Feature, vom 26.06.2021, 18:05 Uhr

Reihe: Wirklichkeit im RadioSteh auf, es ist Krieg

Vom Überfall auf die Sowjetunion

1941 sollte die Sowjetunion in einem Blitzkrieg vernichtet werden. Ausmaß der Brutalität und Zahl der Toten übersteigen jede Vorstellungskraft. Paul Kohl brachte 1986 ins Bewusstsein, was viele bis heute verdrängen.

Bewohner von Smolensk, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben.  (imago/teutopress)
Bewohner von Smolensk, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. (imago/teutopress)

22. Juni 1941: Der Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion erfolgt unter dem Codewort "Fall Barbarossa". Drei Viertel der gesamten militärischen Streitkräfte hatte Hitler zusammengezogen, um die Sowjetunion in einem Blitzkrieg zu vernichten. Über fünf Monate dauerte der Vormarsch. Teile der Wehrmacht standen Anfang Dezember 1941 kurz vor Moskau. Dann wurden sie von der Roten Armee zurückgetrieben, drei Jahre lang. Beim Rückzug befahl Hitler die Strategie der "Verbrannten Erde": Jedes Haus, jeder Brunnen musste zerstört werden. Allein in Belarus wurden während der drei Jahre der deutschen Besetzung 190 Konzentrationslager und sechzig Ghettos von der Wehrmacht und der SS errichtet, wurden 209 Städte und 9.100 Dörfer zerstört. Die Bewohner von 628 Dörfern wurden lebendig verbrannt. Insgesamt verloren 20 Millionen Russen ihr Leben.

Der Autor Paul Kohl reist im Jahr 1985 diesem Krieg nach, auf der Spur der Heeresgruppe Mitte: Brest, Minsk, Smolensk, Moskau. Er besucht die wieder aufgebauten Städte und Dörfer. Er lässt die Opfer dieses Überfalls erzählen, wie das damals war, als die Deutschen kamen. Die Überlebenden von Massenerschießungen, aus den Ghettos, den Konzentrationslagern, aus den verbrannten Dörfern. Und er stellt ihnen die Aussagen und Erinnerungen ehemaliger deutscher Soldaten der Heeresgruppe Mitte gegenüber. Es entsteht das Panorama eines Alptraums. Und damit die Frage: Wie war das möglich?


Reihe: Wirklichkeit im Radio
Steh auf, es ist Krieg
Vom Überfall auf die Sowjetunion
Von Paul Kohl
Regie: Wolfgang Bauernfeind
Mit: Burghart Klaußner, Christine Davis, Gudrun Genest, Walter Renneisen und Erwin Schastok
Ton: Alfons Steffen
Produktion: SFB/DLF/NDR/RB/SWF 1986
Länge: 54'03
Länge: 58'08 (Online-Fassung)


Den folgenden Essay finden Sie zusammen mit zahlreichen weiteren und vielen Extras auf dieser Webseite.

1941 – Krieg gegen die Sowjetunion. Die Berichte der Zeitzeugen aus der Sowjetunion und die der deutschen Soldaten decken sich an kaum einer Stelle. Paul Kohl lässt beide Seiten erzählen.

Am 9. September 1985 startet die Reise an der polnisch-sowjetischen Grenze. Es handelt sich nicht um eine Urlaubsreise, sondern um eine ebenso politische wie persönliche Reise. Der Startpunkt ist genau da, wo am 22. Juni 1941 in den frühen Morgenstunden der Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion begann. Paul Kohl folgt dem Weg der Heeresgruppe Mitte von Brest über Minsk und Smolensk bis 15 Kilometer vor Moskau. Er hat einige Jahre Recherche hinter sich, er weiß wie die Route verlief und er weiß ungefähr, was passierte. Die Sowjets haben die Reise genehmigt und ihm einen Dolmetscher an die Seite gestellt. Der Dolmetscher arbeitet für den KGB, im Lauf der Reise freundet sich Paul Kohl mit ihm an (audio 3). Er hat ein fast 4 Kilogramm schweres UHER-Gerät dabei mit Tonbandspulen, die alle 20 Minuten gewechselt werden müssen. Oft, so erzählt er, ist er froh, dass er sich um die Technik kümmern muss. Denn was er hört, ist grauenvoll.

