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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.01.2018

Religiöse Literatur in der TürkeiErleuchtung zwischen zwei Buchdeckeln

Von Kristina Karasu

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Kunden drängen sich in einem Instanbuler Buchladen. (imago stock&people)
Bücher mit populär-religiösen Inhalten verkaufen sich in der Türkei bestens. (imago stock&people)

"Allah ist mir genug" oder "Zeit für Allah finden" - Bücher mit populär-religiösen Inhalten verkaufen sich in der Türkei glänzend. Der Boom ist symptomatisch für eine Zeit, in der Verlage unter Zensurdruck stehen und die Regierung Religiosität in allen Lebensbereichen propagiert.

Die Erleuchtung riecht nach Rosenwasser. So duftet es zumindest, wenn man in dem Buch "El Vedud" blättert. Der Titel bedeutet "Der Liebende" und ist einer der 99 Namen Allahs. In der Istanbuler Bücherpassage Akmar liegt das Taschenbuch ganz vorne in den Auslagen, kaum zu übersehen. Daneben stapeln sich Liebesromane und Wälzer über die Geschichte der Republik, aber auch andere religiöse angehauchte Ratgeber wie "Sag es werde und es wird" oder "Friede ist mit dir mein Allah". Die verkaufen sich fantastisch, schwärmt Buchhändler Veysel Sarayoğlu:

"Seit drei Tagen liegt das Buch ‚El Vedud‘ in unserer Auslage. Schon davor haben uns ständig Kunden gefragt, wann es denn endlich erscheint. Solche Bücher, mit denen sich die Leser entspannen können, insbesondere dieser Autorin, sind sehr beliebt."

Auf den türkischen Bestellerlisten rangiert "El Vedud" derzeit ganz oben. Sein Buchdeckel verspricht: "Alles was du im Namen von Allahs Liebe tust, wird eines Tages zu dir zurückkehren". Der Inhalt: Koranverse, islamische Gedichte und Rituale. Die Autorin Tuğçe Işınsu ist nicht etwa Religionsgelehrte, sondern war einst Werbefachfrau. Seit einigen Jahren nennt sie sich spirituelle Lebensberaterin, ihre Bücher verkaufen sich hunderttausendfach. Nebenbei tingelt sie durch die Talkshows des Nachmittagsprogramms, platinblondgefärbt und mit tiefem Dekolleté. Allein durch die Kraft ihres Glaubens habe sie 36 Kilo abgenommen, erzählt sie da etwa. So findet sie ihre Leserschaft, erklärt Buchhändler Sarayoğlu:

"Solche Bücher kaufen vor allem Frauen. Männer fassen diese Bücher in der Regel nicht an. Die Leserinnen sind weniger religiöse Menschen als vielmehr solche, die Religion neu für sich entdecken."

Messias oder Scharlatan?

Eine Kundin mit Kopftuch und engem Steppmantel betritt den Laden nebenan, sie ist auf der Suche nach Büchern des Bestseller-Autors Uğur Koşar. Für die einen ist der ehemalige Computer-Reparateur mit dichtem Bart ein Scharlatan. Seine Fans hingegen feiern ihn wie einen Messias für seine Bücher mit Titeln wie "Allah ist mir genug" oder "Wer sich selbst kennt, kennt den Herrn". Kundin Hüsniye Karal, 41 Jahre alt und Erzieherin, entscheidet sich für das Buch "Vertraue ohne Zweifel auf Allah":

"Dieses Buch wurde mir vielfach empfohlen. Ich denke, dass sein Inhalt sehr aktuell ist. Denn wenn die Menschen spiritueller und näher bei Allah leben würden, hätten sie auch keine psychologischen Leiden mehr. Das will das Buch wohl vermitteln. Dass wir uns mehr Allah zuwenden sollten."

Ein paar Häuser weiter, in der großzügigen Buchhandlung Çağdaş, dudelt Türk-Pop aus den Lautsprechern. Bücher bekannter türkischer Oppositioneller finden sich hier ebenso wie von Dostojewski und Steven King. Doch auch hier füllen die religiös-populären Bücher ganze Regalwände. Sehr zum Unmut des Verkaufschefs Ahmet Altın. Der bezeichnet sich als Atheist und verkauft nur sehr unwillig - wenn auch sehr oft - solche Literatur:

"In all diesen Büchern steht doch das Gleiche. Vollkommene Ergebenheit, du musst dich nicht abmühen, Allah wird dir deine größten Wünsche erfüllen. Dieser Trend hat so etwa vor zehn Jahren begonnen. Zusammen mit der Politik, die Menschen religiöser zu machen. Denn je religiöser die Menschen sind, umso ergebener sind sie. Sie haben keine Erwartungen an den Staat oder ihre Regierung, ziehen diese nicht zur Verantwortung. Sondern begnügen sich mit ihrem spirituellen Leben, mit ihrem Glauben an Allah."

Islamgelehrte blicken mit Argwohn auf den Trend

Auch einige Islamgelehrte beobachten den Trend der populär-religiösen Büchern mit Skepsis. So etwa der Theologe und Autor İhsan Eliaçık. Er kritisiert seit Jahren die kommerzielle Ausschlachtung des Glaubens. Die neuen Besteller sind für ihn das beste Beispiel:

"Bücher wie ‚Allah ist mir genug‘ oder ‚El Vedud‘ sind eigentlich keine Religionsbücher. Sie sind vollgepackt mit romantischen Worten und Gefühlen. Aber sie vermitteln überhaupt kein Wissen über Religion. Sie sind vielmehr Liebesbücher. Was suchen die Leser in ihnen? Bloß emotionale Befriedigung, ohne sich geistig anzustrengen."

Eingefleischte Fans stört solche Kritik nicht. Ihnen sprechen die Autoren aus dem Herzen. Auch Kundin Hüsniye Karal zeigt sich nach einer ersten Lektüre des Buches "Vertraue ohne Zweifel auf Allah" beeindruckt:

"Das Buch ist sehr mitreißend geschrieben, ich wollte es kaum aus der Hand legen. Es ist wie eine spirituelle und religiöse Therapie, ich kann es nur empfehlen."

Den Nachfolgeband hat sie gleich schon mitgekauft. Als Hoffnungsschimmer für kalte Winterabende. Für sie las sich islamischer Glaube selten in so süßen Worten.

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