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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.06.2013

Reise ins Land der Krankheit

Christopher Hitchens: "Endlich. Mein Sterben", Pantheon Verlag, München 2013, 128 Seiten

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Der Journalist und Atheist Christopher Hitchens verstarb im Dezember 2011 an den Folgen seiner Krebserkrankung.  (dpa / Patrick Seeger)
Der Journalist und Atheist Christopher Hitchens verstarb im Dezember 2011 an den Folgen seiner Krebserkrankung. (dpa / Patrick Seeger)

Das letzte Buch des 2011 verstorbenen britisch-amerikanischen Journalisten Christopher Hitchens handelt vom eigenen Tod. Mit der Diagnose Krebs beginnt seine Reise ins Land der Krankheit. Er beschreibt dessen Regeln, Sprache und Kultur, anfangs mit Witz, später mit Resignation.

Christopher Hitchens ist immer ein Darsteller gewesen. Meistens ein Selbstdarsteller, aber er verkörperte oft auch bestimmte Positionen, weltanschauliche wie politische, und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Die Auftritte des britisch-amerikanischen Journalisten waren legendär, und kaum jemals langweilig; eher streitbar als taktvoll, niemals vorsichtig oder gar bescheiden. "Der wunderbare Moment, wenn man jemanden unterbrechen und eine Anekdote überbieten kann, wenn man einen Satz umdreht, dass alles lacht, wenn man einen Gegner der Lächerlichkeit preisgibt. Für solche Augenblicke habe ich gelebt."

Dies schrieb Hitchens, als er durch seine Krebserkrankung seine Stimme verloren hatte und wusste, dass es keine solchen Augenblicke mehr geben würde. Sein letztes Buch beginnt mit der Diagnose Speiseröhrenkrebs und endet in Fragmenten, in Schwäche, in Verstummen. Aber diese schriftliche "Annäherung an den Untergang" enthält auch, sozusagen als Vermächtnis, seine Lieblingskampfthemen - Religion zum Beispiel. Der glühende Atheist erlebte es, dass nach Bekanntwerden seiner Krankheit der 20.9.2010 zum Christopher-Hitchens-Gebetstag erklärt wurde. Dazu notiert er: "Was, wenn ich durchkäme, und die fromme Fraktion würde zufrieden behaupten, ihre Gebete seien erhört worden? Das wäre schon irritierend."

Glaube und Jenseitströstungen gab es für ihn nicht – aber er hatte seinen Scharfsinn und sein Sendungsbewusstsein, bis zuletzt. Als guter Reporter beschreibt er seine "Deportation" ins Land der Krankheit, benennt dessen Regeln, Sprache und Kultur, dessen ganz eigene Höflichkeit, analysiert die Veränderungen an sich selbst, anfangs mit Witz, später mit Resignation.

Am Ende schildert er nur noch Schmerzen; und nutzt auch diese Erfahrung, um den Unterschied zwischen Qualen durch Therapie und solchen durch Folter zu untersuchen. (Vor einigen Jahren hat er sich – das war eine seiner berühmtesten Verkörperungen – vor offiziellen Zeugen dem "Waterboarding" unterzogen, um hinterher als unbestechlicher Experte sagen zu können: das ist Folter.)

Dieser Text über das körperliche Ausgeliefertsein ist der letzte in diesem kleinen Buch. Hier zeigt Hitchens, der kämpferische Linke und Verfechter der Menschenrechte, der Kritiker Henry Kissingers, der Befürworter des Irakkrieges, Freund der Neokonservativen und Feind aller Religionen eine anrührende hilflose Tapferkeit, die seine lebenslang gepflegte notorische Besserwisserei verzeihlich macht.

Aber abgesehen davon: Es gibt nicht viele Menschen auf der Welt, die so brillant schreiben wie er es konnte - wofür oder wogegen auch immer.

Besprochen von Katharina Döbler

Christopher Hitchens: "Endlich. Mein Sterben"
Aus dem Englischen von Joachim Kalka
Pantheon Verlag, München, 2013
128 Seiten, 12,99 Euro


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