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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.05.2020

Reisebüros in der CoronakriseEine vergessene Branche leidet und klagt an

Von Dieter Nürnberger

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Am Fenster eines geschlossenen Reisebüros in Stuttgart steht: "Wir bleiben euch treu - bleibt uns auch treu". (Imago / Arnulf Hettrich)
Vielen Reisebüros droht im Herbst wegen Corona die Insolvenz. (Imago / Arnulf Hettrich)

An Urlaub ist während einer Pandemie nicht zu denken - aber vielleicht im Herbst? In der Reisebranche herrscht das Prinzip Hoffnung. Aber die Lage ist mies.

Seit rund 30 Jahren verkauft Ina Schild Urlaubsträume. Ihr Reisebüro "TouRent-Reisen" in Berlin-Pankow ist relativ klein, zwei große Schreibtische mit Computern und Telefonen, in den Regalen bunte Reisebroschüren und auch so manche traditionelle Holzmaske aus fernen, afrikanischen Destinationen. Wer Ina Schild dieser Tage besucht, sieht Normalität. Die Geschäftsführerin telefoniert viel, sie füllt Formulare am Computer aus und doch ist alles anders: Stornieren satt buchen – so beschreibt sie ihren Arbeitsalltag in Coronazeiten.   

"100 Prozent der gebuchten Reisen mussten ja abgesagt werden. Es fand ja auch kein Flug mehr statt. Also unser Rückgang ist genau 100 Prozent. Es macht natürlich keinen Spaß monatelang ohne ein Cent Verdienst zu arbeiten. Wie lange will ich das machen?"

Provisionen müssen erstattet werden

Mehr als 100 schon gebuchte Reisen hat Ina Schild in den vergangenen Wochen abgewickelt, zurückgebucht. Viel Papierkram, E-Mails und Telefonate mit Kunden und Reiseveranstaltern. Verdienen tut sie damit nichts, denn ein Reisebüro lebt meist ausschließlich von den Provisionen, die Veranstalter für verkaufte Reisen zahlen. Rund 10 Prozent. Müssen die Reisen – wie derzeit unumgänglich – abgewickelt werden, wird es finanziell eng.

"Wir haben vor über einem Jahr schon Kreuzfahrten gebucht. Für jetzt. Und die Vermittlungsprovisionen, die wir dafür zum Teil schon erhalten haben, die müssen wir jetzt zurückzahlen."

Kaum internationaler Flugverkehr

Geplatzte Urlaubsträume bedeuten auch: Frustrierte Kunden, überforderte Veranstalter und vor allem eigene Existenzängste der Reisebürobetreiber. Und Besserung ist zumindest vorerst nicht in Sicht:

"Wir haben nach wie vor die Situation, dass es in vielen Ländern Einreise- und Ausgangsbeschränkungen gibt. Dass der internationale Flugverkehr am Boden liegt. Und deshalb ist es notwendig, die weltweit geltende Reisewarnung bis Mitte Juni zu verlängern."

Als Bundesaußenminister Heiko Maas in der vergangenen Woche die weltweite Reisewarnung verlängerte, war das für die Branche keine große Überraschung. Denn die Grenzen der meisten Länder sind weiterhin geschlossen, auch innerhalb Europas. Für die Reisebüros heißt das, dass sie nun auch noch die längst erfolgten Buchungen bis mindestens Mitte Juni stornieren müssen. Rund zwei Drittel der Reisebüros stehen wegen der Coronakrise vor dem Aus, analysiert der Deutsche Reiseverband. Hauptgeschäftsführer Dirk Inger fordert inzwischen staatliche Hilfen.  

"Wir brauchen ein Sofortprogramm für Reisebüros und Reiseveranstalter. Wir brauchen Beihilfen und eine nicht-rückzahlbare Unterstützung. Sonst wird es in wenigen Wochen die Reiseindustrie in Deutschland nicht mehr geben."

"Wir brauchen Geld"

An diesem Vormittag arbeitet noch eine weitere Angestellte im Pankower Reisebüro, in normalen Zeiten sind sie hier zu dritt. Geschäftsführerin Ina Schild fühlt sich von der Politik vernachlässigt. Auch in den Medien werde lediglich über die Corona-Folgen für Industrie, Handel oder auch die Gastronomie gesprochen. Auch denen gehe es schlecht, keine Frage. Doch könne der Einzelhandel längst wieder öffnen, wenn auch unter Auflagen, oder Restaurants zumindest außer Haus verkaufen.

"Wir haben im Gegensatz zu anderen keine Möglichkeit etwas zu tun. Wir können für unsere Kunden nur bestmöglich die Sachen abwickeln. Geld zurück oder Reiseguthaben. Alle Fragen, die die Kunden haben verlässlich beantworten. Das tun wir, deshalb bleiben wir auch hier. Ob das betriebswirtschaftlich Sinn macht, weiß ich nicht. Dazu brauchen wir einfach konkrete monetäre Hilfe. Wir brauchen Geld. Punkt."

Vertragspartner mehr oder weniger kulant

Immerhin hat ihr Vermieter eingewilligt, dass sie die Mietzahlungen in den nächsten Monaten stunden kann. Und auch einige der Reiseveranstalter, bei denen Sie Vertragspartner ist, zeigen sich mehr oder weniger kulant, wenn es um die Rückzahlungstermine der längst eingenommenen Provisionen geht. Die Hälfte ihres Umsatzes macht Ina Schild beispielsweise mit Vertragspartner "Tui", der Reisekonzern hat zur Überbrückung der Coronakrise immerhin einen Staatskredit über 1,8 Milliarden Euro erhalten.

Noch herrscht bei vielen in der Reisebranche das Prinzip Hoffnung. Vielleicht muss die Urlaubssaison 2020 noch nicht gänzlich abgeschrieben werden.

"Wir haben eben sehr, sehr viele Stammkunden. Gut, wenn man 30 Jahre hier ist, klar. Und die fragen natürlich auch, wie sie uns unterstützen können."

Angebote in Deutschland, Österreich und Holland

Reisen endlich wieder verkaufen, statt sie nur zu stornieren. Neugeschäft statt Abwicklung. Immerhin hat Ina Schild neulich eine Reise auf die Kanaren verkauft – für den November. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Die Frage sei nur, wohin werden die Leute überhaupt reisen können?  

"Wenn auch in den nächsten drei bis fünf Monaten keine Fernreise gebucht wird, hoffen wir, dass die Kunden verstärkt ins Reisebüro gehen und eben auch so etwas wie Deutschland, Österreich oder Holland buchen. Also auch ganz einfach mit dem PKW anreisen. So etwas haben Reisebüros auch, sogar vieles davon. Das können die Leute bei uns buchen und das sollten sie jetzt auch tun. Hoffe ich."

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