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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.11.2006

Rein statistisch gesehen

Die große Kleine Volkszählung in Siehdichum

Von Michael Frantzen

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Volkszählung 1987 (AP Archiv)
Volkszählung 1987 (AP Archiv)

Was wird die große Volkszählung bringen? Die Bundesregierung hat sie für 2010 angekündigt. Wir wollen nicht so lange warten, um rechtzeitig Fehlplanungen zu verhindern. Außerdem neigen wir der traditionellen Volkszählung zu, bevorzugen also das Gespräch mit dem Bürger, weichen ihm nicht aus. Kurzum: Hier ist die kleine Handreichung für die große Volkszählung. Unser erprobter Zähler war schon mal unterwegs, selbstlos und am richtigen Ort, also in Siehdichum. Wir sind gespannt.

"Guten Tag! Michael Frantzen ist mein Name, ich komm vom Deutschlandradio."

Kleemann: "Ach du lieber Himmel!"

Fünfpfennig: "Muss das sein?!"

Na ja.

Schüler: "Wie jetzte?! Warten se mal. Sie stellen jetzt praktisch Fragen und wir sollen die beantworten?"

Genau!

Schüler: "Also, es geht jetzt praktisch darum, uns vorzustellen?!"

Genau!

Pfarrer: "Wir versuchen unser bestes zu geben."

Danke!

Krause: "Man muss nur fragen und wenn man interessiert ist, kriegt man ausreichend Hinweise von uns."

Na also, geht doch!
So, dann fangen wir mal an mit unserer kleinen Volkszählung - in Siehdichum.
Also: Einwohnerzahl.

1.749. Hat damit: 24 Einwohner pro Quadratkilometer. Im Bundesdurchschnitt sind es 231. Liegt in: Ostbrandenburg. Knapp fünfzehn Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Postleitzahl: 15890. Ist Teil der Verwaltungsgemeinschaft Amt Schlaubetal. Besteht aus: Den drei Orten Schernsdorf, Rießen und Pohlitz, die sich im Rahmen der Gemeindegebietsreform in Brandenburg vor drei Jahren zusammenschließen mussten. Zu Siehdichum. Ist aber so zu sagen eine Neuauflage. Denn Siehdichum gab es schon mal.

Krause: "Fangen wa doch mal mit der richtigen Geschichte von Siehdichum an."

Gerne.

Pfarrer: "Ich wurde schon aufgeklärt, warum das so heißt."

Aha.

Bürgermeister: "Siehdichum basiert auf der Aussage eines Abtes, der auf dieser Höhe mal gestanden hat und den Satz geprägt hat: Sieh dich um! Weil der Ausblick dort zur damaligen Zeit sehr schön war. Jetzt sind die Bäume hoch, jetzt sieht man da halt nicht mehr viel."

Klowski: "Den Namen Siehdichum gibt es schon über 650 Jahre. Aber er hat eben ne zweideutige Bedeutung bekommen während der DDR-Zeiten. War mal nen Objekt der Staatssicherheit."

Die Försterei Siehdichum.

Klowski: "Nen Jagdsitz für Gäste des Ministerium für Staatssicherheit. Und wenn se sich in der Nähe nur haben blicken lassen, wurde se uffgefordert, die Jegend zu verlassen."

So war das damals – in Siehdichum.

Meine: "Siehdichum liegt nun einmal genau mitten im Schlaubetal."

Im Schlaubetal?!

Krause: "Das Schlaubetal ist ja eine Endmoränenlandschaft, also recht hügelig, wunderschöne Mischwälder, durchzogen von Seenketten. Circa 28 Kilometer. "

Meine: "Man kommt sich vor wie im Schwarzwald. Sie gehen unten und mit einem Mal sind sie 50 Meter oberhalb der Schlaube. Haben mit einmal Berge und wissen gar nicht, wo die herkommen."

So. Das hätten wir jetzt schon mal. Dann kann’s ja jetzt richtig los gehen.

"Guten Tag!"
Mann: "Guten Tag!"
"Michael Frantzen ist mein Name, ich komm vom Deutschlandradio."

Kleemann: "Ach du lieber Himmel! "

Fünfpfennig: ""Muss das sein?!"

