Feature, vom 27.03.2021, 18:05 Uhr

Reihe: Wirklichkeit im RadioDie Ratten von Paris

Zwei Ratten beim Promenieren am Ufer der Seine nahe dem Eiffelturm, gemalt von Straßenkünstler Bansky. (imago/Becker&Bredel)
Zwei Ratten beim Promenieren am Ufer der Seine nahe dem Eiffelturm, gemalt von Straßenkünstler Bansky. (imago/Becker&Bredel)

Zwei Millionen Pariserinnen und Pariser teilen ihre Existenz mit zwei bis sechs Millionen Ratten. Man kann von einer Art Waffenstillstand sprechen. Solange die Ratte im weit verzweigten Untergrundsystem (den "Egouts") bleibt und nur punktuell in der Tagwelt auftaucht, gibt sich der Mensch zufrieden. Das Tier seinerseits findet in der Stadt unter der Stadt einen Lebensraum, der schlaraffenländische Züge haben muss: keine natürlichen Feinde (außer den Kanalarbeitern, die Gift auslegen), dafür Nahrung in Hülle und Fülle, bezogen aus den Abfällen, die Millionen Zweibeiner täglich hinterlassen. Aber das Gleichgewicht ist labil. Aus ungleichen Partnern können Todfeinde werden. Das zeigt ein Blick in die Geschichte, das zeigen die Ausflüge in die Kanalisation, in die Keller, Großküchen und Mansardenwohnungen von Paris, die der Autor zusammen mit dem Toningenieur Benedikt Bitzenhofer unternommen hat.

Das Feature "Die Ratten von Paris" ist eine Reise in die Abgründe und Ambivalenzen der jahrhundertealten, wechselvollen Beziehung zwischen Mensch und Tier, deren Ausgang offen ist. Und auch eine Liebeserklärung an Paris. Was können ein paar Millionen Exemplare "rattus norvegicus" dieser Stadt schon anhaben?


Reihe: Wirklichkeit im Radio
Die Ratten von Paris
Von Eric Bergkraut
Regie: Hein Bruehl
Mit: Veronika Bayer, Rudolf Debiel, Andrew Carnegie, Michelet Dominique, Volker Niederfahrenhorst, Guennadi Vengerov
Ton: Benedikt Bitzenhofer
Produktion: WDR 1995
Länge: 52'54


Den folgenden Essay finden Sie zusammen mit zahlreichen weiteren und vielen Extras auf dieser Webseite.

Was ist das bloß für ein Trip? Dunkelheit. Beunruhigende Geräusche. Das dünne, schrille Fiepsen der Ratten. Was sind das bloß für Typen? Von den Égoutiers, den Kanalarbeitern von Paris, hören wir Stimmen im O-Ton. Und dann verselbständigen sich ihre Geschichten; ein Jean-Claude erschlägt eine Ratte und will eine andere mit seiner Frau zuhause großziehen. Was ist das für ein verrückter Professor, der mit spitzer Diktion von der Vernichtung der Ratten fabuliert? Was ist das für ein Erzähler, der sich gar keine Mühe gibt, die Fäden zusammenzuhalten? "Weiß ja selber nicht, was ich hier suche", murmelt er in der langen Szene, wo er in der Kanalisation den Ratten begegnet. Hängen Lautsprecher im Pariser Untergrund? Oder wo kommt die Stimme her, die Viktor Hugo zitiert und Kulturgeschichtliches über das Zusammenleben zwischen Mensch und Ratte erzählt? Was ist das bloß für ein Trip – zu den unsichtbaren, aber umso eindringlicher hörbaren Ratten von Paris?

Es klingt wie ein Hörspiel. Aber tragende Elemente dieses Radiostücks sind klassisches Feature. Wir hören viel Präzises und Recherchiertes über die Lebensweise der Ratten, über das Verhältnis von Mensch und Ratte durch die Jahrtausende, über die Entwicklung städtischer Hygiene und über den Beruf des Égoutiers. Der Pariser Kanalarbeiter hat es buchstäblich mit Scheiße zu tun hat, dafür aber bekommt er eine Menge Freizeitausgleich und hat durchaus eine Art Standesstolz entwickelt, weswegen es Dynastien von Égoutiers gibt, die bis ins Ende des 19. Jahrhunderts zurückreichen. Besonders hervorzuheben: die vielen Aufnahmen aus der Kanalisation von Paris, die die Geräusche und Atmos vieler solider Sachfeatures weit in den Schatten stellen.

Vermischung von Stilmitteln, die man in dieser Form selten zusammen hört: das macht dieses Feature besonders und das war das Gebot der Stunde in der Zeit und am Ort seiner Entstehung. Wir sind in den neunziger Jahren und der WDR ist auf Reformkurs. WDR Eins ist gerade zu 1LIVE geworden, und zusammen mit der Kulturwelle WDR 3 werden in der Stunde vor Mitternacht "Sound Stories" gesendet, die das Verwischen der Genregrenzen zum Programm machen. Redakteurin Gisela Corves schildert diese Zeit als eine des Aufbruchs. Sie erzählt, dass es im WDR anders als beim SFB lange Zeit keine Featureredaktion gegeben habe. Lange Sendungen wurden von Fachredaktionen bestritten, mit allen dazugehörigen Vor- und Nachteilen: Seriosität, journalistische Gründlichkeit, im besten Fall intellektuelle Tiefe; dann aber auch ein etwas dröges, bisweilen blasiertes und sich als staatstragend gerierendes Auftreten. Für Experimente, auch solche mit O-Ton, war eher das Hörspiel zuständig. Nun gründet sich aber in den neunziger Jahren eine neue Abteilung, die Feature und Hörspiel zusammendenkt und mit der Popkultur der Zeit verbindet. Die Tradition des SFB-Features, die sie natürlich kannte, war dieser jungen Truppe aber kein Vorbild; der Star der Doku-Szene der Neunzigerjahre beim WDR war Walter Filz mit seinen hoch unterhaltsamen Feature-Dekonstruktionen. Man liebte es aber auch, Leute von außen hereinzuholen, und so gab eine Reportage des Schweizers Eric Bergkraut den Anlass für ein Sonderprojekt. Entgegen der üblichen Verfahrensweise beim Feature kam der Toningenieur, Benedikt Bitzenhofer, nicht erst im Studio dazu. Er reiste gemeinsam mit dem Autor nach Paris und verbrachte drei Tage in den Gängen und Schächten der Kanalisation von Paris. Und auch bei der Inszenierung wurde nicht gespart; Regisseur Hein Brühl machte es zu einer Leinwand-Produktion, die später oft wiederholt wurde. Was den Aufwand dieses Leuchtturmprojekts betrifft, gibt es also doch wieder eine Parallele zur SFB-Schule, denn viele der bekannten Features von Peter Leonhard Braun waren Sonderunternehmungen, für die ebenfalls ein Toningenieur in der Welt unterwegs war.

