Hörspielmagazin, vom 02.07.2019, 20:10 Uhr

Reihe: Dramaturgen der ARDMichael Becker: „Jünger, offener, sichtbarer“

Michael Becker, Hörspieldramaturg beim NDR, begreift das Hörspiel als diskursives Medium, das die Gegenwart reflektierten muss. Die Einbindung aktueller Themen und neuer Medien ist für ihn essenziell. Doch auch in der Geschichte des Genres findet er spannende Anregungen für aktuelle Produktionen.

Auf dem Bild ist der Hörspieldramaturg Michael Becker zu sehen. (Foto: Andreas Rehmann)
"Es wäre am schönsten, wenn es bei meinen Hörern knallt", sagte der Hörspieldramaturg Michael Becker im Dlf (Foto: Andreas Rehmann)

Michael Becker Fragebogen

Michael Becker: Mein Name ist Michael Becker. Ich arbeite seit 2013 als Redakteur für die ARD und bin seit knapp drei Jahren Hörspiel-Redakteur in der Abteilung NDR Radiokunst.

Frage: Können Sie sich noch an ihr erstes Hörspiel erinnern, das Sie gehört haben?

Becker: Als in den 80ern Geborener und in den 90ern Aufgewachsener, bin ich - und das ist jetzt sicherlich keine Überraschung - totales Kassettenkind gewesen und habe da auch alles absorbiert - von Jan Tenner über Flitze Feuerzahn bis zu den Drei Fragezeichen. Kurz, das war immer präsent muss ich sagen, aber ich kann mich überhaupt gar nicht mehr genau erinnern welches das war.

Frage: Was fasziniert Sie am Hörspiel?

Becker: Wenn es das schafft, das wir alle als Hörspiel Redakteure begehren, nämlich was zu erzählen, dass man nirgendwo sonst hätte genauso erzählen können. Inhaltlich oder formal etwas zusammenzubinden, was nur im Radio gehen würde.

Frage: Was macht ein zeitgenössisches Hörspiel aus?

Becker: Zeitgenössisch bedeutet für mich, medienadäquat zu sein und Audio auf der Höhe der Zeit zu produzieren, Diskurse aufnehmen, sie weiterzuspinnen. Und was mir total wichtig ist: andere mediale Darstellungsversuche selbstbewusst zu integrieren.

Frage: Was muss ein gelungenes Hörspiel bei seinen Zuhörern auslösen?

Becker: Ich glaube, es wäre am schönsten, wenn es bei meinen Hörern knallt. Wenn es zumindest versucht hat, so über sich hinaus zu zeigen. Selbst wenn ein Projekt richtig derbe schief geht, muss es einen vermittelbaren Kern haben, und der muss den Rezipienten, die Rezipientin irgendwie triggern.

Frage: Was muss eine gute Hörspiel-Dramaturg können?

Becker: Ein Hörspiel-Dramaturg heute, Jahr 2019, muss sich total bewusst sein, was er in der ihm überantworteten linearen Sendezeit versuchen will und wie er es darüber hinaus präparieren möchte. Denn wir sind ja einfach nicht mehr nur Radio in Anführungsstrichen, sondern wir sind eben jetzt global abrufbares Audio und das heißt, er muss Distributions-Agent sein. Er muss in Plattformen denken wollen.

Frage: Welches Potential steckt im Hörspiel, das noch nicht ausgeschöpft wurde?

Becker: Ich sehe großes Potenzial für Hörspiel in Augmented Reality Formaten. Wie würde Pokémon Go aussehen mit Hörspiel? Ich glaube tatsächlich auch, dass GPS Tracking Module wieder für uns interessant werden und zwar dank Binauralität, dank neuer Produktionsarten. Ich glaube nach ein paar Entwicklungsstufen gibt es große Potenziale in Smart-Speaker-Dramaturgien, sprich in interaktiver Fiktion.