Ja ja, das kennen wir schon. Jetzt mal Butter zu den Fischen. Also Herr Bürgermeister:

Beitsch: "Wir leben auch ohne Parteien ganz gut."

Na, das fängt ja gut an. Jetzt wollten wir doch gerade fragen, wie es um das politische Engagement in Siehdichum bestellt ist. Das parteipolitische. So spannende Fragen wie: Wie viel Mitglieder hat die SPD? Wie viele die CDU? Und die PDS? Und – statistisch gesehen - wer koaliert mit wem? Das übliche halt. Ist also gar nicht – oder?!

Beitsch: "Kurz nach der Wende gab es Fraktionen, die sich noch um bestimmte Ämter bemüht haben. Das ist nach meinem Kenntnisstand seit der letzten Wahl nicht mehr. Also, da tritt weder ne SPD, noch ne PDS, noch ne CDU an – mit Kandidaten. Das basiert alles entweder auf Verein, die sich dann mit einbringen, oder persönliches Engagement. Man sagt: OK, ich will für die Kommune was bewegen. Ich will mit dran arbeiten, dass unser Dorf relativ schön wird. Also, politisch sag ich mal, ist das Level ganz weit unten. Ich bin jetzt auch schon ... jetzt muss ich überlegen: Wie viel Jahre? 15 Jahre. Oder 14 Jahre erst als stellvertretender Bürgermeister und als Bürgermeister...ich bin immer ohne politische Funktion dort rein getreten und ich sag mal, letztlich ist es bei vielen andern so: Die Leistung entscheidet."

Na, wenn das mal immer so wäre.
Dass es in Siehdichum keine Parteien gibt, meint Bürgermeister Beitsch, könne auch damit zu tun haben, dass die Parteien in den neuen Bundesländern so wenig Mitglieder haben. So hat die mitgliederstärkste Partei in Brandenburg, die PDS, gerade einmal 10.000 Mitglieder, bei der SPD sind es 6700, bei der CDU 7000.

Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen zählt allein die CDU 185.000 Mitglieder.
OK. Also keine Parteimitglieder in Siehdichum. Aber wir brauchen jetzt harte Fakten. Ist ja schließlich eine Volkszählung: Dann zumindest die Anzahl der Gemeindevertreter.

Beitsch: "Wir haben elf, zwölf Gemeindevertreter. Muss erst mal überlegen: Drei, drei. Ja! Elf, nee, zehn Gemeindevertreter plus Bürgermeister. Drei, drei, drei."
Schwarz: "Nä."
Beitsch: "Drei, drei und vier."
Schwarz: "Vier, vier, vier."
Beitsch: "Vier, vier, vier? Tatsächlich. Na, sehen se. So ist das: Ist Berufsblindheit."

Geschenkt.
Also wir rekapitulieren: Die Parteien haben in Siehdichum nichts zu bestellen. Was ist mit Vereinen?

Beitsch: "Feuerwehr ist ja im ganzen Amt mit ein Zentrum der kulturellen Aktivitäten. Wir haben hier in Schernsdorf nen Feuerwehrverein, der die größeren Veranstaltungen im Jahr hier organisiert wie Fastnacht, Erntefest und so weiter. Und auch in den anderen Ortsteilen."

Also in Rießen und Pohlitz. Jedes Dorf hat noch seine eigene Feuerwehr, in ganz Siehdichum ist – jetzt mal rein statistisch gesehen – jeder dreißigste bei der Feuerwehr. Macht fünfzig Feuerwehrleute. In Brandenburg waren es letztes Jahr 49.497 Feuerwehrleute, die zu 69.316 Einsätzen gerufen wurden.

Heiko Schwarz ist einer von ihnen.

Schwarz: "Alsi ich bin nebenbei auch Feuerwehrchef von Schernsdorf. Es waren mal 47 Mitglieder hier, in der Feuerwehr, in Schernsdorf hier. Mittlerweile sind wir jetzte auf 15 runter gekommen. Meine Jugendlichen, die von der Jugendfeuerwehr kamen, jetzte gerade im Ausbildungsalter sind, die sind natürlich komplett alle weg gezogen sind. Den letzten musste ich jetzt gehen lassen, der ist oben nach Hamburg gegangen, macht dort seine Lehrstelle als Tischler, weil er hier in der ganzen Region nix gekriegt hat. So geht das hier reihweg. Das ist schon traurig."