Soviel zur Entstehung. Aber jenseits von den Zeitläuften der Medien- und Sendergeschichte: welcher Logik folgt die Vermischung der Elemente, was erzählt sie über ihren Stoff und mit welcher Berechtigung tut sie es?

Dazu spulen wir noch mal zu Minute 4‘40, wo ausgesprochen wird, worum es in diesem Radiostück geht.

Genau betrachtet existiert Paris in zwei Ausführungen. Die labyrinthische Kanalanlagen entsprechen genau dem oberirdischen Straßennetz. Jede noch so kleine ruelle, jede Passage findet unten ihre Entsprechung. Dieselben blauen Emailschilder wie oben zeigen auch unten Straßennamen und Hausnummer an. Nur sind die unterirdischen Schilder meist von einer dicken Schicht aus Staub und Dreck überzogen.

Das ist eine reale Konstellation – Feature – und doch wirkt sie wie erfunden – Hörspiel. Was bedeutet sie für das Hörstück? Es geht um Ratten. Es geht um Paris. Und damit geht es – wie in den meisten, vielleicht allen Tierdokus – eigentlich um Menschen. Es geht, ganz real und faktisch, um den Beruf des Kanalarbeiters und das Zusammenleben von Mensch und Ratte. Und es geht um die psychische und metaphorische Dimension. Wer denkt bei den zwei Welten nicht an das Verdrängte und Unterbewusste? Oder an Hades- und Höllenvorstellungen. Mindestens ebenso wie um die Ratten selbst geht es um die Ängste, die sie bei Menschen auslösen. Daher auch manche Überzeichnungen, die einigen in unserem Hörteam effekthascherisch vorkamen. Aber liegt es nicht in der Natur der Angst, dass sie das Reale überzeichnet? Genau das nennt der Autor im Gespräch als seine Motivation für dieses Feature. ‚Ich habe als Schauspieler begonnen, in gewissem Sinne bleibt man das ja immer‘ sagt er und: ‚es hat mich gereizt, mich meinem Grusel zu stellen.‘ Und so werden Fakten und Projektionen, Tatsachen und Ängste zu Bestandteilen eines dokumentarischen Spiels. Bergkraut spielt die verschiedenen Konstellationen zwischen Mensch und Ratte durch. Vom Wahn der Ausrottung bis zur Utopie der Symbiose. Von der Zuschreibung der Ratte als unrein zur Reinlichkeit, die sich an ihnen beobachten lässt. Von der menschlichen Überheblichkeit im Tageslicht bis zur nächtlichen Vision, selbst wie die Ratten zu werden und die Last der Individualität von sich zu werfen. Er nimmt sich dabei einige Freiheiten. Aus dem Recherchematerial – Gespräche mit den Égoutiers und Lektüre einer historischen Monographie über den rattus norvegicus – formt er Figuren, nennt sie "Jean-Claude" und "Professor Winkelhofer" und gibt Ihnen ein eindeutig literarisches Eigenleben. Ein Hörspiel-Feature-Hybrid, aber mit voller Transparenz, denn nirgendwo wird versucht so zu tun, als sei es eindeutig und ausschließlich das jeweils eine oder andere. Zur Ober- und Unterwelt von Paris gesellt sich eine dritte Ebene: die Innenwelt des Autors, die aber auch unsere Innenwelt ist, denn wer ist schon gleichgültig gegenüber Ratten und wer kann sich ihren Lauten, die hier so ausgiebig zelebriert werden, entziehen?

P.S.:
Das Tier im Feature kommt in dieser Reihe öfters vor. Der Wellensittich in "Mein Partner Hansipiepchen" war gerade kein Partner, sondern hatte die Aufgabe, immer auf der Stufe des Kleinkindes zu bleiben. Und die Ratten von Paris stehen nie nur für sich selbst, sie sind immer das angstbesetzte Gegenüber. Ein Denkanstoß zum Schluss: Wird es einmal Features geben, in denen Tiere zu eigenständigen Protagonisten ermächtigt werden? Im utopischen Idealfall: Features von Tieren statt über sie?

Biografie
Eric Bergkraut, geboren 1957 in Paris. Schauspieler, Regisseur, Autor und Filmemacher. Für seinen Film "Letter to Anna" über die ermordete russische Journalistin Anna Politkovskaja wurde er mit dem Vaclav-Havel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt: "Paradies möcht ich nicht: Roman einer Familie" (2019). "Die Ratten von Paris" sind seine einzige Arbeit fürs Radio.

Alle Sendungen aus der Reihe "Wirklichkeit im Radio" finden Sie hier.

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