Feature, vom 29.05.2021, 18:05 Uhr

Reihe: Wirklichkeit im RadioDas Glück kommt aus der Villa

Süchtig, unter Telefonvorwahl 0190...

Second Life avant la lettre: Über eine 0190-Nummer bekommen Anruferinnen und Anrufer Zugang zu einer virtuellen Villa, die ihnen bald wichtiger wird als das „richtige“ Leben. Ein Feature aus dem Jahr 1995 in unserer Reihe „Wirklichkeit im Radio“.

Ein audiorealistisches Feature über eine audioreale Welt - erreichbar unter einer 0190-Nummer. (EyeEm / Chatchai Chaihan)
Der Telefonhörer: Zugang zur audiorealistischen Villa. (EyeEm / Chatchai Chaihan)

Ein Feature aus dem Jahr 1995. Dies ist eine Sendung über die Sucht nach Täuschungen am Telefon. Die sich gegenseitig täuschen, nennen sich Villanauten. Sie ziehen die akustische Realität der echten vor. Sie treffen sich in imaginären Räumen und sitzen dabei zu Hause am Hörer. Mit den Fingern huschen sie auf der Tastatur ihres Fernsprechapparats durch eine Villa, die es nicht gibt. Man findet zueinander durch die Wirkung der Stimme. Seltsame, unverbindliche Freundschaften, die ihre Grenzen meist sehr schnell erreichen: Wenn die Telekom den Anschluss stilllegt, weil die Telefonrechnungen oft nach Tagen, manchmal nach Wochen oder Monaten, unbezahlbar geworden sind.


Reihe: Wirklichkeit im Radio
Das Glück kommt aus der Villa. Süchtig, unter Telefonvorwahl 0190...
Ein audiorealistisches Feature
Von Margot Overath
Regie: Nikolai von Koslowski
Mit: Conny Wolter, Victor Neumann
Ton:
Produktion: DLR Berlin/WDR 1995
Länge: 52'24


Den folgenden Essay finden Sie zusammen mit zahlreichen weiteren und vielen Extras auf dieser Webseite.

Als ein Lehrer in Bremen der Feature-Autorin Margot Overath erzählte, dass eine Schülerin nicht mehr in den Unterricht komme und arbeiten müsse, weil sie 20.000 D-Mark Telefonschulden habe, begann sie sich für die Villa zu interessieren. Sie nahm Kontakt zur Firma Audioland auf, die ihr 500 Freiminuten gab, wählte 0190-577995 und drückte die Taste 4: "Mein Name ist Margot Overath, ich bereite ein Radiofeature über die Villa vor. Wer hat Lust mitzumachen? Ruft mich bitte an oder meldet euch auf meinem Schreibtisch. Danke." In einem Gespräch 2019 sagt Margot Overath, dass es auch einen anderen Grund für ihr Interesse gab.

"Also für mich wars interessant als jemand der aufs Hören fixiert ist – es heißt ja auch an einer Stelle: Ihre Ohren werden Augen machen – und das stimmt auch! Unser Genre ist ja dafür da, dass die Ohren Augen machen. Die Villa ist ja so akustisch ausgestattet, dass jeder Raum seine eigene Akustik hat, seinen eigenen Ton, und da a trifft man auch Leute, die so eine Affinität zu Tönen haben. Und man muss bedenken, dass das damals ja was ganz Neues war, dieses Akustische als Angebot mit mehreren zu erleben."

Das Stück beginnt mit dem Rattern und Klickern der analogen Telefonverbindung. Dann irgendwann (bei 3’39) ertönt eine freundliche Stimme: "Hej, hier ist die Villa Hamburg. Wenn du schon Villabewohner bist, drücke bitte die Taste eins auf deinem Telefon. Wenn du Gast bist und nur mal reinschauen möchtest, dann drücke die Taste zwei. Piep." Die Besucher sind anonym unterwegs. Sie wählen sich Decknamen: Erdbeere, Rosinchen, Postman, Kuschelbär, Susi, Puschelöhrchen, Mr. Spock, Bibo. Wer erst einmal die Funktion der Tastenkombinationen auf dem Telefon kapiert hat, kann mit der Akustik eines Fahrstuhlgeräuschs nach unten in den Keller fahren und von dort vielleicht in den Partykeller gehen, wenn er Gesellschaft sucht. Taste 4 bedeutet: ich will etwas sagen, Taste 6: ich will hören, was die andern sagen. Es ist aber nicht so, sagt Margot Overath, "dass wie in einer Telefonkonferenz alle live miteinander verschaltet sind und gleichzeitig sprechen können, sondern die Fragen und Antworten werden aufgezeichnet und zeitversetzt eingespielt, was zu teilweise absurden, oft aber lustigen Gesprächen führt."

