Hörspielmagazin, vom 30.07.2019, 20:10 Uhr

Reihe: Dramaturgen der ARDJakob Schumann: „Im Krimi ist alles möglich“

Jakob Schumann, Hörspieldramaturg bei Deutschlandfunk Kultur, gestaltet Kriminalgeschichten jenseits von Formvorgaben und Genrekonventionen. Mit erzählerischen Experimenten und ungewöhnlichen Geschichten zeigt er, dass Whodunit-Stories und tote junge Frauen der Vergangenheit angehören.

Der Hörspieldramaturg Jakob Schumann (Deutschlandradio / Sandro Most)
Der Hörspieldramaturg Jakob Schumann (Deutschlandradio / Sandro Most)

Jakob Schumann Fragebogen

Jakob Schumann: Mein Name ist Jakob Schumann und ich bin seit Dezember 2017 Dramaturg für das Kriminalhörspiel bei Deutschlandfunk Kultur.

Frage: Können Sie sich noch an ihr erstes Hörspiel erinnern, das Sie gehört haben?

Schumann: Das allererste Hörspiel, an das ich mich noch erinnern kann, ist ein Kinderhörspiel, das auch jetzt noch eines meiner Lieblingshörspiele ist und zwar heißt es "Adrian und Lavendel" von Albert Wendt.

Frage: Was fasziniert Sie am Hörspiel?

Schumann: Am Hörspiel fasziniert mich am allermeisten die Nähe und Intimität, die man herstellen kann, weil mich beim Krimi nicht so sehr das Böse an sich oder der Horror interessiert, sondern dieser Prozess, wie man schuldig wird.

Frage: Was macht ein zeitgenössisches Hörspiel aus?

Schumann: Ein zeitgenössisches Kriminalhörspiel weiß um die Offenheit des Genres. Es ist mehr als Rätselraten um einen Täter. Und ein zeitgenössisches Hörspiel greift unseren Alltag nicht nur als Themenpool und Figurenfutter auf, sondern benutzt die verschiedenen überall aufpoppenden Wirklichkeiten in unserem Alltag, um die Erzähltechniken des Genres Krimi neu zu gestalten und weiterzuentwickeln.

Frage: Was muss ein gelungenes Hörspiel bei seinen Zuhörern auslösen?

Schumann: Ich glaube, ein gelungener Krimi muss einen intellektuell aber vor allem auch emotional so anfassen, dass man das Gefühl hat, selbst schuldig zu werden. Vielleicht so ähnlich wie ein guter Liebesfilm einen immer verliebt macht.

Frage: Was muss ein guter Hörspiel-Dramaturg können?

Schumann: Die allergrößte Aufgabe als Krimi-Redakteur, glaube ich, sich immer wieder bewusst zu werden, dass Unterhaltung und Kunst nicht zwei Sachen sind, die sich gegeneinander ausspielen oder widersprechen, sondern im besten Fall ineinandergreifen.

Frage: Welches Potential steckt im Hörspiel, das noch nicht ausgeschöpft wurde?

Schumann: Für das Kriminalhörspiel sehe ich noch sehr viel Potenzial in der Figurengestaltung und in der Art und Weise wie das Personal eines Krimis unsere Wirklichkeit widerspiegelt. Ich wünsche mir weniger alte weiße Kommissare und vor allem weniger tote junge Frauen. Ich wünsche mir ein bunteres lockeres Ermittlerteam, das den Fokus nicht so sehr setzt auf Schocker und Voyeurismus, sondern mehr auf die wirklich gruseligen Dinge, die es in unserer Welt gibt.

Jakob Schumann, Hörspieldramaturg

Jakob Schumann taucht immer wieder als Dramaturg für das Kriminalhörspiel in die Welt menschlicher Abgründe ab. Dabei ist es ihm wichtig, dass das Böse niemals bloß zum puren Nervenkitzel inszeniert wird. Der Einsatz von Gewalt und Horror muss Sinn ergeben. Er darf nicht zum Selbstzweck werden, zu einem voyeuristischen Werkzeug, das die Sensationslust der Hörer triggert. Ein gutes Kriminalhörspiel muss tiefer gehen und zum Nachdenken anregen. 

Schumann: Wozu sollen sich jetzt Leute eigentlich gruseln? Wozu soll ich Leuten Angst machen? Warum denn? Gibt es nicht genug gruselige Dinge in der Welt eigentlich?

Eine Auseinandersetzung mit den Umständen einer Straftat

Daher animiert eine gelungene Kriminalgeschichte immer zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst und den Umständen einer Straftat. Wie etwa in dem Hörspiel "Die Ungeschickte", das ein sensibles Thema aufgreift: Die langjährige Misshandlung eines Kindes. Das Stück basiert auf einem Roman des französischen Schriftstellers Alexandre Seurat, der wiederum aus der Verarbeitung eines wahren Falls entstanden ist. Im Mittelpunkt des Hörspiels steht nicht die Suche nach einem Täter, sondern die Frage nach der Verantwortung staatlicher Institutionen und den Gründen für ihr Versagen.

Schumann: Gibt es eine Schuld oder gibt es sie nicht? Wir haben eher versucht, die Schuld nicht darin zu suchen, dass irgendjemand dachte, ach ja, mit dem Mädchen wird schon nicht so schlimm sein, die soll sich mal nicht so haben oder so. Es gibt keine persönliche individuelle Schwäche, sondern schuldig ist eigentlich das System. Jeder delegiert und im Delegieren liegt die Schuld.