Michael Becker, Hörspieldramaturg

Zurzeit arbeitet Michael Becker an einem Hörspiel für sogenannte Smart Speaker. Das sind mit dem Internet verbundene Lautsprecher, die auf Sprachbefehle reagieren. Man kann sie nach dem Wetter fragen, bitten eine Playlist abzuspielen oder die aktuellen Nachrichten vorzulesen. Es ist aber auch möglich, sie zum Storytelling zu verwenden und interaktive Geschichten mit ihnen zu erzählen. Diese Form der digitalen Narration ist nicht neu. Sie findet bereits seit Jahrzehnten in Computerspielen statt. Für Michael Becker sind Games eine wichtige Inspirationsquelle für das Hörspiel.

Becker: Ich glaube, was es davon vor allem lernen kann, ist die story-driven Komponente, also sehr schnell hochfrequent aber sehr intelligent zu plotten und auch noch, was mich an Games total fasziniert, ist die Kreativität der Settings, das Weltenbauen, die totale Abgedrehtheit, die fantastische Komponente.

Digitalisierung als Chance und Bereicherung

Die Digitalisierung begreift Michael Becker nicht als Bedrohung, sondern als Chance und Bereicherung. Das zeitgenössische Hörspiel muss sich neuen Medien öffnen und mit ihnen experimentieren. Es gilt, unterschiedliche akustische Formate und Darstellungsformen miteinander zu verbinden. Wie zum Beispiel in der fünfteiligen Science-Fiction-Hörspielserie "Ikaria 6" von Benjamin Maack.

Becker: Wir haben bewusst versucht, so Standardsituationen des Science-Fictions zu unterlaufen. Es startet mit einer klassischen Astronautengeschichte. Es gibt einen Unfall, eine Astronautin verunglückt Outer Space, wird reingeholt und plötzlich wird das Quarantäne-Protokoll gebrochen und es gibt ganz klar ein Alien auf dem Schiff. Standardsituation, könnte auch 1980 verfilmt worden sein. Und daraus haben wir versucht, so eine psychologische, philosophische Abhandlung zu konstruieren.

Hörbeispiel 1: "Ikaria 6"

Begleitet wird das Hörspiel durch einen Webcomic. Man kann es nicht nur hören, sondern auch sehen. Die Bildebene funktioniert allerdings nicht ohne den Sound. Im Gegenzug ist die komplette Durchdringung des Hörspiels nur über die Bilder möglich. Es geht um die Erzeugung von Synergie-Effekten, um den Versuch, die Zeichensprache des Comics auf ein akustisches Medium anzuwenden. Und das Smartphone nicht nur als Abspielgerät einzusetzen, wie so oft bei Podcasts der Fall, sondern auch als visuelles Wiedergabemedium.

Becker: Wie dehnt man die Vision von Figuren bildlich auf? Wie schafft man größtmögliche Abstraktion und das vor allem in so einem Format, das 16:9 auf einem Smartphone funktionieren muss als Video-Podcast. Es war so ein bisschen unmöglich, aber mich hat es gereizt.

Starker Gegenwartsbezug

Auffällig ist, dass viele Hörspiele, die Michael Becker betreut hat, einen starken Gegenwartsbezug haben. Es geht immer wieder um Themen, die in der Luft liegen. Hörspiele müssen sich für Becker an der Gegenwart abarbeiten und Diskurse stiften. Als politisches Medium versteht er das Hörspiel allerdings nicht. Im günstigsten Fall kann es politische Denkanstöße geben, wie etwa "Who Moves" von Swoosh Lieu.

Becker: Die Ausgangsfrage war quasi, dass in den Medien migrierende Frauen oft als Opfer dargestellt werden. Männer werden als Akteur dargestellt, die die Flucht planen und realisieren, während Frauen und Kinder als die nachziehende Familie betrachtet werden, und das haben wir versucht zu durchbrechen und dazu Interviews geführt.

