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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.12.2014

Reihe: Junge deutsche ArchitektenBackstein auf Backstein in Peking

Von Barbara Wiegand

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Chinesischer Bauarbeiter stapelt Backsteine in Peking. Er steht mit einem Bein in einer Schubkarre (Imago / UPI Photo)
Chinesischer Bauarbeiter stapelt Backsteine in Peking (Imago / UPI Photo)

Ai Wei Wei kennt den Architekten Erhard An-He Kinzelbach aus China, damals war Kinzelbach noch ein Kind. Inzwischen hat der 40-Jährige ein eigenes Büro in Berlin: Die Architekten von "Knowspace" bauen sowohl in China als auch in Deutschland.

"Der Ausgangspunkt ist eine ganz abstrakte Box – und es gibt die zwei Projektionskegel für eine Innenraum Kinosituation, eine Open Air Kinosituation. Das heißt auch, dass die Eingangsfassade im Fall einer Projektion zur Leinwand wird. Die allerdings dann auch von außen aus dem Park wahrnehmbar ist. Also man sieht den Film im Grunde im Vorführraum als auch im Landschaftsraum. Also schlußendlich sitzt der Pavillon wie eine Art große Bildröhre im Park."

Erhard An-He Kinzelbach hält ein geometrisch-abstrakte Kunststoffmodell in Händen. Je nach Blickwinkel erinnert es mal etwas an ein Schneckenhaus, mal an eine Art Spindel. Eine kleine Skulptur, die aber gebaute Wirklichkeit geworden ist. Seit 2007 steht die Multimedia Box nämlich im chinesischen Jinhua, in einem von Ai Wei Wei konzipierten "Architektur Park". Der chinesische Konzept-Künstler hatte An He Kinzelbach eingeladen, an seinem Projekt in der Provinz Zhejiang mitzuarbeiten.

Ai Wei Wei kennt den 40-Jährigen von Kindheit an: als kleiner Junge lebte Erhard An-He Kinzelbach mit seinem deutschen Vater und seiner aus Taiwan stammenden Mutter zwei Jahre in China. Hier wurde unter anderem die Grundlage gelegt, für das weltweite Netzwerk, das Kinzelbach mit seinem 2004 gegründeten Büro "Knowspace" geknüpft hat. Ein Netzwerk, in dem China bis heute einer der wichtigen Knotenpunkte ist: Kinzelbach lehrt an der Kunstakademie in Hangzhou und baut auf dem Campus der Uni in Baoding. Dabei ist er sich durchaus über den Zwiespalt bewußt, in einem Land zu arbeiten, in dem Regimekritiker wie Ai Wei Wei unter Repressalien zu leiden haben, verhaftet werden, verschwinden.

"Natürlich gibt es immer Extreme, man denke an die Diskussion, ob jetzt ein Architekt wie Rem Koolhaas Chinas Staatsfernsehen bauen darf oder soll. Es gibt Repräsentationsbauten, wo man sich natürlich ein bisschen zum Handlanger macht. Aber es ist auch so – meine persönliche Erfahrung ist, ich habe für chinesische Verhältnisse extrem kleine Projekte. Und da geht es primär immer drum, wie nutzen diese Projekte den Menschen. Da sehe ich keinen Zwiespalt, beziehungsweise ich glaube, dass man gerade in so einer Situation, wo ein Land komplett im Umbruch ist, mitgestalten kann, auf einer architektonischen Ebene. Sehr viel Dinge, viel besser machen kann."

Das Wissen über die Erschaffung von Raum

Dafür hat Kinzelbach mal mehr, mal weniger Gestaltungsraum. Mal baut er auf freien, beziehungsweise frei gemachten Grundstücken, mal hat er sich aber auch an bestehende Strukturen angelehnt. Etwa bei den Atelierhäusern, die vor zwei Jahren in einem Dorf nahe Peking nach seinen Plänen errichtet wurden – ganz aus rotem Backstein, so wie die traditionellen Hofhäuser ringsum. 

"Ich glaube, dass sehr viele der lokalen Architekten sich heute darauf besinnen, was kann man abseits von formalen Dingen, die natürlich auch praktiziert werden, das alte Quartiere wieder aufgebaut werden, aber das ist eine Art Disneyfizierung, die da passiert – aber abseits von diesem Aspekt, wie man über traditionelle Techniken, Raumvorstellungen, wie man diese neu interpretiert und modern umsetzen kann."

Dabei lieg Kinzelbachs Fokus nicht nur auf China: 1974 in Germersheim geboren, studierte er in Darmstadt und Zürich und ging später auch nach Österreich, wo er Christian Kronaus kennenlernte, mit dem er mehrfach zusammenarbeitete – unter anderem bei der Planung eines Erweiterungsbaus für ein Seniorenheim im niederösterreichischen Hainburg. Ein Bau, der mit seiner rot weiß gekachelten unebenen Fassade für seine Zwecke recht gewagt wirkt.

"Da ging es um einen Zubau zu einem Pflegeheim mit im Raumprogramm angelegter extremer Wiederholung. Außerdem gab es einen großen Park, den man erhalten wollte. Und die Mischung der zwei Voraussetzungen führte dazu, dass man eigentlich nur einen langen Riegel bauen konnte. Wir haben daraus die Strategie entwickelt: Wie kann man diese Repetition zwar ausführen – das Raumprogramm gibt es nun mal vor, aber innerhalb dieser Repetition möglichst viel Differenzierung schaffen. Und das führte dann zur Faltung der Fassade, die nach außen und nach innen passiert, also im Gang. Das Zimmer hatte dann im Grunde zwei Fassaden – eine nach außen eine nach innen. Und so gibt es unterschiedliche Schichten, die Differenzierung in diese Repetition bringen."

In Österreich entwarf Kinzelbach so eine erfrischende Erweiterung für ein Altersheim – in Berlin plant er derzeit Inneneinrichtungen von Kitas. Vor zwei Jahren ist er in die deutsche Hauptstadt gezogen, wo es zwar viel Konkurrenz, aber auch viel Inspiration gebe. Sein Büro hat Erhard An-He Kinzelbach am Kreuzberger Moritzplatz, im Aufbauhaus. Und so wie dieser Name für den Aufbruch der urbanen Kreativszene Berlins steht, so beispielhaft soll auch der Name seines Büros für seine Arbeit sein: "Knowspace" bedeutet nämlich nicht, wie man vom bloßen hören her meinen könnte: kein Raum. Sondern es geht um knowledge, um das Wissen von Raum und wie man ihn schaffen kann – als Architekt.

 

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