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Interview | Beitrag vom 14.08.2019

Regisseurin über ihre Doku "Lovemobil"Minibordelle am Straßenrand

Elke Margarete Lehrenkrauss im Gespräch mit Ute Welty

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Die Regisseurin Elke Margarete Lehrenkrauss und der Kameramann Christoph Rohrscheidt beim Filmfest in Locarno. (Locarno Film Festival / Ottavia Bosello)
Die Regisseurin Elke Margarete Lehrenkrauss und der Kameramann Christoph Rohrscheidt (Locarno Film Festival / Ottavia Bosello)

"Lovemobil" heißen die in der niedersächsischen Provinz zum Landschaftsbild gehörenden Wohnmobile. Die Filmemacherin Elke Lehrenkrauss hat einen Dokumentarfilm über diese Minibordelle gemacht, der jetzt beim Filmfestival in Locarno läuft.

Die Lichterketten weisen den Freiern den Weg: In der niedersächsischen Provinz, an den Straßenrändern zwischen Gifhorn und Wolfsburg, stehen zu Minibordellen umfunktionierte Wohnmobile. Die Filmemacherin Elke Margarete Lehrenkrauss ist in der Region aufgewachsen und kennt die "Lovemobile" aus ihrer Kindheit. Immer schon sei sie neugierig auf die Frauen in den Wohnwagen gewesen. Sie kommen aus Osteuropa, Nigeria oder Äthiopien. Einige haben sich freiwillig dafür entschieden, ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit zu verdienen. Andere prostituieren sich unter Zwang. 

Die erste Kontaktaufnahme ging gründlich schief

Lehrenkrauss hat nun einen Dokumentarfilm darüber gedreht, der am heutigen Mittwoch beim Filmfestival in Locarno vorgestellt wird. Die erste Kontaktaufnahme für ihre Recherchen sei gründlich schief gegangen, erinnert sich die Filmemacherin: "Zuerst habe ich einfach mal versucht, an den Wohnwagen zu klopfen. Das ging natürlich völlig nach hinten los. Denn da hat natürlich niemand darauf gewartet, dass ein Filmteam kommt und einen Film darüber machen möchte."

Den Zugang habe sie letztlich über eine ihrer späteren Protagonistinnen bekommen, die die Wohnwagen vermietet. Kein Problem sei es dagegen gewesen, die Freier zu filmen, sagt Lehrenkrauss: "Wir hatten wirklich überhaupt keine Schwierigkeiten, männliche Protagonisten zu finden. Ich denke, dass die einfach einen ganz anderen Blick auf die Welt haben. Ich glaube, dass sie Prostitution als etwas wahrnehmen, was es geben sollte, und dass es gut ist, dass es das gibt. Und das ist natürlich der große Missstand."

Auf Augenhöhe und mit viel Empathie

Von ursprünglich sieben Protagonistinnen blieben für den Film noch zwei übrig. Für die anderen sei es zu hart gewesen, über ihre Sexarbeit in den Bussen zu reflektieren.

Drei Jahre lang hat Elke Lehrenkrauss die Frauen auf Augenhöhe und mit viel Empathie begleitet und ihr Vertrauen gewonnen. Sie hat heute noch Kontakt zu ihnen und sagt: "Wenn man so lange zusammen an einem Film arbeitet, dann ist man für diese kurze Zeit so eine Art von Familie, weil man ja unter ganz besonderen Umständen in diesem intimen Raum des Wohnmobils Tag und Nacht miteinander verbringt. Man kommt sich sehr nahe. Und irgendwann ist man dann eben nicht nur Filmemacherin, sondern der Kumpel."

(mkn)

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