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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 02.03.2014

Religiöse SymboleWenn Bäume in den Himmel wachsen

Bäume in Bibel und christlicher Tradition

Von Harald Schwillus, Halle (Saale)

Feigenbaum mit Früchten, aufgenommen in Frankfurt am Main (picture-alliance / dpa / Beate Schleep)
Der Feigenbaum spielt in der Bibel eine ganz besondere Rolle. (picture-alliance / dpa / Beate Schleep)

Als religiöse Symbole spielen Bäume eine wichtige Rolle: in der Bibel und der christlichen Überlieferung. Schon seit Jahrtausenden hat ihre Standfestigkeit und Größe die Menschen fasziniert. Im übertragenen Sinn stehen sie für das Leben, die Zeit und die Welt.

Jeden Morgen der gleiche Weg - auch am Sonntag. Nach dem Aufstehen gehe ich von meinem Schlafzimmer durch das Wohnzimmer in die Küche – dort setze ich erst einmal den Kaffee auf, schalte die Kaffeemaschine an. Zwei große Tassen zum Wachwerden. Die laufen durch, während ich im Bad bin. Zum Bad geht’s zurück durch das Wohnzimmer.

So komme ich jeden Morgen nach dem Aufstehen zweimal am kleinen Bronzekreuz vorbei, das rechts neben der Wohnzimmertür hängt. Hinter ihm steckt ein Buchsbaumzweig vom letzten Palmsonntag. Vielleicht haben auch Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, einen solchen Zweig oder einen Ast mit Baumkätzchen oder sogar einen Palmzweig hinter einem Kreuz in Ihrer Wohnung.

Mich erinnert der kleine Buchsbaumzweig jeden Morgen an die Passionszeit und an Ostern. Immergrün begleitet er mich durch das Jahr. Ob Buchsbaum- oder Palmzweig – er weist auf Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi hin, der am Holz eines Baumes in Jerusalem starb. Himmel und Erde kommen hier am Holz des Kreuzes zusammen.

Bäume sind wichtige religiöse Symbole. In der Bibel und der christlichen Überlieferung spielen sie eine bedeutende Rolle.
Schon seit Jahrtausenden hat die Standfestigkeit und Größe von Bäumen die Menschen fasziniert. Bäume sind Symbole für das Leben, die Zeit und die Welt. Sie sind Bilder des Kosmos und Spiegel der drei Weltzonen des Mythos: Oberwelt, Welt und Unterwelt. Bäume verbinden als symbolische Weltachse Himmel und Erde, Diesseits und Jenseits. So ist in der nordischen Mythologie die Weltesche Yggdrasil der kosmische Baum schlechthin und Symbol für das Leben. Sie erhebt sich über einem weiteren Lebenssymbol, dem Wasser.

Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt weißer Nebel;
Davon kommt der Tau, der in die Täler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen.

Davon kommen die Frauen, vielwissende,
Drei aus dem See dort unterm Wipfel.
Urd heißt die eine, die andre Werdandi:
Sie schnitten Stäbe; Skuld hieß die dritte.
Sie legten Lose, das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen, das Schicksal verkündend. […]

Viel weiß der Weise, sieht weit voraus
Der Welt Untergang, der Asen Fall. […]

Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer,
Vom Himmel schwinden die heitern Sterne,
Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum,
Die heiße Lohe beleckt den Himmel.

Nicht nur vom Leben und vom Kosmos ist hier die Rede – nein: Das Ende von alldem ist mit der Weltesche Yggdrasil in der nordischen Mythologie untrennbar verbunden. Welt und Götter gehen mit dem brennenden Baum zugrunde. Doch aus diesem Ende entsteht eine neue Welt, die wiederum ihrem Schicksal entgegengehen wird.

In der nordischen Weltvorstellung stehen Bäume somit in enger Beziehung zu den Göttern und weisen zudem auf das regelmäßige Werden, Vergehen und wieder Neuwerden der Welt hin: Schlagen sie doch während ihres langen Lebens Jahr für Jahr im Frühling aus, grünen im Sommer, bringen Frucht im Herbst und erstarren scheinbar im Winter nach dem Verlust ihrer Blätter.