Paul Kohl ist ein westdeutscher Journalist. Wenn im Jahr 1985 westdeutsche Journalisten aus der Sowjetunion berichten, dann begleiten sie in der Regel die große Politik. Sie gehen nicht in kleine Dörfer, um nach einem Massengrab zu fragen, wo 1941 ein deutsches Sonderkommando Hunderte von Menschen erschossen haben. Sie suchen nicht nach dem Platz, an dem einmal eine Scheune stand, in der die Dorfbewohner verbrannten, nachdem die Deutschen sie hineingetrieben und die Scheune angezündet hatten. Und sie fahren nicht dorthin, wo die Deutschen Lager für Hunderttausende sowjetischer Kriegsgefangene errichtet haben, die dort verhungert und erfroren sind. Das aber macht Paul Kohl. Sein Motiv für die Reise sei ein persönliches gewesen, sagt er: "Ich habe dieses Feature, das ja mein erstes großes einstündiges Feature war, deshalb geschrieben, weil um mich herum, Familie, Verwandtschaft, alle geschwiegen haben." (audio 1)

Der Krieg gegen die Sowjetunion war als triumphaler Raubzug von den Ideologen des Rassenhochmuts geplant. Das Land sollte erobert, die Bevölkerung ermordet oder versklavt werden und das kommunistische Regime in Moskau gestürzt werden. Alles sollte innerhalb weniger Wochen erledigt sein. Jedenfalls vor dem Winter, für den die deutsche Armee nicht ausgerüstet war. Es kam anders. Wenige Kilometer vor Moskau stockte der Angriff. Von da ab ging es rückwärts, dreieinhalb Jahre lang, bis im Mai 1945 die rote Fahne auf dem Berliner Reichstagsgebäude gehisst wurde. Weit über 20 Millionen Tote hatten die sowjetischen Sieger zu beklagen, mehr als die Hälfte waren Zivilisten. Über drei Millionen deutsche Soldaten fanden in Russland den Tod.

Wenn Paul Kohl dem Weg der Herresgruppe Mitte folgt, ist das nach den heutigen Kriterien des storytelling nicht spannend, denn Anfang und Ende sind bekannt. Trotzdem ist jede Minute dramatisch aufgeladen, denn der Autor lässt das Ereignis von zwei Seiten erzählen. Und die Berichte der überlebenden Zeitzeugen aus der Sowjetunion decken sich an kaum einer Stelle mit den Geschichten der deutschen Soldaten. Der Autor Paul Kohl bricht ein bundesdeutsches Tabu, indem er Aussage gegen Aussage setzt, gleichberechtigt, Schnitt und Gegenschnitt. Er schafft so einen dokumentarischen Rahmen, eine fiktive Begegnung, die historisch – zumindest in Westdeutschland – nicht stattgefunden hat.

Die beiden Erzählstränge von Opfern und Tätern werden ergänzt einerseits durch einen informatorischen Text, sparsam, mit wenigen Zahlen und andererseits durch die Eindrücke des Autors, der an den Tatorten steht, wo in der Regel nichts von dem zu sehen ist, was im Krieg dort geschah: "Hier muss es gewesen sein". Phrasiert wird der Vormarsch von Brest nach Osten durch das Metronom von Radio Moskau. Dieses Ticken verbindet Gegenwart und Vergangenheit in einer gefühlten Mischung von Gefahr: Zeitzünder und Unerbittlichkeit: nichts ist vergangen.

Die Regie von Wolfgang Bauernfeind verzichtet auf stimmungsvolle Effekte, es gibt keine Tiefflieger, kein Panzerkettengerassel, keine Schüsse, keine dräuenden Tiefenfrequenzen. Es zählt das gesprochene Wort. Akustische Farbe gibt es überhaupt nur in den Passagen des Jahres 1985, in denen vom Alltag der Überlebenden erzählt wird, die einen prächtigen Bahnhof mit Kronleuchtern gebaut haben, die Pilzsuppe mit saurer Sahne servieren und riesige Hochzeiten mit mehreren Musikkapellen feiern. Hier liefert der Autor die journalistische Zusicherung: ich war da. Zugleich erklärt er die journalistische Kapitulation: "3000 Menschen in diesem Graben. Ich versuche mir das vorzustellen, es gelingt mir nicht. Ich versuche mir zehn erschossene Menschen vorzustellen, zehn, das kann ich. Hundert, ich habe Mühe. 1000, 3000. Zuviel. Ich kann es mir nicht vorstellen."

