser Sozialist beschreiben würde? Wahrscheinlich nicht, obwohl viele seiner Aussagen Vereinsmitgliedern wie Jens Eberhard Jahn gefallen. Sei es der Wunsch eines bescheideneren Klerus oder Kritik an einem menschenfeindlichen Kapitalismus, "einem gesellschaftlich und wirtschaftlich ungerechtem System", wie der Papst erst kürzlich in seinem Apostolischen Schreiben mitteilte. "Diese Wirtschaft tötet“, schrieb Franziskus darin. Alles drehe sich heute um Konkurrenzfähigkeit und das Gesetz des Stärkeren. "Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.“

Deutliche Worte, die im Klerus nicht jedem gefallen dürften. Der religiöse Sozialist Jahn sieht dank des neuen Papstes eine positive Entwicklung in der Kirche. Er erwarte allerdings auch, dass Ankündigungen konkrete Handlungen folgen. Sonst bestehe die Gefahr, dass bloße Symbole eine konservative Kirche noch legitimierten. 

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