Das Stück simuliert mit üppigen sounds, mit unzähligen Fragmenten aus dem Kosmos miteinander telefonierender Stimmen und einer suggestiven Musik in der Regie von Nikolai von Koslowski die klingelnde akustische Welt der Villa. Das Material stammt aus den Mitschnitten der Autorin, die ihr Aufnahmegerät immer einschaltete, bevor sie sich in die Villa einwählte. Dazu kommen Interviews mit den Machern, Organisatoren und Profiteuren. Und schließlich die Gespräche mit den Villabesuchern, die sich auf den Aufruf der Autorin hin gemeldet haben. In diesen Gesprächen erzählen die Villabesucher eindrücklich, wie sie das Spiel gepackt hat. Einer sagt: "Es war ein unheimliches Glücksgefühl. Man geht da rein und man wird beachtet!" Sie erzählen am Ende auch, wie die Telefonrechnung wuchs und wie sie sich verschuldet haben. Aber was dominiert, ist die Faszination der akustischen Imagination, die schöne Vorstellung, die für die Villabesucher auch dann noch attraktiv ist, wenn sie längst als Illusion enttarnt worden ist.

Die Diskussion in unserem Team über das Stück war kontrovers.

Beim Thema "Anfänge der sozialen Netzwerke" gab es zwei Meinungen:

"Jemand sagt, wenn er nur den Piepton höre, bekomme er schon Herzklopfen. Ich finde, wir sind noch nah genug dran an dieser Epoche, dass wir den Mann sofort verstehen und ich finde, der Zeitpunkt ist gut, sich die Anfänge der sozialen Netzwerke nochmal erzählen zu lassen, mit diesem Stück Audiorealismus von 1995."

Und es gab diese andere Position:
"Hier wird mit leichtem Schauer von einem sich abzeichneneden ‚Cyberspace‘ gesprochen. Die Villa repräsentiert nicht nur die Villa, sondern die sich abzeichnenden sozialen Medien überhaupt. Und für diese Welt gibt es offenbar nur ein Narrativ: gefährlich, Parallelwelt, macht süchtig. Dass sich die berühmte schöne neue Onlinewelt in sehr unterschiedliche und differenzierte Richtungen entwickelt hat, ahnt dieses Feature nicht voraus, und das macht es in gewisser Weise auch ein bisschen naiv."

Auch bei der Frage, ob es sich bei dem Stück um eine gelungene oder nicht gelungene Immersion handelt, gab es verschiedene Meinungen:

"Diese Kulturradiosprecherinnenstimme ist nervig."

"Es gelingt, ein full-scale-Feature (also mit Anbietern, Kunden, Experten, Autorenkommentar, das ganze Programm) immersiv zu gestalten, also so, dass man akustisch tatsächlich die ganze Zeit im Bannkreis dieser seltsamen 0190-Telefonvilla aus den 90ern steht."

"Wenn det Audiorealismus ist, heiß ich Horst! Ich wäre lieber viel konsequenter in der Villa geblieben und hätte mich so richtig in diese furchtbare Welt hineinziehen lassen wollen."

In einem Gespräch mit Margot Overath am 3. Spetember 2019 geht es genau um diesen Punkt.

Marianne Weil


Gespräch mit Margoth Overath vom 3.9.2019

MW: Könntest du dir vorstellen, dass du heute nach 25 Jahren vom Stil und von der Machart her etwas anders machen würdest?

MO: schwierige Frage, ich kann mich nur erinnern, dass diese Kritik damals schon kam – Featurekonferenz – ich hätte gar nicht aus der Villa rausgehen dürfen, die Sprecherin nervt total, es war im Anfangsentwurf so, dass da weniger Sprechertext war beziehungsweise der Sprechertext nicht so trocken stand, also dass mehr Villa-Gespräche und Geräusche mitliefen, aber wir haben uns dann dafür entschieden – weil das nämlich auch nervig ist, wenn man immer nur dieses Gedudel um die Ohren hat, und sinnvolle Gespräche kann man ja auch nicht wirklich aufnehmen, weil durch dieses versetzte Antworten – wenn man da nicht direkt dabei ist, findet man das noch witzig, aber wenn man im Radio ist und dieses versetzte Antworten hört, kann man sich fragen, muss das denn wirklich sein. Also musste sone Balance gefunden werden, einerseits Töne aus der Villa, Mitschnitte aus der Villa, die gut zu hören sind, Leute die sich bereit erklärt hatten, dass ich deren Einspielung aufnehme, und andererseits einen Text, der das Ganze bindet und zusammenfasst und erklärt – denn offenbar ist es ja schwer zu verstehen, wenn man das nicht selber mitgemacht hat.