An keiner Stelle analysiert Paul Kohl das Geschehen, nirgends bewertet oder beurteilt er, was seine Protagonisten sagen. "Ich werte nie! Ich muss das so hinstellen, dass der Hörer automatisch es selbst bewertet". (audio 5) In der Begründung der Jury zur Verleihung des Axel Eggebrecht-Preises an Paul Kohl im Jahr 2014 heißt es: "Aussagen und Argumente werden unaufgeregt in eine präzise Sprache gefasst, sorgfältig Gegenargumenten gegenübergestellt, und dramaturgisch geschickt verwoben. Dabei bleibt die Haltung des Autors zu seinem Thema nie verborgen. Der gedankliche Freiraum, der durch die sorgfältige Montage aller Elemente entsteht, lässt jedoch auch Platz für die eigene Meinungsbildung des Hörers, denn Paul Kohl will nicht ‘die Wahrheit’ verkünden, er will durch Information aufklären."

Die gängige Version vom "Russlandfeldzug" in den meisten deutschen Familien nach 1945 war die einer großen Leidensgeschichte, in die Hitler die Deutschen hineingetrieben hatte. Von den Leiden der Menschen in der Sowjetunion, den Ghettos, Gefangenenlagern und Massenerschießungen war nie die Rede. Als die deutschen Soldaten nach Hause kamen, hatten sie Schreckliches erlebt, Schreckliches gesehen und Schreckliches getan. Sie waren von einem verachteten Feind besiegt worden, Triumphgeschichten gab es keine. Über alles wurde das Leichentuch des Schweigens gelegt. Wobei der Kalte Krieg zumindest den Westdeutschen einen geschmeidigen Übergang erlaubte: sie konnten ihren vertrauten Feind behalten, kämpften jetzt aber an der Seite des Westens und im Namen der Freiheit.

Seine deutschen Zeitzeugen fand Paul Kohl über eine Zeitungsannonce, genau genommen über zwei aufeinander folgende Anzeigen: "Bin Journalist. Suche ehemalige Soldaten, Überfall auf die Sowjetunion, Heeresgruppe Mitte: Ergebnis Null. Neue Anzeige: Suche Soldaten Heeresgruppe Mitte, die über ihre Leiden erzählen. Da kam Post! Telefon, Karten. Es haben sich 50 ungefähr gemeldet … und dann hab ich 35 ausgewählt, und zwar 35 der Stimme nach, also nicht welche, die da was runterrasseln, sondern die ich auch senden kann … und natürlich war von Anfang an klar: anonym, Klaus C. oder irgendsowas, keine Klarnamen." (audio 4)

Paul Kohl durchbricht mit seinem Stück die Mischung aus Schweigen und Nichtwissen zu einem Zeitpunkt, als auch die Rede Richard von Weizsäckers im Bonner Bundestag am 8. Mai 1985 eine Zäsur im historischen Bewusstsein der BRD signalisierte. Die Aufarbeitung des Kriegs gegen die Sowjetunion dauerte allerdings noch Jahre. Eine Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht im Jahr 1995 löste noch immer Empörung aus, weil sie als Verleumdung deutscher Soldaten gesehen wurde.

In Moskau begann Mitte der 1980er die Zeit von Glasnost und Perestrojka: Michail Gorbatschow wurde im März 1985 Generalsekretär der KPDSU. Die Sowjets genehmigten die Reise nicht nur, sie unterstützten sie auch materiell, indem sie Hotels und Transportmittel zur Verfügung stellten. Sie beauftragten Journalisten der regionalen Zeitungen damit, Treffen zu organisieren, das Kulturhaus oder die Schule zur Verfügung zu stellen, überlebende Zeitzeugen ausfindig zu machen, die bereit waren zu erzählen. In den örtlichen Zeitungen wurde darüber berichtet, denn dass ein Journalist aus der Bundesrepublik sich für diesen Krieg interessierte, war eine Sensation. (audio 2)

"Ich habe damit gerechnet, dass ich angespuckt werde, das hätte mir nix ausgemacht, das hätte ich völlig verstanden nach alldem, was war, aber ich wurde mit Rosen empfangen. Ich hab kein böses Wort gehört, kein Vorwurf! Also es wurde immer – während meiner Reise haben mich die überlebenden Opfer haben immer den Unterschied gemacht zwischen den Nazis und den Deutschen. Ich konnte denen nicht sagen, hörn se mal, es gab auch unter den sogenannten Deutschen jede Menge Nazis, ja. Die bestanden darauf, es gibt den bösen Nazideutschen und den guten anderen Deutschen." (audio 6)

