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Studio 9 | Beitrag vom 04.05.2015

Rekrutierung über FacebookDie Undercover-Dschihadistin

Von Suzanne Krause

Eine Frau schaut auf eine Website mit Propaganda des IS. (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
Achtzig Prozent der Rekrutierungsarbeit, die der "Islamische Staat" betreibt, findet im Internet statt. (picture alliance/dpa/Oliver Berg)

Über Wochen spielte eine junge französische Journalistin eine Konvertitin und wird via Facebook von einem Dschihadisten umworben. "Undercover-Dschihadistin" heißt ihr Buch darüber. Es sei eine Antwort auf die Lügen des Netzwerks "Islamischer Staat".

Routiniert klickt sich Anna Erelle in ein Propaganda-Video der Terror-Organisation "Islamischer Staat" ein. Der aufwändig gemachte Clip setzt IS-Chef-Abu Bakr al-Baghdadi stimmungsvoll in Szene.

Erelle kennt mehrere seiner Anhänger aus Frankreich. Dank ihrer Kontakte zu Familien, deren Sohn, Tochter oder Vater über Nacht an die syrisch-irakische Front aufbrachen. Weil sie via Internet indoktriniert wurden. Erelle wollte ergründen, wie es soweit kommen konnte. Sie eröffnete ein Facebook-Konto, wo sie sich als 20-Jährige Konvertitin namens Melodie ausgab. Eines Abends meldete sich ein französischer Dschihadist bei ihr, von der Front. Das erste Skype-Gespräch, für das sich Anna alias Melodie von Kopf bis Fuß verschleierte, war ein Schock: Sie erblickte keinen ausgemergelten Krieger vor Ruinen, sondern einen flotten Vierzigjährigen. 

"Bilel war militärisch gekleidet, aber ganz offensichtlich trug er eine Ausgeh-Uniform. Bei seinem Handy handelte es sich um das allerneueste Smartphone-Modell. Ganz locker fragte er mich: 'He, Schatz, wie geht es dir?' Zwar hat mir Bilel viel von seinem Alltag im Krieg erzählt, aber ich war nie mit entsprechenden Bildern konfrontiert. Der Terrorist kam mir vor wie ein Metrosexueller, ein moderner Mann, der Gesichtscreme aufträgt, bevor er mit seiner Liebsten chattet."

Achtzig Prozent der Rekrutierungsarbeit, die der "Islamische Staat" betreibt, findet im Internet statt. Damit sind die radikalen Islamisten die allerersten  Terroristen, die sich dort offen als Terroristen bekennen und ungeniert um Nachwuchs werben. Das sieht auch Dounia Bouzar immer wieder. Bouzar kümmert sich in Paris seit eineinhalb Jahren um Menschen, die den Dschihadisten auf den Leim gingen, oder um deren Angehörige. Knapp 200 Fälle betreut die Anthropologin heute – großteils junge Mädchen, Konvertitinnen, aus gutbürgerlichem, atheistischem Milieu, sagt Dounia Bouzar.

Der Verehrer mit dem ranghohen Posten

"Sie werden alle mit demselben Prinzip angelockt: man sagt ihnen, sie werden humanitäre Hilfe leisten. Das ist wirklich sehr weit verbreitet. Wir  haben sogar den Eindruck, dass die Mädchen gezielt von Headhuntern der Dschihadisten herausgepickt wurden. Denn jede schreibt auf ihrer Facebook-Seite, dass sie Krankenschwester oder Sozialarbeiterin werden möchte. Oder sie hat dort Fotos von einem humanitären Ferienlager hochgeladen, an dem sie mal teilgenommen hat."

Anna Erelle ahnt zwar gleich, dass ihr neuer Verehrer einen ranghohen Posten bei der Terror-Organisation bekleidet. Dass Abu Belil allerdings die rechte Hand des IS-Anführers al-Baghdadi, für die US-Regierung der gefährlichste Verbrecher weltweit, ist, begreift sie erst später. Allabendlich besteht Belil auf einem virtuellen Rendezvous, drängt mehr und mehr, Melodie möge zu ihm kommen, seine Frau werden, Waisenkinder versorgen, während er an der Front für den "Islamischen Staat" kämpft. Der Terrorist verspricht ihr den Himmel auf Erden. Während die Reporterin jede Gelegenheit nutzt, ihn auszuhorchen. Was sie ans Tageslicht bringt, sind bislang unbekannte Details aus dem Alltagsleben der Front-Dschihadisten – völlig jenseits der heroisierenden Propaganda des sogenannten "Islamischen Staats".

Einen Monat lang hält die Journalistin die Doppelrolle durch, bricht sogar gen Syrien auf. Doch unterwegs erkennt sie, dass sie am Reiseziel den Terroristen in die Falle gehen würde. Erelle macht kehrt. Und zieht einen Schlussstrich unter die Existenz ihres Alter Egos Melodie. Abu Bilel allerdings vergisst sie nicht –  seither ist Anna Erelles Leben bedroht. Die 32-Jährige steht nun unter Polizeischutz.

"Anfangs dachte ich gar nicht daran, meine Recherche nach einem Zeitungsartikel auch zu einem Buch zu verarbeiten. Ich habe sogar entsprechende Verlagsangebote abgelehnt und bin eine Zeitlang abgetaucht. Doch die Drohungen gegen mich wurden immer wüster. Da habe ich beschlossen: jetzt ist Schluss.  Einen Monat lang spielte ich damals ein Mädchen, das alle Lügen des 'Islamische Staats' sang- und klanglos fressen musste. Jetzt antworte ich darauf."

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