Ich hab den Eindruck, du hast es noch nicht richtig verstanden

MW: Nee – zur Hälfte – dieses Zeitversetzte – da unterhältst du dich ja nicht richtig, aber es gibt anscheinend Räume, in denen du zu Zweit telefonieren kannst

MO: Ja, das Badezimmer, Schlafzimmer, Kühlschrank, da passen auch nicht so viele Leute rein, die waren auch ganz beliebt und oft belegt – die anderen Räume, da drängelte es sich manchmal und wenn da jemand ein Thema aufbrachte – lass uns über den und den Film reden – musste man sehr viel Geduld haben, weil es keine Antworten gab auf die Frage, sondern immer nur abgespielte Antworten bis zur nächsten Frage – also alle fragten und jeder antwortete, und es passte nicht zusammen – ja, hab ich die Frage beantwortet? … ach die Sprecherin

MW: es geht immer son bisschen darum, wie definiert sich die Autorenhandschrift

MO: Ja, ich bin dafür bekannt, dass ich Text schreibe – meine Hörerinnen und Hörer beschweren sich darüber nicht, aber eben manche Redakteure oder Autoren finden das nicht originell genug, also zum Beispiel kam mal Kritik von Helmut Kopetzky: du hättest auch den Autorentext durchs Telefon kommen lassen sollen – man kann ja nicht sagen, dass da wenig Atmos ist

MW: nein, das kann man nicht sagen, aber was man sagen kann, ist, dass die Kontrolle behalten wird, das Stück haut nicht ab

MO: ist mir auch lieber so – ich hör auch lieber so, wo ich weiß, worum es geht – ja, es geht um die Spitzfindigkeiten, wie kann man es anders machen, radiophoner machen, sagen Kollegen – das kann man natürlich machen, aber wir denken da nicht unbedingt an die Hörerinnen und Hörer, die nicht vorher mitdiskutiert haben und nicht im Kollegenkreis sagen, das und das und das hat der und der besser gemacht, und man muss einen Schritt weitergehen, kann man ja sagen, is mir egal, also innovative Sachen sind immer wichtig, aber ehrlich gesagt, ich denk auch ganz gern an die Leute, die vorm Radio sitzen und die das mitkriegen sollen – das war mir auch wichtig, diese Diskrepanz zwischen Faszination und Verzweiflung zu zeigen – ich kann natürlich die ganze Zeit die Villa laufen lassen, aber – ja, is die Frage – (Lachen).


Biografie

Margot Overath, geboren 1947 in Krefeld, Autorin von Radio-Features und Fernseh-Dokumentationen, lebt bei Bremen. Sie studierte Sozialwissenschaften in Göttingen und Bremen, begann 1981 beim Jugendfunk von Radio Bremen als Feste Freie, wo sie die täglichen kleinen Beiträge machte und hin und wieder einen "Großen Popkarton" von 90 Minuten Länge auf die Beine stellte.

"Wegen ihres Talents, Interviews zu führen und Sachen herauszubekommen, die andere nicht herausbekommen, fiel Margot Overath dem Hamburger Institut für Sozialforschung auf, bei dem die ausgebildete Betriebswirtin und studierte Sozialwissenschaftlerin zwischenzeitlich an einem Projekt zur Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) arbeitete. 1985 erstellte sie ein Feature über den RAF-Aussteiger Peter-Jürgen Boock und 20 Jahre später eines über die RAF-Mitbegründerin Gudrun Ensslin." (Jochen Meißner, in: Medienkorrespondenz 19.9.2016)

2016 wurde sie mit dem Axel-Eggebrecht-Preis ausgezeichnet. Aus der Begründung der Jury: "Eine lebendige Gesinnung wird man bei Margot Overath nie vermissen. Sie hört hin, wo andere weghören. Sie nimmt die Fäden scheinbar abgeschlossener Vorgänge und Entscheidungen auf, ordnet sie neu – und plötzlich ergeben sich neue Webmuster."

Ausgewählte Radiostücke

"Spurenakte 59 – über einen Justizirrtum und einen zu Unrecht wegen Mordes verurteilten Mann" (RB 1995)

"Die Schlafkur. Protokoll eines Psychiatrieirrtums" (SFB-ORB/WDR/NDR 2000)

"Verbrannt in Polizeizelle Nummer fünf. Der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh"(MDR/NDR/DLF 2010)

"Oury Jalloh – die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls" (MDR/NDR/WDR 2014), ausgezeichnet u.a. mit dem Robert Geisendörfer Preis und dem Feature Preis Bremer Hörkino

"Benno Ohnesorg. Chronik einer Hinrichtung" (RBB/NDR/BR 2017)

"Oury Jalloh" – Serie in 5 Teilen (WDR 2020)

Alle Sendungen aus der Reihe "Wirklichkeit im Radio" finden Sie hier.


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