Siehdichum gehen die Leute stiften. Besonders die Jungen. Letztes Jahr zogen 81 Siehdichumer weg.
Kein Einzelphänomen: So hat das Statistische Bundesamt ausgerechnet, dass 2005:

137.200 Personen aus den neuen in die alten Bundesländern zogen. Seit dem Jahr 1991 hat Ostdeutschland fast eine Million Einwohner verloren.

In Siehdichum ist fast jede Familie betroffen. Die vom Bürgermeister auch.

Beitsch: "Ich kann das aus eigener Erfahrung sagen: Meine Tochter, die arbeitet in der Nähe von München. Und mein Sohn, der ist noch in Dresden, aber er wird mit Sicherheit auch nicht hierher zurückkommen, weil er hier keine Arbeit findet."

Arbeit! Ist in Siehdichum so eine Sache. 110 Gewerbeanmeldungen gibt es – darunter zwei Dachdecker, zwei Kfz-Werkstätten, ein Frisör. Kleinkram.
Größter Arbeitgeber der Region ist Eko-Stahl im benachbarten Eisenhüttenstadt. Gehört inzwischen zum Stahlriesen Mittal.

Eko-Stahl steigerte seinen Umsatz von 2000 bis 2005 von 950 Millionen Euro auf 1,1 Milliarden. Gleichzeitig nahm die Belegschaft von 2.931 auf 2.754 ab.

Zu den Jobs direkt bei Eko-Stahl kommen noch einmal 3000 bei den Zulieferern. Macht alles in allem rund 6000 Arbeitsplätze, die von Eko-Stahl abhängen. Zur Wendezeit hatte Eko-Stahl noch 12.000.

"Guten Tag!"
Mann: "Guten Tag!"
"Michael Frantzen ist mein Name, ich komm vom Deutschlandradio."

Kleemann: "Ach du lieber Himmel! "

Fünfpfennig: ""Muss das sein?!"

Na, das kann ja heiter werden. Wollten doch gerade den weichen Faktoren in Siehdichum auf die Spur kommen. Was die Siehdichumer so in ihrer Freizeit tun. Gassi-Gehen zum Beispiel. Gibt etliche Hunde hier. Hauptsächlich Kleine: Dackel, Terrier, Promenandenmischungen. Wie viele genau? Müssen wir leider passen. Gibt keine verlässlichen Zahlen. Dafür aber das:

In Deutschland leben zurzeit 5,3 Millionen Hunde, jeder zehnte Haushalt hat einen Vierbeiner.

Jeder zehnte. Kommt einem in Siehdichum irgendwie mehr vor. Oder Frau Kallweit?

Kallweit: "Na ja. Also, ja, ja, sicher."

Was Hunde angeht, kann Liana Kallweit keiner was vormachen. In Siehdichum. Die 43-Jährige betreibt das Husky-Camp Schlaubetal. Acht Huskies plus Bello, der zwar aussieht wie ein Pudelmischling, aber mit seinen 15 Jahren felsenfest davon überzeugt ist, auch ein Husky zu sein. Meint seine stolze Besitzerin.

Kallweits Camp ist hauptsächlich etwas für Kinder. Die mit den gutmütigen Hunden aus Alalaska spielen können. Oder im Winter im Schlaubetal Schlitten fahren. Und in einer Trapperhütte übernachten – direkt neben dem Hunde-Gehege.

Wenn man so will, hat Liana Kallweit aus der Not eine Tugend gemacht. Denn eigentlich ist Kallweit Erzieherin. Zwanzig Jahre hat sie in einem Kindergarten in Eisenhüttenstadt gearbeitet – bis sie 2004 entlassen wurde: Kein Bedarf mehr. Nach einem Jahr lief das Arbeitslosengeld aus, irgendetwas musste passieren und da sei ihr Idee mit dem Husky-Camp gekommen, erzählt die Mutter zweier Kinder.