Der christliche Missionar Bonifatius durchbrach eine solch zyklische Weltsicht. Er fällte im 8. Jahrhundert die dem germanischen Gott Donar heilige Eiche bei Geismar in Nordhessen – und blieb am Leben! Damit wollte er seinen Zeitgenossen etwas verdeutlichen: Nicht die Zyklen der Natur verweisen auf Gott, sondern die Geschichte der Welt, die auf ein Ziel ausgerichtet ist. Und: beim Weg durch die Zeiten sind wir Menschen nicht allein, denn Gott begleitet uns auf dem Weg.
Für Christen ist diese Begleitung nicht fern und unnahbar. In Christus Jesus ist Gott Mensch geworden und hat selbst in seiner Schöpfung gelebt – und in dieser seiner Schöpfung ist er am Holz des Kreuzes gestorben. Dieses wird damit zum Lebensbaum.

Bäume gehören in den Texten der Bibel zu den wichtigsten Symbolen für das Leben - und nur das Wasser hat eine vergleichbare Bedeutung. Immer wieder werden Bäume und Wasser auch miteinander verbunden; so wie das auch in der nordischen Mythologie bei der Weltesche Yggdrasil der Fall war.
In der Johannesoffenbarung des Neuen Testaments zeigt ein Engel dem Seher das himmlische Jerusalem mit dem Strom des Lebens:

//Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus. Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, stehen Bäume des Lebens. Zwölfmal tragen sie Früchte, jeden Monat einmal; und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker// (Offb. 22,1-3)

Das Alte Testament beschreibt das Paradies als einen reichen Garten voller Bäume, aus dem die vier Weltflüsse Pischon, Gihon, Eufrat und Tigris entspringen Die Bäume sind übervoll von verlockenden Früchten. Zwei dieser Bäume werden besonders hervorgehoben. Sie stehen in der Mitte des Gartens: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

Im weiteren Verlauf der Erzählung ist dann nur noch von einem Baum in der Mitte des Paradieses die Rede, der mit der Erkenntnis von Gut und Böse verbunden bleibt. So dürfte sich erklären, dass der Baum des Lebens in der Bibel kaum mehr vorkommt.

Die Früchte aller Bäume des Paradieses dürfen die ersten Menschen, Adam und Eva, unbeschränkt genießen. Nur vom Baum der Erkenntnis dürfen sie nicht essen. Aber die Schlange, Verkörperung des Bösen, verführt sie, und sie nehmen beide von den Früchten dieses Baumes. In der Folge erkennen sie, dass sie nackt sind. Als nun Gott den Garten betritt, fürchten sie sich und versuchen, ihre Blöße mit Feigenblättern zu bedecken. Zur Strafe für das Übertreten des Verbots, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen, werden sie und mit ihnen alle Menschen aus dem Paradies verbannt.

Aber um welche Früchte und um welche Baumart handelt sich dabei eigentlich? Diese Frage beschäftigte die Bibelleserinnen und -leser immer wieder. Jüdische Erklärungen nennen den Weinstock, aber auch den Feigenbaum. Frühe christliche Theologen übernehmen diese Deutungen, fügen ihr aber noch eine weitere hinzu, die sich seit dem Mittelalter durchsetzen sollte: Der Baum der Erkenntnis sei ein Apfelbaum. Zu dieser Entwicklung dürfte eine Lautgleichheit in der Kirchen- und Bibelsprache des westlichen Christentums, dem Lateinischen, beigetragen haben. ‚Malum‘ heißt dort ‚Apfel‘ und ‚malum‘ ‚das Böse‘. Beide Wörter werden gleich geschrieben, nur einmal mit langem und einmal mit kurzem ‚a‘ ausgesprochen.