Aus einem Interview mit Paul Kohl am 1. Juli 2021

1 : Alle haben geschwiegen
Ich habe dieses Feature, das ja mein erstes großes einstündiges Feature war, deshalb geschrieben, weil um mich herum – Familie, Verwandtschaft – alle geschwiegen haben. Ja, was war denn da eigentlich? Mein Vater war Polizist, Ordnungspolizei – er war nicht bei der Heeresgruppe Mitte, nicht Belarus, nicht Russland, er war in Polen, er war in Serbien, er war in Griechenland, er war in den Niederlanden. Von ihm, das hab ich hier auch in dem Buch deutlich beschrieben: NICHTS. Ich fragte, was habt ihr denn gemacht? Joaaa, Wache gestanden. Mein Onkel war bei der OT – Organisation Todt – ja gut, die haben ja nicht nur Brücken, die vorher die Partisanen gesprengt hatten, wieder instand gesetzt, oder die Kasernen instand gesetzt, die vorher die deutsche Luftwaffe bombardiert hatte, sondern die haben auch Konzentrationslager gebaut, soweit die Häftlinge das nicht selber konnten. Die OT – Organisation Todt – war ja der Bautrupp schlechthin, das war ja ein gigantischer Konzern. Und wenn ich meinen Onkel fragte, ja, was habt ihr denn gemacht? Jo, schimpfte er auf die Partisanen, die haben vorher alles kaputt gemacht, das mussten wir alles wieder aufbauen. Der andere Onkel war in Russland, wo genau konnte, wollte er nie sagen, bei der Luftwaffe, also Fallschirmspringer, das heißt der wurde hinter der Front abgesetzt – hinter der sowjetischen Front – ja, was habt ihr denn gemacht, der wurde fuchsteufelswild, wenn ich ihn danach fragte.

2: Logistische Unterstützung durch die Sowjetunion
Diese Reise von Brest/Bug bis Moskau verlief ja im Zickzack, durch vier Wochen oder sechs Wochen waren es sogar, und zwar durch die großen Städte Minsk, Smolensk bis Moskau und immer im Zickzack quer übers Land – Städte, wo noch vorher kein Deutscher war, Siedlungen, Kolchosen, Sowchosen, also die kleinsten Dörfer – da war natürlich vorher nie nach 45 kein Deutscher mehr! Diese Treffen wurden alle organisiert durch örtliche Zeitungen. In Moskau gab es APN Nowostej, das ist die damalige große Nachrichtenagentur, APN Nowostej in Moskau und die haben dann in diesen Städten, in die ich wollte, Journalisten von Regionalzeitungen sozusagen animiert, mich zu empfangen und mir Informationen zu geben und meine Reise zu begleiten.

3: Der Dolmetscher, mit dem er sich anfreundete, kam vom KGB
Ich sprach ja kein Russisch, hätte ich gerne gekonnt, ich hatte von Anfang an einen tollen Dolmetscher – Borislaw Petschnikow. Der war selbst Journalist und war zugleich beim KGB – musste er ja, denn der KGB hatte natürlich auch ein Auge auf diesen westdeutschen – war ja der Klassenfeind – Journalist, was treibt er da, hält er sich an die Abmachung? Oder ist das nur Vorwand um was anderes zu machen? Völlig klar, und ich wusste auch, dass der KGB mich quasi in Form meines Dolmetschers beaufsichtigt. Ich hatte aber nie Probleme, nie. Dieser KGB-Mann, Petschnikow, war wie gesagt zugleich Journalist, der wollte mit mir diese Reise machen, um selbst zu erfahren, zu erleben, was in SEINEM Land wirklich geschehen ist, denn die hatten ja nur die offiziellen Verlautbarungen, ja, aber doch nicht die aus der Bevölkerung, aus der Quelle, sondern nur – Partei, und das hat der mir auch gesagt. Der kam aus Moskau, er sagte, wir wissen eigentlich nicht viel über den Krieg, was wir wissen sind Siegesmeldungen, nur Siegesmeldungen, wie heroenhaft wir – ja hamse, stimmt – aber es gab bei diesem Sieg auch viele Niederlagen, und es gab ein unendliches Leid in der Bevölkerung, unendlich, nicht vorstellbar für uns – der sagt, über Leid wurde bei uns in Moskau nicht geredet, nur Sieg, nur Sieg, ja, und der sagt, ich will das von der Quelle wissen, mit dir zusammen fahren wir von Brest bis Moskau und dann erfahre ich, sagt er, zum ersten Mal, was hier wirklich geschehen ist, ja. Da waren wir schon Freunde.

