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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 01.02.2021

Reisen nach der PandemieDie Neuerfindung des Urlaubs

Überlegungen von Jörg Phil Friedrich

Hängebrücke im Klausbachtal, Nationalpark Berchtesgaden, Bayern. (picture alliance/Zoonar/Harald Biebel)
Die Hängebrücke im Klausbachtal im Nationalpark Berchtesgaden, Bayern, könnte doch ein Teil eines bundesweiten Wanderwegs sein. (picture alliance/Zoonar/Harald Biebel)

Der Philosoph Jörg Phil Friedrich glaubt, dass wir unser Verständnis von Urlaub überdenken müssen. Fernreisen und Massentourismus haben ausgedient, um die Lust nach Außergewöhnlichem zu stillen. Der Urlaub der Zukunft ist lokal und genügsam.

Wir machen Urlaub, um im restlichen Jahr etwas zu erzählen zu haben. Entweder sprechen wir darüber, was wir im Urlaub gemacht haben, oder davon, was wir für den nächsten Urlaub planen. Urlaub ist ein wichtiger Teil von dem, was dem Leben Sinn gibt.

Viele von uns wären über den Jahreswechsel im Skiurlaub gewesen oder sie würden sich schon darauf freuen, im Februar oder März in die Berge zu fahren. Vielleicht hat sie schon in den Vorjahren das schlechte Gewissen gestreift, beim Anstehen am Skilift mit Blick auf Schneekanonen, Kunstschnee und volle Parkplätze, wissend wie klimaschädlich das ist, was man da gerade tut.

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Nun hat die Coronapandemie die Sache für dieses Jahr sowieso unmöglich gemacht. Auch hier gilt: Der Massentourismus trägt zum Problem bei, weil Menschen aus aller Welt eng zusammenkommen und so Drehkreuze für die Verteilung gefährlicher Viren auf der ganzen Welt entstehen. Aber was wären die Alternativen?

Wer sich für den Urlaub nach Herausforderungen und Impulsen in der Nähe seiner Heimatstadt umsieht, findet nur Bekanntes, Alltägliches, Unspektakuläres, kaum etwas, was reizt. Kletterhallen und Skiabfahrtshallen sind kaum ein Ersatz für die richtigen Berge mit den richtigen Skipisten.

Zweiteilung der Welt in Alltag und Urlaub

Die moderne Welt ist eingeteilt in die Gegenden, in denen der Alltag stattfindet, und in die, in denen die Erholung, die Herausforderung, das Außergewöhnliche erlebt wird. Da gibt es zum einen die grundsätzliche Aufteilung in Landschaften, in denen man wohnt und die, in denen man Urlaub macht.

Die richtigen Skipisten gibt es nur im Gebirge, ebenso die richtigen, die hochalpinen Wanderwege, die richtigen Wellen gibt es nur an den Küsten. Das sind die Dinge, die moderne Menschen brauchen, um das Außergewöhnliche zu erleben, das, bei dem sie spüren, Menschen zu sein.

Zudem gibt es die Gegenden mit dem anderen, dem "exotischen" Alltag, dem, der sich so ungeahnt vom eigenen Alltag unterscheidet. Wir reisen nach Kirgistan, um dort in den Jurten der Hirtenfamilien zu übernachten, wir reisen nach Tokio, um in den Trubel einer fremden Großstadt einzutauchen. Die Pandemie ist die richtige Zeit, darüber nachzudenken, warum wir so weit reisen müssen, um das "Ungewöhnliche" und das "Faszinierende" zu tun, das, was bleibt, zu erfahren.

Schauen wir auf die alltäglichen Landschaften des mittleren Europas, dann merken wir, dass das hierzulande schwierig ist. Natürlich wäre es eine Herausforderung, einmal quer durch Deutschland zu wandern, nur mit einem Zelt und einem Rucksack auf dem Rücken, und jede Nacht dieses Zelt an einem anderen Ort aufzubauen. Aber das ist fast überall in Deutschland verboten.

Alte Pfade wiederentdecken

In Israel gibt es den National Trail, den alle Israelis in ihrem Leben einmal gewandert sein sollten. Dort findet man in Abständen von Tagesmärschen immer einen Platz zum Zelten, zum Feuermachen, zum Beisammensitzen.

Das gibt es in Deutschland nur sehr selten. In Skandinavien wandert man im tiefsten Winter von einer unbewirtschafteten Hütte zur anderen, macht Feuer im Ofen, bereitet das mitgebrachte Essen, schläft im Schlafsack auf Holzbänken. Solche Hütten gibt es in Mitteleuropa nur in den Alpen.

Herausfordernd und prägend wäre so etwas auch mitten in Deutschland. Dazu müssten wir unser Land aber ändern, wir müssten Dinge ermöglichen und Landschaften erschließen. Alte Pfade wiederentdecken, auf denen schon vor Jahrhunderten Menschen durchs Land gezogen sind.

Aufregendes und Unbekanntes gibt es auch in Deutschland

Vieles ist verschwunden, aber vieles kann auch wieder entstehen. Das "Exotische" ist nicht nur in der Ferne, sondern auch in den vergangenen Jahrhunderten, die hier ihre Spuren ins Land gekerbt haben.

Die Pandemie zeigt, dass uns der bloße Verzicht, auch wenn wir ihn als notwendig akzeptieren, in ein leeres Leben treiben kann. Das gleiche gilt für die Vorstellung vom klimaneutralen Leben. Aus der bloßen Einsicht in die Notwendigkeit des Verzichts erwächst kein Lebenssinn. Wir müssen an die leeren Stellen etwas Neues setzen, etwas, das uns Lust auf Leben macht.

Ein älterer Mann mit kurzen Haaren schaut in die Kamera. (HeikeRost.com)Jörg Phil Friedrich (HeikeRost.com)Jörg Phil Friedrich, Jahrgang 1965, ist Diplommeteorologe und Master of Arts in Philosophie. Er ist Mitbegründer des Softwarehauses INDAL in Münster und lebt bis heute von der Softwareentwicklung und vom Schreiben philosophischer Texte. Zuletzt erschien sein Buch "Ist Wissenschaft, was Wissen schafft?" (Alber 2019).

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