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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.01.2014

Reise-MiniaturenZauberhafte Stadt auf Sumpf

Buch der Woche - Cees Nooteboom: "Venezianische Vignetten"

Von Carola Wiemers

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Blick auf den Markusplatz ("Piazza San Marco") in Venedig (AP)
Blick auf den Markusplatz in Venedig - vom offenen Meer aus (AP)

Cees Nooteboom huldigt der Lagunenstadt. Beim Irrwandeln durch Venedigs Gassen- und Brückengewirr schaut er sich selbst über die Schulter und berauscht sich an der Stadt und ihren Kunstschätzen.

Zugegeben, es gibt bereits einige Bücher über Venedig, vor allem zahlreiche Liebeserklärungen. Denn die Lagunen-Schönheit gilt wie der Eros als ein unergründbares Phänomen. Dass der als passionierter Weltenbummler bekannte Schriftsteller Cees Nooteboom diese Stadt mehrfach besucht hat, wundert also nicht. Zumal der Niederländer das Genre der Reiseliteratur durch seine besondere Perspektive bereichert hat.

Als "Dandy ohne Geld“ durchstreifte er Amsterdam und wurde angesichts der Architektur in den Metropolen zum modernen Flaneur. Was aber kann ein Flaneur, der sich für die Instandhaltung der Erinnerungen verantwortlich fühlt, in einer Stadt schon tun, die selbst ein Archiv der Zeiten und der historischen Ereignisse ist?

In den zwischen 1982 und 2013 entstandenen Venedig-Miniaturen empfindet der routinierte Fernsüchtige die Stadt als eine von Menschenhand geschaffene Unmöglichkeit - "auf diesen paar sumpfigen Stücken Land hatten sie sich ein Gegengift ausgedacht, einen Zauber gegen alles, was hässlich war auf der Welt“.

Für Nooteboom ist Venedig eine "greifbare Form der Ewigkeit“ – und ein Anachronismus, von dem "Entzücken und Verwirrung“ ausgehen. So schaut er sich beim Irrwandeln durch das Gassen- und Brückengewirr, in dem sich nur die Einheimischen zurechtfinden, selbst über die Schulter. Echte Venezianer gibt es auf der Lagune ohnehin nur wenige, da die meisten von ihnen abends "ihr sinkendes Schiff verlassen“. Wer aber im ewigen Labyrinth wohnhaft ist, trägt sein Auserwähltsein mit Stolz.

Während der Blicksüchtige mit dem Vaporetto zwischen den urbanen Schönheiten hin- und herschaukelt, bleibt sein Kopf immer wieder an Gebäuden, Kirchen, Plätzen hängen. Sie erinnern an ein erlebtes Früher, weil "zwischen Venedig und Venedig“ viel vergessen werden darf.

In Nootebooms Vignetten – in denen etwas vom Wörtchen "vigne“, Weinrebe, rauschhaft mitschwingt – scheinen alle Sinnesorgane gleichermaßen geschärft. Besonders eindrücklich ist das anhand von "Drei Miniaturen“ nachzuvollziehen, in denen es um die italienischen Maler Giovanni Battista Tiepolo, Vittore Carpaccio und Francesco Guardi geht. In Nootebooms Beschreibung waltet eine sinnliche Intensität, so dass die Münzen, Korallenstücke und Perlenketten, die Tiepolo auf seinem Gemälde Poseidon aus dem Füllhorn schütten lässt, hörbar auf das "goldbrokatene Gewand“ einer schönen, gekrönten Frau fallen. In ihrem Blick liegen Befremden und Angst: "Kein Zweifel, er entrichtet keinen erzwungenen Tribut, sondern gibt aus Liebe, und Venedig ist die Frau, der er dies alles schenkt."

Spätestens dann, wenn man mit Nooteboom am 25. November 2012 in der Kirche San Rocco sitzt und "Musica e Spiritualità“ lauscht, weiß man, dass die nächste Reise nach Venedig schnellstens gebucht werden sollte.

Cees Nooteboom: Venezianische Vignetten
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Mit Fotografien von Simone Sassen
Insel Verlag, Berlin 2013
119 Seiten, 13,95 Euro

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