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Interview | Beitrag vom 18.04.2020

"Reichsbürger" und der 1. MaiBewegung nutzt Coronakrise für ihre Zwecke

Tobias Ginsburg im Gespräch mit Ute Welty

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 Polizisten stehen während einer Wohnungs-Razzia an einem Tor zu einem Haus. Nach dem Verbot der Reichsbürgergruppe «Geeinte deutsche Völker und Stämme» fanden in mehreren Bundesländern Razzien statt.  (picture-alliance/dpa/Paul Zinken)
Mit Razzien geht die Polizei immer wieder gegen die sogenannten Reichsbürger-Gruppierungen vor. (picture-alliance/dpa/Paul Zinken)

"Reichsbürger" nehmen die Coronapandemie zum Anlass, das Virus als großen Schwindel darzustellen. Ihren "Aufruf zum Widerstand" zum 1. Mai müsse man ernst nehmen, sagt Regisseur und Autor Tobias Ginsburg, sich aber nicht zu sehr schockieren lassen.

Eine selbst ernannte "Reichsbewegung" will die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus boykottieren und droht im Netz Virologen sowie Politikern mit Gefängnis. Gegen die Corona-Maßnahmen sollten die Menschen nun Widerstand leisten, heißt es in einem Aufruf der "Reichsbewegung", der auch über E-Mail-Verteiler verbreitet wird. Ab dem 1. Mai sollten überall "Corona-Panikmacher, Impf-Propagandisten und Denunzianten, ebenso aber auch Befürworter von Tracking-Apps und der Bargeld-Abschaffung ganz energisch in die Schranken" gewiesen werden.

Hass auf den Staat 

"Da darf man sich gar nicht so sehr schocken lassen", sagt der Regisseur und Buchautor Tobias Ginsburg, der sich mit dieser Bewegung schon länger beschäftigt. "Es geht hier grundsätzlich um Verschwörungsideologen, für die der Staat ohnehin eine bösartige Maschine ist, die darauf aus ist, die Leute zu unterdrücken, zu belügen und zu knechten."

Wenn der Staat, wie jetzt in der Coronakrise, Maßnahmen ergreife, sei das ein "wahnsinniger Katalysator" für diesen Hass auf den Staat. Es handele sich bei der "Reichsbewegung" um einen Teil der rechtsextremen Szene.

Hinarbeiten auf den "Tag X" 

Diese Leute arbeiteten auf ein Ziel hin, auch das sei Teil ihrer Erzählung, erläutert Ginsburg deren Denken. "So einen eskalatorischen Endkampf, einen Tag X." Nun in der Coronapandemie sei dieser Endkampf scheinbar ein Stück näher gerückt. Solche Aufrufe wie jetzt zum 1. Mai müsse man ernst nehmen. Sie könnten dazu führen, dass einzelne Leute tatsächlich auf die Idee kämen, etwas zu tun. "Das muss man wahnsinnig ernst nehmen."

Die sogenannten Reichsbürger seien über seltsame Facebook-Kanäle und YouTube vernetzt, aber auch über Foren und Telegram-Gruppen. Das reiche auch in eine Sphäre hinein, wo diese Einträge auch von bürgerlichen Menschen gelesen würden. "Es ist auch kein Zufall, dass solche Verschwörungsideologen wie Xavier Naidoo jetzt auch den letzten Rest ihrer bürgerlichen Fassade fallen lassen in diesen unsicheren Zeiten", sagt Ginsburg.

(gem) 

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