Kallweit: "Die wenigsten Leute wissen eigentlich, was wir hier machen. Ja, muss ich ganz ehrlich so sagen: Wir bringen uns hier auch kaum ein, weil die Nachfrage nicht da ist. Sie blocken ab und wir drängeln uns nicht auf. Und wer uns nicht haben möchte – das müssen wir dann halt auch nicht machen. Ob’s noch an den Kindern liegt? Aber Kinder müssen sich bewegen. Und auch spielen können. Und auch lachen können. Und das gefällt einigen Nachbarn wohl nicht. Damit müssen wir leben, damit müssen sie leben. Können se froh sein, dass wir keine Baufirma haben, wo ich früh um halb fünwe raus muss."

Früh aufstehen muss auch Karin Schüler – die Leiterin der einzigen Kita in Siehdichum. Die ersten Kinder stehen manchmal schon um sechs auf der Matte. Fast fünfzig Jahre gibt es die Kita schon, Schüler selbst ist hier in den Kindergarten gegangen – nur um Anfang der 80er als Köchin zurückzukehren. Eigentlich wollte sie ja damals Erzieherin werden, aber das ging nicht, weil: Sie war nicht zur Jugendweihe gegangen, hatte dementsprechend kein "gefestigtes Weltbild." Im Laufe der Zeit arbeitete sie sich hoch, sprang ein, wenn die anderen im Urlaub waren oder krank – bis sie schließlich doch noch als Erzieherin arbeiten konnte. Damals, in der DDR.

Mit der Wende dann weitere Veränderungen: Die Umwandlung des Kindergartens zur Kindertagesstätte. Neue pädagogische Konzepte. Und irgendwann die Erkenntnis: Es werden immer weniger Kinder. Und: Die Kommune hat immer weniger Geld.

Schüler: "1997 ist dann eigentlich das Aus gekommen, dass sie schließen sollten, mussten. Die Kommune konnte den Kindergarten nicht mehr halten aus finanziellen Gründen. Und seitdem hab ich den in privater Trägerschaft. Weil ich eigentlich mit den Kindern sehr verbunden war und ich dachte, dass man’s einfach mal probieren sollte. Die Kinder waren hier alle eine Gemeinschaft und die hätten jetzt für ein Jahr in andere Einrichtungen gehen müssen. Den Kindern zuliebe hab ich’s einfach mal probiert. Und bestehen noch. Und hoffen auch, dass wir auch noch recht lange weiter bestehen."

Vier Erzieherinnen kümmern sich zurzeit um 27 Kinder, zu DDR-Zeiten waren es vierzig. Dass es wieder mehr werden könnten, glaubt Schüler nicht. Im Gegenteil: Nächstes Jahr kommen gleich elf ihrer Schützlinge ins schulpflichtige Alter. Die sind dann weg. Und ob so viele wieder nachrücken? Schüler zuckt die Schultern. Gerade einmal 13 Geburten gab es 2005 in ganz Siehdichum. Aber wird schon. Sind ja flexibel: Letztens erst haben sie Geld bei den Eltern gesammelt für ein defektes Fenster, das repariert werden musste. Und bevor sie eine weitere Erzieherin entlässt, wie vor zwei Jahren, zieht sie lieber selbst den Gürtel enger.

Pfarrer: "So, jetzt Demutshaltung annehmen. Die Tür hier ist nicht sehr hoch. Die ersten Balken sind noch niedrig."

Das liebe Geld! Davon kann auch Pfarrer Rudolf Zörner ein Lied singen. Der Seelsorger betreut seit 2004 die evangelischen Kirchen in Rießen und Pohlitz, zusätzlich zu fünfzehn weiteren Dörfern. Ist dementsprechend viel auf Achse, 60-Stunden-Wochen sind die Regel.

Pfarrer: "Dieses Gebiet mit den drei Kirchengemeinden, da waren meinetwegen im Jahr 1950 dort vier Pfarrer tätig. Und aus schwindenden Finanzmitteln und zurückgehenden Gemeindegrößen eben musste das zusammengelegt werden – notgedrungen."

So. Da wollen wir jetzt mal ein bisschen nachbohren, ist ja schließlich eine Volkszählung. Also: Hochzeiten dieses Jahr?

Keine einzige.

Beerdigungen?

Ein halbes Dutzend.

Wie viele Schäflein hat der Herr Pfarrer denn in Rießen und Pohlitz?

Um die 500.

Und wie viele davon kommen zum Gottesdienst?