4: Die deutschen Soldaten der Heeresgruppe Mitte
Wie fand ich die deutschen Soldaten, die damals in der Heeresgruppe Mitte waren? Da hab ich also Inserate aufgegeben in einer Berliner Zeitung und zwar in der Rubrik "Aktivitäten" und so – hab geschrieben: Bin Journalist. Suche ehemalige Soldaten, Überfall auf die Sowjetunion, Heeresgruppe Mitte. Null! Keiner!! Vielleicht haben welche mich angerufen und beschimpft – wir waren ehrenwerte deutsche Soldaten, das kann sein, dass ich da Anrufe bekam, aber sonst: Ergebnis Null. Ja, OK. Hab ich was draus gelernt. Neue Anzeige: Suche Soldaten Heeresgruppe Mitte, die über ihre Leiden erzählen. Da kam Post! Telefon, Karten. Es haben sich 50 ungefähr gemeldet, alle wollten über ihre Leiden reden und über den böse Russen und was der böse Russe ihnen angetan hat – ich hab mir das am Telefon alles angehört und dann hab ich habe 35 ausgewählt, und zwar 35 der Stimme nach, also nicht welche, die da was runterrasseln, sondern die ich auch senden kann. Fünfunddreißig – die hab ich alle interviewt, von den 35 haben drei gesagt – die drei hab ich auch in der Sendung – wir haben da entsetzlich gehaust, wir haben da Verbrechen geübt, jeden Tag, jede Stunde, die anderen, davon hab ich fünf oder sechs oder sieben genommen, und die haben so richtig auf den Putz gehauen, wär besser, wenn wir den Russen kaputt gemacht hätten und so. Also das war auch typisch, akustisch: die, die sagen war toll, da haben wir endlich mal aufgeräumt, klar, musste sein, da war die Stimme immer kräftig nach oben, ja, die drei, die sagen, entsetzlich was wir da angestellt haben, da ging die Stimme immer runter, das ist auch psychologisch höchst interessant. Ja, so hab ich diese da ausgewählt, und natürlich war von Anfang an klar: anonym, keine Klarnamen, damit ich zu denen auch überhaupt kommen durfte, hab ich von Anfang an am Telefon gesagt: anonym, Klaus C. oder irgendsowas, keine Klarnamen.

5: Ich werte nie! Länge
Ich habe mich immer nur gesehen als Informator, ich informiere über eine Sache, über einen Vorgang, dazu benutze ich verschiedene Aussagen, das sind dann die Aussagen der Täter, die Aussagen der Opfer, und dann, was ich an dokumentarischem Material, wo ich ja keinen O-Ton hab, und dann die Umstände, wo befinde ich mich, was macht das für einen Eindruck auf mich. Ich werte nie! Das ist die Arbeit des Zuhörers. Ich muss das so hinstellen, dass der Hörer automatisch es selbst bewertet, ja. Wenn da der eine sagt, Kolesnikow in Minsk, der erste Bombenangriff auf Minsk, 24. Juni 41, danach gab es Minsk nicht mehr, nur Ruinen, ja, und dann kommt der andere Deutsche und sagt: wir haben Minsk nicht kaputt gemacht, alles Lüge, da hat der Hörer jetzt zwei Positionen, wem glaubt er? Ich drücke keinen Stempel auf, ich stelle aber die Fakten so, also gegeneinander, dass der Hörer selbst merkt, wer die Wahrheit sagt.

