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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 21.12.2014

Reihe: Gekommen, um zu bleibenPartykeller statt Baracke

Von Leila Knüppel

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Dreifach übereinandergestapelt stehen bunte Wohncontainer im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. Dort sollen noch im Dezember Flüchtlinge unterkommen.  (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
Baracke statt Partykeller: Flüchtlingsunterkunft im Wohncontainer im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick (dpa / picture alliance / Paul Zinken)

Schüler, Studenten, Rentner: Deutsche Bürger bügeln quer durch die Republik die Fehler der Politik aus. Statt Flüchtlinge in Baracken eingepfercht zu lassen, nehmen sie die Asylsuchenden auf - bei sich zu Hause.

Theresa Wakim kommt nach Hause und begrüßt ihre kleine Tochter: "Hello, Theresa."

Wenn Theresa Wakim vom Deutsch-Kurs nach Hause kommt, begrüßt sie erst einmal ihre fünf Monate alte Tochter Celina.

"We are waiting for you, Mama." 

"Das ist eine Freude, wenn die Mami kommt."

Die 25-jährige Mutter mit blonden Locken schließt die Kleine in die Arme, noch bevor sie die Jacke auszieht. Dann gibt es Abendbrot bei den Wakims.

Seit einigen Monaten lebt die Familie aus dem Libanon bei Schulzes im Souterrain statt im Flüchtlingsheim. Das deutsche Ehepaar hat das ausgebaute Kellergeschoss ihres Einfamilienhauses in Erftstadt für die Asylbewerber geräumt.

Im Partykeller, direkt neben Bar und Zapfanlage, hat der 35-jährige Samer Wakim den Abendbrottisch gedeckt. Für seine Familie, das Ehepaar Schulz und ihre gemeinsame Freundin und Bekannte Ilonka Cicilano. Ein Dankes-Essen mit Humus, Oliven, Brot und jede Menge Gemüse und Aufstrich.

Samer Wakim: " Wir leben bei den Schulzes. Die Familie hat uns sehr geholfen und wir sind ihnen unheimlich dankbar, dass wir hier wohnen dürfen. Wir können ja kein Haus mieten. Sie haben uns diese gemütliche Heimat gegeben."

Clara Schulz: "Das ist nicht das erste Mal, dass wir jemanden aufnehmen. Damals zu Zeiten des Bosnienkrieges hatten wir eine Familie, die noch zahlreicher war."

Freundin Ilonka Cicilano schenkt Getränke ein und reicht das Brot über den Tisch. Sie hat die libanesische Flüchtlingsfamilie durch Zufall kennengelernt - und das neue Zuhause vermittelt. Denn im überbelegten Flüchtlingsheim mussten die Wakims mit einem kleinen Zimmer auskommen, sich Bad und Küche mit sechs weiteren Personen teilen.

Ilonka Cicilano: "In dem Haus war es dann nachher auch feucht, Schimmelbildung. Ich fand das unerträglich und wir sind in diesem Ort ja wirklich von Gott gesegnet. Die allermeisten. Also, wir haben in der Regel alle viel Platz hier. Den meisten geht es sehr gut. Und ich dachte, es müsste gelingen, jemanden zu finden."

Bedroht, weil sie kein Kopftuch tragen wollte

Clara Schulz: "Ja, so war das. Insofern haben wir gar nicht lange überlegt, sondern haben gesagt, wenn Frau Cicilano sagt, die sind so nett ... Ansonsten hat jeder seinen eigenen Bereich. Wir vertragen uns, nicht?"

Samer Wakim: "Ja, ja."

Samer zeigt das Schlafzimmer der Souterrain-Wohnung, das sie mit einem geschenkten Bett, Decken und Kuscheltieren so gemütlich wie möglich eingerichtet haben.

Der 35-Jährige passt mit Hornbrille, Bärtchen und Wollpullunder perfekt in jede europäische Metropole. Im Libanon hat er als Toningenieur, Musikproduzent und Rapper gearbeitet.

Samer klappt seinen Laptop auf und spielt dem Ehepaar Schulz einige seiner Songs und Videos vor .

Samer Wakim: "In diesem Song heißt es: Stopp den Krieg, wach auf, stopp den Krieg. Es ist sinnlos, Krieg zu führen. Such stattdessen die Liebe. Es ist meine Art, mich auszudrücken, ein Hilfe-Ruf von mir. Denn meine Kindheit im Bürgerkrieg war einfach schrecklich. Ich konnte zwei Jahre gar nicht zur Schule gehen. Es war schrecklich. Wir haben uns vor den Bomben im Keller versteckt."

Clara Schulz: "Wie bei uns vor 80 Jahren. Und es wird ja nicht besser, sondern immer schlimmer. Dass man seinen Kindern eine andere Zukunft bieten möchte, ist verständlich."

Der Bürgerkrieg im Libanon ist zwar seit 1990 offiziell vorbei, das Leben ist aber immer unsicherer geworden, meint Samer.

Seine Familie wurde ausgebombt, seine Frau von der Hisbollah bedroht, weil sie kein Kopftuch tragen wollte. Ein Kind möchte er in einem solchen Land nicht großziehen.

Clara Schulze passt auf die kleine Celina auf, während die Wakims und ihre Freundin Ilonka Cicilano einen kleinen Abendspaziergang machen.

Es dämmert, die Vögel singen. Ein dicker gelber Kater trabt gemütlich an bunten Mülltonnen und frisch bepflanzten Beeten vorbei. Feierabendruhe. Dass hier Flüchtlinge aus Syrien, dem Libanon, Afghanistan leben, davon wissen die wenigsten, meint Ilonka Cicilano .

Flüchtlingsheim hinter Millionärs-Villen

Ilonka Cicilano: "Ich kenne das Thema nur aus den Medien. Mir war gar nicht klar, dass wir hier überhaupt welche haben, was aber natürlich logisch ist, weil wir ja nach einem Verteilerschlüssel Menschen zugewiesen bekommen."

Samer zeigt, wo seine Familie und er gelebt haben, bevor sie beim Ehepaar Schulz eingezogen sind. Das Flüchtlingsheim liegt nur einige Straßen weiter, versteckt hinter weiß getünchten Millionärs-Villen mit Säulen, Flussgrundstück und Garten-Pavillon.

Samer Wakim: "Es ist die schönste Straße im Stadtteil Lechenich, aber unsere Unterkunft war schrecklich. Das hier war das Heim, 30b."

Samer dreht um und macht sich wieder auf den Weg nach Hause. Die Familie Wakim muss sich jede Woche bei der Ausländerbehörde melden. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, nun droht die Abschiebung - entweder in ihr EU-Einreiseland Tschechien oder ganz zurück in den Libanon.

Samer Wakim: "Ich möchte unbedingt hier bleiben, besonders wegen meinem Kind, meiner Familie. Ich möchte arbeiten, in meinem Beruf oder irgendetwas anderes, egal was. Ich möchte einfach nur ein ganz normales, friedliches Leben führen, ohne ständige Unsicherheit, ohne Terror."

An den Schulzes soll es nicht liegen. Sie würden ihren Partykeller auch noch länger zur Verfügung stellen. Aber das ist für die Behörden im Fall Wakim nicht relevant.

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