Dienstag, 18.12.2018
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.02.2011

Reise mit unbekanntem Ziel

Gerhard Schulze: "Krisen. Das Alarmdilemma", S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011, 256 Seiten

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Eine Aktienmaklerin sitzt unter der fallenden DAX-Kurve. (AP)
Eine Aktienmaklerin sitzt unter der fallenden DAX-Kurve. (AP)

Finanzkrise. Überalterung. Klimawandel. Wohin man auch blickt, der Planet steht in Flammen. Wirklich? Worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir von Krisen sprechen?

Diese Frage steht am Anfang des ebenso bissigen wie eloquenten neuen Buches "Krisen. Das Alarmdilemma" des Soziologen Gerhard Schulze. Dem skeptischen Denken verpflichtet, stellt der Autor zunächst fest, dass man Krisen nur in Abweichung von Normalität überhaupt bestimmen kann. Vor dem wohlfeilen Habitus der ständigen Alarmiertheit muss also beantwortet werden, wie der Regelfall auszusehen habe. Das ist einfach, wenn das Auto liegen bleibt, aber schwierig, wenn es um kulturelle Entwicklungen geht.

Worauf basiert unser Verständnis von Normalität und Abweichung, von Problem und Lösung, vom Fortschritt und dessen Bedrohung? Um diese Fragen systematisch zu beleuchten, nimmt der Autor seine Leser mit auf einen scharfsichtigen Streifzug durch die Grundlagen der Erkenntnistheorie, immer gemäß der Maxime: so komplex wie nötig, so einfach wie möglich.

Zunächst geht es um die paradoxe Position des Menschen: Hin- und -hergerissen zwischen Sicherheit und Aufbruchslust, wohnen viele Seelen, ach, in seiner Brust. Schulze spricht vom Pionier, vom Besorgten und vom Hausmeister – in Krisensituation fungierten sie entweder als Warner oder als Beschwichtiger. Auch hier erweist sich Schulze als glänzender Advokat des Einzelfalles – das Ozonloch beispielsweise verdiente Besorgtheit, das "Waldsterben" hingegen erwies sich im Nachhinein als Fehlalarm.

Der widersprüchlichen Verfasstheit des Menschen stellt er zwei grundsätzliche Arten des Normalen gegenüber: die Ordnung des Aufenthalts und die Ordnung der Transformation. Erstere wird von stabilen "Systemen" erzeugt, letztere erscheint als ein Ergebnis von "Serien" – verstanden als regelmäßige oder typische Systemtransformationen.

Um dem Unterschied zwischen den beiden zentralen Ordnungen zu illustrieren, begibt sich der Autor in ein "Museum der Normalitätsmodelle". Typische "Systeme" sind Organismen, Maschinen, Lebenswelten und Funktionssysteme wie die "öffentliche Sicherheit".

"Serien" hingegen beschreibt Schulze als Modelle von Entwicklung (von einem Ausgangstadium zu einem Stadium der Reife), Steigerung (wie ein "Aufstieg ohne Gipfel") und schließlich Evolution – deren "blinder Mechanismus" von Mutation und Selektion von der Wendung ins Kulturelle immer stärker in Frage gestellt wird: Es geht nicht mehr nur um das "Natürliche", sondern ebenso sehr um das Wünsch- und Denkbare.

Schulzes Verdienst besteht darin herauszuarbeiten, dass die westliche Moderne in ihrer Unabgeschlossenheit notwendigerweise der Ordnung der Transformation angehört: Was ist schon normal auf einer Reise, deren Ziel man nicht kennt? Und was gilt es dennoch unter allen Umständen zu bewahren? Mit diesen Fragen liefert der Autor eine punktgenaue Kritik der alarmierten Unvernunft – und zugleich ein furiose Verteidigung der Errungenschaften der Moderne: Reflexion, Wissenschaftlichkeit und Selbstironie.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Gerhard Schulze, Krisen. Das Alarmdilemma
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011
256 Seiten, 19,95 Euro

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