6: Die bösen Nazis und die guten Deutschen
Ich wollte noch etwas sagen, auch wenn das jetzt ein Sprung ist von den russischen, sowjetischen Augenzeugen, wir hatten manchmal am Tag drei Termine, wir kamen an und dann saßen da 15-20 Mütterchen und Väterchen und Partisanen mit klingelnden Orden und warteten alle auf den Deutschen, ja, und dann kam der endlich und dann – das waren nicht immer ganz alte Leute, auch mittleres Alter, naja man muss denken: 85, der Krieg war 40 Jahre zurück, wenn die damals 20 waren, waren die jetzt 60, ja – da haben die zum ersten Mal nach 40 Jahren über ihre Erlebnisse erzählt, über ihr Leiden, obwohl die alle im selben Dorf wohnten, ja, sich alle kannten, die haben aber nach dem Krieg 40 Jahre, das hat man mir immer wieder bestätigt, nie über ihre Leiden erzählt, ich war der erste, und noch dazu ein Deutscher, der ihnen sozusagen den Mund geöffnet hat und die Herzen, das haben die mir immer wieder gesagt und sie fingen an oft während sie erzählten, zu weinen, zu schluchzen, viele sagten auch, ich kann nicht mehr, es ist zu viel. – Ich habe damit gerechnet, ich wusste ja, was die gelitten haben, ich habe damit gerechnet, dass ich angespuckt werde, das hätte mir nix ausgemacht, das hätte ich völlig verstanden nach alldem, und was war, ich wurde mit Rosen empfangen. Ich hab kein böses Wort gehört, kein Vorwurf! Also es wurde immer während meiner Reise haben mich die überlebenden Opfer haben immer den Unterschied gemacht zwischen den Nazis und den Deutschen. Ich konnte denen nicht sagen, hörn se mal, es gab auch unter den sogenannten Deutschen jede Menge Nazis, ja. Die bestanden darauf, es gibt den bösen Nazideutschen und den guten anderen Deutschen.

Ergänzendes Material:

In einem Leserbrief vom 22. Juni 1986 empört sich ein Hörer: Es sei ungeheuerlich, "uns Deutschen zum ungezählten Male und in primitiv-lügenhafter Weise ein Sündenregister vorzuhalten: uns Deutsche auch am geheiligten Sonntag nicht aus den Umerziehungsklauen zu lassen." Er legt im weiteren dar, dass im Juni 1941 fast zwei Millionen Bolschewisten an der Westgrenze Russlands stationiert gewesen seien, bereit, die deutsche Grenze zu überschreiten, und dass die Wehrmacht unter diesen Umständen zu einem Präventivschlag gezwungen gewesen sei.

"Das sind in aller Kürze grundlegende Fakten, die niemand aus der Welt schaffen kann. Lediglich Juden sowie widerliche deutsche Emigranten, denen das Gift aus allen Knopflöchern spritzt, wollen eine Geschichtsschreibung suggerieren, die ihren eigenen dunklen und boshaften Vorstellungen entspricht. Sie, die Fernseh- und Rundfunkanstalten des ÖFFENTLICHEN UNRECHTS, die von unseren Gebühren am Leben gehalten werden, leisten diesen Leuten in unseliger Manier eines Karl Marx Schützenhilfe. Aber alles in dieser Welt findet ein Ende. So kommt auch für Sie die Stunde, wo Sie für Ihre unzähligen Lügen und Verunglimpfungen bezahlen müssen."

Biografie
Paul Kohl
, geboren 1937 in Köln, lebt seit 1970 in Berlin. Er ist Übersetzer, Schriftsteller und Autor von Büchern, Hörspielen und Radio-Features. Sein besonderes Interesse gilt der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Kriegsverbrechen der SS und der Wehrmacht in der Sowjetunion. Sein Buch "Ich wundere mich, dass ich noch lebe. Sowjetische Augenzeugen berichten" erschien 1990. Nach diesem Buch entstand die 6-teilige Dokumentar-Fernsehsendung von Hartmut Kaminski im Südwestfunk, die den gleichen Titel trägt wie Paul Kohls Radio-Feature von 1986: "Steh auf, es ist Krieg". Im Jahr 2014 wurde er mit dem Axel-Eggebrecht-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Jens Jarisch sagte in der Laudatio: "Paul Kohl übermittelt uns nicht die Nachricht, sondern das, was sie auslässt. Seine Geschichten handeln nur beiläufig davon, was genau geschehen sein mag. Vordringlich handeln sie davon, wie dieses Geschehnis im Hier und Heute wirkt. Bekanntes bekommt neue Brisanz und Geschichte wird lebendig. Weil es sich in Wirklichkeit gar nicht um Geschichte handelt, sondern um eine Form, die Gegenwart zu betrachten."

Ausgewählte Radiostücke
"Also am liebsten hätte ich mich auf die Straße gesetzt und angefangen zu heulen", HR 1983
"Fulda-Gap oder The first battle of the next war", HR 1983
"Der Osten ist grün oder: Die andere Republik. Ein Science Fiction Feature", SFB 1996
"Das Attentat. Wer hat Alfred Herrhausen ermordet?", DLF/WDR/RBB 1997
"Ground Zero", SFB-ORB 2002
"Simsalabim, da bin ich wieder. Kalanag: ein Zauberer aus Deutschland", SWR 2011

Alle Sendungen aus der Reihe "Wirklichkeit im Radio" finden Sie hier.

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