Solche Gleichklänge verstanden die Bibelinterpreten als Hinweise auf einen tieferen Gehalt der biblischen Texte. Der Apfel ist seitdem als Symbol der Verführung und der Sünde aus der christlichen Kultur nicht mehr wegzudenken.

Der andere Baum der Paradieseserzählung – der Baum des Lebens – erhält dann später in der christlichen Tradition eine besondere Bedeutung. Sein Stamm wird mit dem Holz des Kreuzes Jesu in Beziehung gesetzt. An ihm stirbt der Erlöser und rettet die durch den Sündenfall Adams verderbte Welt. Schon um 200 preist ein dem Theologen Hippolyt von Rom zugeschriebener Text das Kreuz als diesen Baum des Lebens:

Dieser himmlische Baum ist von der Erde zum Himmel gewachsen. Unsterbliches Gewächs, reckt er sich auf zwischen Himmel und Erde. Er ist der feste Stützpunkt des Alls, der Ruhepunkt aller Dinge, die Grundlage des Weltenrunds, der kosmische Angelpunkt. Er faßt in sich zur Einheit zusammen die ganze Vielgestalt der menschlichen Natur. […] Er rührt an die höchsten Spitzen des Himmels und festigt mit seinen Füßen die Erde, und die weite, mittlere Atmosphäre dazwischen umfaßt er mit seinen unermeßlichen Armen. […] Gott erschien als Mensch, und der Mensch fuhr empor als Gott, da er die Pforten der Hölle zerschmettert und die ehernen Riegel gesprengt hat. Und das Volk, das in der Tiefe war, steht von den Toten auf und verkündet der Fülle droben: Der Chor der Erde kehrt zurück!

Das Kreuz ist der Lebensbaum. Die Kunst des Mittelalters nimmt dies häufig ganz konkret auf und zeigt den sterbenden Jesus an einem Kreuz, das als Baum mit lebendigen Zweigen und grünen Blättern gestaltet ist. Das Geheimnis des christlichen Glaubens wird so freudig dargestellt: Im Tod ist das Leben.

Eine ganz besondere Art von Bäumen sind Stammbäume. Sie finden sich bereits in der Bibel. Zwei solcher Stammbäume erklären im Neuen Testament die Bedeutung Jesu als Sproß des Königs David. Sie finden sich im ersten Kapitel des Matthäusevangeliums und im dritten Kapitel des Lukasevangeliums. Die christliche Kunst hat diese Bibelstellen vor allem seit dem 12. Jahrhundert mit der Darstellung des Baumes bzw. der Wurzel Jesse vielfältig aufgenommen und in farbige Buchmalerei und strahlende Kirchenkunst umgesetzt. Mit Jesse ist Isai gemeint, der Vater König Davids. Jesus, das Reis aus Davids Stamm, ist damit als der erwartete Messias gekennzeichnet.

Was das für Christen heute bedeutet, hat vor einiger Zeit der Theologe Josef Heer so zusammengefasst:

Konzentrieren […] wir uns jetzt auf die Gegenwart, auf das nach unserem Glauben bereits geschehene erste Kommen des Messias Jesus. Und fragen wir endlich genauer, was denn dieser Neu-Anfang Gottes mit dem ‚Reis aus dem Baumstumpf‘ konkret an Veränderung der Lebenssituation für uns Glaubende erbringe?
Zunächst möchte man sagen: Nichts! Tatsächlich dürfen wir nicht vom Baum des (ewigen) Lebens essen, müssen vielmehr sterben, sind nicht in der paradiesischen Welt, haben keine Möglichkeit zu problemfreiem, einfachhin glücklichem Leben.
Und doch ist dieses ‚Nichts‘ nach dem Zeugnis des Neuen Testaments […] falsch. Einiges ist nämlich schon jetzt verändert, anderes freilich noch nicht. Ein Anfang jedenfalls ist gemacht; und dieser Anfang ist – für Glaubende – die Veränderungs-Chance, die sie wach und entschieden wahrnehmen können.  Schon jetzt ist ja auch uns Glaubenden die wichtigste Gabe Gottes an den gekommenen Messias Jesus geschenkt: Der Geist Gottes […]. Dieser Geist befähigt uns zu einer neuen, andersartigen Lebensgestaltung […]. So werden [… die Glaubenden] – je nach den eigenen Möglichkeiten auch zu den sogenannten ‚Werken des Geistes‘ befähigt, also zu ‚Liebe, Freude, Friede …, Güte, Treue […]‘.
Auch das ‚Noch-nicht‘, d.h. die paradiesisch beschriebene Vollendung wird […] ihr Licht auf das Jetzt hereinwerfen. Dies freilich nur dann, wenn die Erfüllung dieser Hoffnung nicht auf einen ‚Sankt-Nimmerleins-Tag‘ abgeschoben, sondern mit dem eigenen Tod zusammengesehen wird: In meinem Tod ereignet sich für jeweils mich das zweite Kommen des verherrlichten Christus, weil er dabei zu mir kommt und mich zu sich holt […].
Zugegeben: All diese Veränderungen im Jetzt unseres Lebens sind nicht das in Wunschträumen Erhoffte, sind noch nicht der Baum, von dem man nur die Glücksfrüchte zu pflücken bräuchte. Aber immerhin sind sie das (vielleicht kleine und unscheinbare) Reis, das auf dem Wurzelstock unserer eigenen Lebensmöglichkeiten von Gott durch Jesus eingesetzt wurde und jetzt wachsen kann…/

Am kommenden Mittwoch, dem Aschermittwoch, beginnt die Fastenzeit. Als sichtbares Symbol für Buße und Begrenztheit des menschlichen Lebens wird im Gottesdienst die Stirn der Gläubigen mit einem Aschenkreuz bezeichnet. Die Asche dafür stammt vielerorts von den Palmzweigen oder Buchsbäumen des vergangenen Palmsonntags.

Der Beginn der Fastenzeit weist so schon auf die Feier des Einzugs des erwarteten Messias in Jerusalem hin. Jesus wird bejubelt als Spross Davids, als König Israels. Doch der Blick des Jubels von Palmsonntag geht bereits voraus auf das Kreuz, an dem Jesus stirbt.

Den kleinen Buchsbaumzweig vom vergangenen Palmsonntag hinter dem Kreuz in meinem Wohnzimmer werfe ich am Aschermittwoch in den Kaminofen. Er wird kurz aufflammen und an den Baum des Kreuzes erinnern, der in den Himmel wächst. An ihm hängt Christus – Gott selbst. So ist das Kreuz der Lebensbaum, der dem Tod nicht das letzte Wort lässt.

Literatur:

i Die Edda. Göttersagen, Heldensagen und Spruchweisheiten der Germanen, VMA- Vertriebsgesellschaft Berlin 1987, S. 9-14 [Zeilenzahl: 16].

ii Rahner, Hugo: Griechische Mythen in christlicher Deutung, Herder Freiburg/Br. 1992, S. 73 [Zeilenzahl: 14].

iii Heer, Josef: Ich bin die Wurzel und der Stamm. Hat Jesus unsere Situation verändert?, in: Bibel heute 99(1989), S. 58 f., hier: S. 59 [Zeilenzahl: 63 in Dreispaltendruck].

Musik:

Das neueröffnete-musikalische Schatzkästlein. Pretiosen der Dresdner Hof-Musik.

Ludwig Güttler, Matthias Schmutzler (Corno di caccia I/II), Andreas Lorenz, Frank

Sonnabend (Oboe I/II), Roland Straumer, Heinz-Dieter Richter (Violine I/II),

Virtuosi Saxoniae, Leiter: Ludwig Güttler, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Quohren

MPG [edel CLASSICS GmbH]

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat die Senderbeauftragte der katholischen Kirche für Deutschlandradio Kultur und Deutsche Welle TV, Juliane Bittner, Berlin.

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