Pfarrer: "Zum normalen Gottesdiensten sind’s vielleicht nur zwölf Leute. Aber zu, was weiß ich, Karfreitag oder Erntedank können’s auch gut fünfzig Leute sein. Und Heiligabend auch an die zweihundert."

"Guten Tag!"
Mann: "Guten Tag!"
"Michael Frantzen ist mein Name, ich komm vom Deutschlandradio."

Kleemann: "Ach du lieber Himmel! "

Fünfpfennig: ""Muss das sein?!"

Ja ja, schon gut. Machen wir jetzt mal einen Schnelldurchlauf. Mit unserer Volkszählung. Also: In Siehdichum gibt es:

Drei Gaststätten, drei Friedhöfe, drei Dorfanger, einen Lebensmitteladen, eine Zahnärztin, unzählige Satellitenschüsseln und ungefähr jede halbe Stunde die Nachricht auf dem Handy, dass ein polnischer Mobilfunkanbieter einen herzlich in seinem Netz begrüßt.

In Siehdichum gibt es keinen Supermarkt, keine Apotheke, keine Tankstelle, kein Bekleidungs- oder Schuhgeschäft, kein Zeitschriftenladen, wo man eventuell Postkarten von Siehdichum kaufen könnte, wenn es sie denn gäbe; keine Buchhandlung und auch keine Bücherei.

Dafür aber gibt es das hier:

Mädchen: "Ich würd gerne das abgeben, von mir.""
Mann: "Gleich! Warte mal!"
"Und die von meinem Papa. Geht gleich los!."

Seit sechs Jahren ist Edgar Bunde jetzt schon mit seiner Fahrbibliothek von Landkreis Oder-Spree auf Achse. Insgesamt 72 Orte klappert der Bibliothekar ab, alle vierzehn Tage ist ein Ort dran.

Bunde: "Wir sind gerade hier in Pohlitz. Und das bedeutet: Wir sind hier dreißig Minuten. In Schernsdorf – das wäre der übernächste Ort – 16.35 bis 16.50. Und Rießen zuvor. Kann ich ihnen auch sagen: 15.50 bis 16.25."

Na, das sind doch mal präzise Angaben. Was lesen die Leute denn so in Siehdichum?

Bunde: "Zum Beispiel gibt es viele, die Heimatromane lesen. Die Krimis lesen. Aber auch Sachbücher, Abenteuerromane."

Na, immerhin: Sie lesen noch, die Siehdichumer. Werden nämlich immer weniger in Deutschland.

Nur noch sechs Prozent aller Deutschen greifen täglich zum Buch. Fast jeder Zweite hat mit Büchern kaum oder nichts mehr zu tun.

Doris Fünfstück aus Siehdichum ist eine von ihnen. Die liest nämlich:

Fünfstück: "Guten Rat, Test, Gartenzeitung. Handarbeitshefte. Bücher nicht allzu sehr. Wir haben derart viel im Garten zu tun, also dann ist das doch nen bisschen sehr viel."

Klar, haben wir Verständnis für.
Doris Fünfstück wohnt erst seit ein paar Jahren in Pohlitz, vorher hat sie mit ihrem inzwischen pensionierten Mann in Eisenhüttenstadt gelebt. War ganz nett da, aber sie wollten auf ihre alten Tage raus ins Grüne. Sagt sie – und lacht. Jetzt wohnt sie in einem Neubaugebiet, das so aussieht wie Neubaugebiete nun mal überall in Deutschland aussehen: Klinkerbau, Garage, viel Beton, die Häuser in Reih und Glied. Irgendwie austauschbar.

Oh! Tschuldigung! Haben wir wieder die gebotene Objektivität vergessen! Ja, ja. Ist ja eine Volkszählung. Also, reichen wir noch ein paar Fakten nach. Bitte, Herr Bürgermeister.

Beitsch: "In den Ortsteilen Schernsdorf, Rießen, Pohlitz – da haben wa Neubaugebiete von circa 50 bis 70 Häuser jeweils, das sind ungefähr zwischen dreihundert und vierhundert Einwohner, die aus Eisenhüttenstadt in die Dörfer gegangen sind."

Meine: "Problem ist jetzt natürlich: Aufem Dorf, außer ein, zwei Kneipen ist nix da. Heißt immer sieben, acht Kilometer fahren. Und zwei Autos vorzuhalten. Aber die Leute haben’s damals so gewollt, günstig das Grundstück im Grünen erworben und müssen mit den Nachteilen, sag ich, mal, leben."