Hörbeispiel 2: "Who Moves"

"Who Moves" ist eine kollektive Bildbetrachtung von Frauen in Bewegung mit Interviews von Geflüchteten, Migrationsforscherinnen und Aktivistinnen. Das Stück untersucht aus feministischer Perspektive die mediale Bildproduktion von Frauen auf der Flucht. Das Resultat ist eine umfangreiche Collage aus Stimmen mit unterschiedlichen dialektalen Färbungen, Meinungen und Eindrücken zwischen Ortswechseln und Transitzonen. Räume der Gefahr und Unruhe, die sich allerdings nicht in die Form des Hörspiels schleicht. Das der Arbeit zugrundeliegende Thema der Bewegung wird durch einen starken Gegenentwurf dargestellt:

Becker: Durch außergewöhnliche Ruhe und Konzentration. In dem Stück sitzen die Protagonisten und die Künstlerin zusammen an einem Schneidetisch, der Visionen, der Ideen und dort wird ganz genau in einzelne Bilder hineingehorcht und dadurch die Biografien oder die Beweggründe der einzelnen Akteurinnen abgerufen. Und die werden dann sehr dicht und konzentriert montiert.

Faszination Archiv

Privat begibt sich Michael Becker trotz seines Gespürs für aktuelle Themen immer wieder in die Vergangenheit des Hörspiels. Er sei verliebt in die Archive, sagt er schwärmerisch im Gespräch. Im Augenblick verharre er in den siebziger Jahren und sauge alles auf, was er aus dieser Zeit finden könne. Hinter diesem musealen Interesse für die Rundfunkgeschichte des Genres verbirgt sich allerdings keine Retro-Haltung. Aus den alten Hörspielen lässt sich vieles mitnehmen, besonders die Haltung, sich alles trauen zu dürfen.

Becker: Die alten Hörspiele in den 70ern, 60ern, 50ern sind von einer solchen Fülle an Stoffen, an Ansätzen, an Sprachformen, die heute natürlich etwas in ihren Feinheiten aus der Zeit gefallen wirken, aber man kann aus den Archiven wirklich nur lernen. Ich höre tatsächlich mehr Archivstoffe als gegenwärtige Hörspiele.

Ambivalenzen des technologischen Fortschritts

Aus altem Stoff etwas Neues zaubern. Das dachte sich auch der Hörspielmacher Felix Kubin, der für Michael Becker das Stück "Die Maschine steht still" konzipierte. Es basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage von Edward Morgan Forster, die über 100 Jahre alt ist. In ferner Zukunft regiert eine allwissende Maschine die Menschheit. Ein Setting, das auch in der Gestaltung des Hörspiels deutlich wird.

Becker: Felix Kubin hat sehr lange daran gearbeitet, so sein ganzes Vokabular an Sprache und Sounds heran zu zitieren, um diese Welt zu bedeuten. Einmal hat er die Figurensprache verändert. Die Figuren haben so eine eigene Maschinensprache, mit der sie sich begrüßen oder Dinge kommentieren.

Hörbeispiel 3: "Die Maschine steht still"

"Die Maschine steht still" reflektiert die Ambivalenzen des technologischen Fortschritts. Intelligente Maschinen sind kein fernes Zukunftsszenario mehr, sondern bereits Realität. Das Stück ist ein Appell, neue Richtlinien im Umgang mit gesellschaftsumformenden Technologien für eine bessere Zukunft zu entwickeln. Ansonsten droht die Gefahr, von künstlichen Intelligenzen überrannt zu werden. Die Zukunft des Hörspiels steht für Michael Becker allerdings unter ganz anderen Vorzeichen.

Becker: Jenseits von Submarken und Nischen-Sendeplätzen, als Absender auf allen Plattformen in Zusammenschluss mit anderen Institutionen. Jünger, offener, sichtbarer, subversiver. Und genau deshalb viel lauter.

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