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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.09.2012

Reizthemen, Missverständnisse, Lösungsansätze

Deutsch-chinesisches Gesprächsforum Neuhardenberg

Von Jochen Stöckmann

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Im Schloss Neuhardenberg trafen sich internationale Intellektuelle zum deutsch-chinesischen Gesprächsforum. (AP)
Im Schloss Neuhardenberg trafen sich internationale Intellektuelle zum deutsch-chinesischen Gesprächsforum. (AP)

China ist ein Land, das den Westen fordert: Seine ökonomische Stärke fasziniert, kulturelle Differenzen irritieren zuweilen. Anlass für das Goethe-Institut, im Schloss Neuhardenberg diskutieren zu lassen: "Warum wir einander nicht verstehen".

Chinas Probleme mit der Menschenwürde schilderte der Pekinger Literaturwissenschaftler Wang Hui beim deutsch-chinesischen Gesprächsforum in Neuhardenberg anhand des Schicksals der mittlerweile 300 Millionen Wanderarbeiter, auf deren Ausbeutung das Wirtschaftswachstum in nicht geringem Maße beruht. Es ging zwar um ein Reizthema, aber bei solchen Fakten - beruhend auf nackten Zahlen - sind Missverständnisse eigentlich ausgeschlossen, sollte man meinen. Bis dann die Autorin Thea Dorn aufgefordert war, das Problem aus deutscher Sicht zu beleuchten:

"Das, was Sie für China als die Wanderarbeiter beschreiben, haben wir natürlich nicht in dieser massiven, drastischen Form, aber das ist wahrscheinlich eine Gruppe, vergleichbar mit dem, wo wir heute in Deutschland 'Prekariat', eben 'die neuen Armen' dazu sagen. Wir nennen das dann manchmal 'Generation Praktikum' oder so launige Begriffe werden dann in Deutschland erfunden."

Würden derartige Vergleiche tatsächlich das gegenseitige Verständnis fördern, müsste man an dieser Stelle auf den "Entpolitisierungsprozess" hinweisen, den neben Wang Hui auch Li Yinhe von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften beklagte: Ganz unterschiedliche politische Gruppen, von den Neoliberalen bis hin zur äußersten Linken, würden identische Werte proklamieren, allen voran "Demokratie". Aber diese semantischen Tricksereien sind alles andere als "launig", folgt man dem Poeten und Essayisten Yang Lian. Er analysiert den Begriff "renmin", "Volk", zusammengesetzt aus den Worten "ren", Mensch, Individuum, und "min" für die unteren, besitzlosen Klassen:
"'Ren" und 'min' sind ganz verschiedene Bezeichnungen, und zwischen den beiden gab es keine fixierte linguistische Verkettung. Deshalb ergab sich ein sehr flexibler Bedeutungsraum, je nach Kontext. Aber immer ging es um Klassenkampf, nicht um eine nationale oder gar universale Bedeutung des zusammengesetzten Worts 'renmin'. Das ermöglicht heute noch den Herrschenden – und eigentlich allen politischen Akteuren – mit diesem Wort ihre Spielchen zu treiben."

Kein Spiel, sondern einen bühnenreif inszenierten Auftritt bot Alexander Kluge. Der Filmemacher setzte sorgsam ausgewählte Metaphern, bevor er aus seiner Sicht auf die globale Lage eine einfache Rechnung aufmachte:

"Der eine hat ein Problem, der andere hat einen Ausweg. Wenn wir zusammenlegen auf diese Weise, ergibt sich quasi durch eine Gunst des Schicksals, durch die Gunst der Vielfalt, eine Reihe von Lösungen."

Für die chinesischen Teilnehmer wurde das am runden Konferenztisch exklusiv vorgetragen von einer in Kluges privatem Tross angereisten Dolmetscherin. So lässt sich umgehen mit dem leidigen Übersetzungsproblem, das der Harvard-Professor Homi Bhabha dadurch erledigte, dass er es zur Grundlage seiner Suche nach einer "Ethik der Zusammenarbeit" machte: Zwischen den Kulturen komme es immer auf das Unübersetzbare an, das biete die Chance in einen neuen, "dritten Raum" vorzustoßen.

In der konkreten Anwendung blieb Bhabha dann allerdings die Antwort schuldig auf den Einwand des Komponisten Helmut Lachenmann, der ohne falsche Rücksichtnahme mögliche Ursachen interkultureller Missverständnisse benannte:

"Meine Schüler, die ich hatte, die wollten sozusagen nun - wie in der Fahrschule - die wollen die Fahrprüfung bestehen - als Komponisten! Wenn ich darüber mit Komponisten aus China rede, da bin ich wahrscheinlich ein total irritierender Störenfried. Ich habe da eine Menge Musik gehört, die gar nicht lange ihre eigenen Mittel reflektiert, sondern die einfach sofort eine kollektiv bannende Wirkung haben soll."

Lachenmann wäre sang- und klanglos untergegangen, hätte nicht der kenntnisreiche Sinologe und selbstkritische französische Philosoph Francois Jullien seinen Vorschlag unterbreitet, "wie das Missverständnis zwischen dem chinesischen und dem europäischen Denken auszuräumen ist": Nicht mehr mit dem bloßen Ausmessen "kultureller Differenz", sondern durch das permanente, sozusagen prozesshafte Aufspüren sich verändernder Unterschiede, französisch "écart", was auch "Abweichung" bedeuten kann und Anklänge an den aus der Norm fallenden "Seitensprung" hat:

" Ich finde das Konzept erfindungsreich und abenteuerlustig, die Chance unserer Epoche: sich in verschiedenen Kulturen bewegen um dem seichten Humanismus des 'Dialogs der Kulturen' zu entgehen. Denn ein Dialog wird erst fruchtbar mit den Auseinandersetzungen, die er erlaubt. Nicht zum faulen Kompromiss sind die Kulturen aufgerufen, sondern zum klaren, gegenseitigen Verständnis."

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