So ist er halt – der Herr Amtsdirektor. Redet immer Klartext. Auch gerne mit irgendwelchen daher gelaufenen Journalisten, die irgendwelche obskure Volkszählungen durchführen und dann auch noch meinen, sie würden das ganze zu irgendeinem "Feature" verwursten. "Feature" – das klingt nach Anglizismus und so etwas mag Detlef Meine gar nicht. Beim Herrn Amtsdirektor spricht man Deutsch!
Seit 1993 ist der West-Import aus Hannover jetzt schon in Amt und Würden – und stolz auf das, was er in dieser Zeit alles so auf die Beine gestellt hat.

Meine: "Ich glaube schon, dass wir von der Infrastruktur hier einiges den Leuten bieten können. Und, sagen wir mal, westliches Niveau durchaus erreicht haben."

Na ja! Einen Bahnhof sucht man in Siehdichum vergeblich. Okay, die Straßen sind in einem guten Zustand, sieht man mal von der Schotterpiste direkt hinter dem Ortsausgangsschild Rießen ab, die zum Sportplatz führt. Aber das mit den Busverbindungen ist so eine Sache.

Krause: "Wir haben das Problem, dass hier kein Linienverkehr mehr ist."

Klagt Norbert Krause vom Gasthof "Forsthaus Siehdichum."

Krause: "So dass wa entschieden haben, dass: Wir übernehmen den Transport der Kinder. Das heißt, meine große Enkeltochter wird täglich gefahren nach Eisenhüttenstadt zum Gymnasium. Das ist eene Tour 25 Kilometer. Mein Sohn. Oder ich. Wer gerade Zeit hat."

Fünf Kilometer sind es vom Forsthaus Siehdichum bis nach Schernsdorf. Dürfte eine der idyllischsten Strecken sein, die ganz Brandenburg zu bieten hat. Jetzt, im Herbst, haben sich die Laubbäume in ein Meer von Rot und Gelb verwandelt. Die ursprüngliche Natur rund um seinen Gasthof ist denn auch das Pfund, mit dem Norbert Krause wuchert. Und der Wiedererkennungswert unter den Besuchern aus der ehemaligen DDR.

Krause: "Dieser Wiedererkennungswert! Viele Betriebe aus DDR-Zeiten hatten im Schlaubetal ihre Betriebsferienheime. Zum Beispiel die Gisag-Leipzig in der Mahlheide. Das große Bungalowdorf, was leider verfällt. So. Und wenn sie jetzt nach Leipzig fahren – ins Paunsdorf Center und machen dort Werbung mit dem Fremdenverkehrsverein für das Schlaubetal, erleben sie hundertprozentig, dass Gäste an den Stand kommen und sagen: Mensch, da waren wir als Kinder im Ferienlager. Oder da waren die Eltern gewesen. Und daraus resultiert, dass wir sagen: Also: Berlin für den Tages- und kurzen Tourismus; die neuen Bundesländer: Der Wiedererkennungswert."

Tourismus ist wichtig für Siehdichum. Und das Schlaubetal. Insgesamt gibt es 13 so genannte "Beherbergungsstätten" im Amt Schlaubetal mit 361 Gästebetten.

Zahl der Übernachtungen letztes Jahr: 27.717, ein Plus von fünf Prozent.

"Guten Tag!"
Mann: "Guten Tag!"
"Michael Frantzen ist mein Name, ich komm vom Deutschlandradio."

Kleemann: "Ach du lieber Himmel!"

Fünfpfennig: "Muss das sein?!"

Nöh, eigentlich nicht! Schluss mit der Volkszählung. Sollen doch die Profis vom Statistischen Bundesamt ran. Oder Frau Schüler?

Schüler: "Das hätten sie mir mal vorher gesagt. Dann hätte ich erst mal nen Schnaps jetrunken."

Na, wir gleich mit. Aber war doch ganz in Ordnung, unsere kleine Volkszählung. Oder Herr Pfarrer?

Pfarrer: "Die jetzige Form ist auch noch nicht die Menschheitsbeglückung."

Okay. Merken wir uns. Für’s nächste Mal.

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