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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.11.2017

Reinhard JirglDas Verstummen des Büchner-Preisträgers

Thomas Geiger im Gespräch mit Gabi Wuttke

Reinhard Jirgl (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
Rückzug ins Private: der Autor Reinhard Jirgl (dpa / picture alliance / Arne Dedert)

Kaum jemand in der Literaturszene hat bemerkt, dass der preisgekrönte Autor Reinhard Jirgl sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat - und nichts mehr veröffentlichen will. Die Branche stelle sich damit kein gutes Zeugnis aus, meint Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin.

Der Georg-Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl hat verkündet, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und keine Bücher mehr zu veröffentlichen. Und so gut wie niemand aus der Literaturszene hat diese Ankündigung auf der Website des Hanser Verlags kommentiert, geschweige denn überhaupt registriert.

Ist dies das äußere Zeichen für eine gewisse soziale Kälte in der Branche? "Das ist für das, was wir Literaturbetrieb nennen, sicherlich kein großer Ausweis des Guten, dass uns das gar nicht aufgefallen ist, dass Jirgl stumm geworden ist", sagte Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium in Berlin.

Geiger, der den mehrfach preisgekrönten Jirgl kennt, glaubt nicht, dass sich hinter dessen Rückzug Geringschätzung gegenüber seinen Lesern vebirgt.

Der Schreibende sucht nicht automatisch die Öffentlichkeit

Zu Jirgls Ankündigung sagt Geiger: "Wir erwarten wie selbstverständlich, dass der Schreibende die Öffentlichkeit sucht." Aber vielleicht sei die Öffentlichkeit für den Schreibenden  - gerade eben aus seinem ganz intimen Vorgang des Arbeitens an dem Text und an sich und mit sich heraus – so aufreibend, dass private wie öffentliche Seite nicht mehr zueinander passten.

Das Kuriose sei, dass Jirgl nach 1989, als DDR-Autor, eigentlich der einzige gewesen sei, der endlich vieles habe veröffentlichen können, das vorher nicht möglich gewesen sei.

"Das hat fast ein bisschen was Tragisches, dass er aus dem Schweigen wieder ins Schweigen zurückgeht."

Auf jeden Fall sei Jirgls Rückzug nicht als bloße Attitüde zu verstehen.

"Es wird uns ein großer, ein sprachmächtiger Autor fehlen. Es wird uns einer der ganz großen Pessimisten der Gegenwartsliteratur fehlen. Aber vor allem fehlt uns einer der am meisten formbewussten und größten Schreibtalente, die wir zur Zeit haben in der Prosa."

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