Hörbeispiel 1: "Die Ungeschickte"

Erzählt wird die Geschichte in Form einer Collage. Menschen, die dem Misshandlungsopfer Diana begegnet sind, erinnern sich. Lehrer, Polizeibeamte oder Ärzte. Interessant ist, dass Diana keine Stimme bekommt. Man hört sie nie sprechen. Durch diese dramaturgische Entscheidung wird die Hilflosigkeit des Kindes buchstäblich erfahrbar. Darüber hinaus umgeht das Stück auch eine unnötige Emotionalisierung des Stoffes. Nüchtern und konzentriert wird das Schicksal des Opfers wiedergegeben. Eine erzählerische Präzision, die durch das minimalistische Setting und Sounddesign noch verstärkt wird.

Schumann: Wir haben auch keine wirklich szenischen Momente, auch in dem Buch gibt es die nicht, keine Dialoge in dem Sinne, sondern es gibt immer nur Erinnerungsräume, Geständnisräume manchmal, Beichträume könnte man sagen. In der Retrospektive wird versucht, das zu fassen, was damals passiert ist oder was eben auch nicht passiert ist.

Ein Sturm der Gewalt

Deutlich aufgeregter geht es in "Außer Kontrolle" von Volker Heise zu. Jakob Schumann spricht von einer klassischen Eskalationsdramaturgie, die dem Hörspiel zugrunde liegt. Jan lernt bei der Arbeit in einem Berliner Callcenter Nadine kennen. Die beiden verlieben sich. Der Beginn einer intensiven Affäre. Doch auf Nadine wartet ein Einfamilienhaus auf dem Land mit ihrem Verlobten. Ihr Stadtaufenthalt ist begrenzt und dient lediglich der Orientierung und Selbstfindung. Vor ihrer Abreise trifft sich das Paar in einem französischen Luxusrestaurant, wo eine Reihe bizarrer Zufälle einen Sturm der Gewalt auslöst. Zentral für das Stück ist die Frage:

Schumann: Wie viel Gewalt ist man bereit anzuwenden, um sein Glück zu sichern?

Hörbeispiel 2: "Außer Kontrolle"

"Außer Kontrolle" ist auch kein typisches Kriminalhörspiel. Zwar gibt es einen Täter, doch ist die Tat nicht von Bedeutung. Sie geschieht erst am Ende des Stücks. Vielmehr geht es um die beiden Hauptfiguren und ihr Verhältnis zueinander: Um ihren Leidensdruck und die daraus entstehenden zwischenmenschlichen Ambivalenzen. Eine ungesunde Mixtur aus Sehnsüchten und Enttäuschungen, die eine zum Scheitern verurteilte Beziehung entstehen lässt. Lieben sich Nadine und Jan tatsächlich oder sind es ihre psychologischen Verhaltensauffälligkeiten, die sie zusammenkommen lassen? 

Schumann: Es ist ja auch ein Stück über Verlustangst, also Verlust von Glück, Verlust von Zweisamkeit, von Sicherheit und diese Verlustangst, dieses an einem fressende Gefühl, dass einem alles weg rutscht auf einmal und was das mit dem Kopf und den Menschen macht, das fand ich super interessant.

Jakob Schumann studiert zunächst Frankreichstudien in Berlin. Bis heute übersetzt er französische Literatur. Anschließend schließt er ein Studium der Schauspieldramaturgie an der Theaterakademie Hamburg ab. Es folgt ein kurzes Engagement als Dramaturg am Staatstheater in Karlsruhe und eine Regieassistenz in der Hörspielabteilung von Deutschlandfunk Kultur.

Schumann: Und dann habe ich mich beworben und das nächste was kam, muss ich ganz banal sagen, war das Kriminalhörspiel. Da habe ich mich darauf beworben, und mich haben auch viele gefragt hier im Haus, du kommst doch vom Theater und willst jetzt Unterhaltung machen? Ich finde es ehrlich gesagt momentan eine extreme Bereicherung, mich mit diesem Handwerk beschäftigen zu können.

Jenseits von High- und Low-Culture

Das Denken in High- und Low-Culture, in Hoch- und Unterhaltungskultur, spielt für Jakob Schumann keine Rolle. Die Geschichte muss gut sein, ihr Entstehungskontext und Genre sind nicht von Bedeutung. Ein Hörspiel, das diese Voraussetzungen erfüllt und dessen Ursprung auch im Theater liegt, ist "In den Augen der Welt" von Dominik Busch. Ursprünglich als multimediale Produktion konzipiert, erzählt es die Geschichte des erfolgreichen Geschäftsmanns Christoph Baumann, der seine Frau und Kinder tötet. Eine Kündigung, die er vor sich und seinem sozialen Umfeld nicht eingestehen kann, veranlasst ihn zu dieser drastischen Tat.

Hörbeispiel 3: "In den Augen der Welt"

Schumann: Ich finde es eher interessant zu gucken, wie dieser Mensch immer mehr die Kontrolle über den eigenen Blick auf sich und die eigene Einschätzung von dem, was wirklich stattfindet, verliert und immer mehr im Blick auf sich lebt und in dem Horror, den dieser Blick für ihn ausmacht.

"In den Augen der Welt" ist eine eindrucksvolle Charakterstudie. Eine Analyse über das Sich-Verlieren und buchstäblich verrückt werden. Ein Prozess, der auch akustisch wiedergegeben wird. Zum Beispiel mit bedrohlichen elektronischen Klangflächen, die sich in die Szenen schleichen oder manipulierten Alltagsgeräuschen, die einen Entfremdungseffekt hervorrufen und den Realitätsverlust Baumanns verdeutlichen. Das Stück gibt Einblicke in ein zutiefst irrationales Verhalten mit fatalen Konsequenzen, zeigt aber auch, wie experimentierfreudig und flexibel das Kriminalhörspiel sein kann.

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