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Vollbild | Beitrag vom 24.08.2019

Regisseurin Sophie Kluge über ihren neuen Film„Als Praktikant ist man so ein Pingpong-Ball“

Moderation: Susanne Burg

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Sophie Kluge (imago images / Future Image / C. Behring)
Regisseurin Sophie Kluge erzählt in "Golden Twenties" von den bittersüßen Zeiten des Erwachsenwerdens. (imago images / Future Image / C. Behring)

Im Film "Golden Twenties" sucht eine Mittzwanzigerin ihren Platz im Leben und wird erst mal Praktikantin am Theater. Im Interview erzählt Regisseurin Sophie Kluge, wie viele eigene Erfahrungen eingeflossen sind - und was sie am Kulturbetrieb amüsiert.

Susanne Burg: "Golden Twenties", so heißt das Regiedebüt von Sophie Kluge, das Ende Juni beim Filmfest in München Premiere hatte und nun ins Kino kommt. Henriette Confurius spielt in dem Coming-of-Age-Film die Mittzwanzigerin Ava, die nicht so recht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, und die schließlich erst mal als Hospitantin am Theater anheuert. Die Regieassistentin führt sie ein. Ava hält sich dezent im Hintergrund und beobachtet die Theaterproben, beobachtet, wie die Nerven bei den Beteiligten, vor allem beim Regisseur, zunehmend blanker liegen. Und sie verliebt sich in einen Schauspieler. Über den Film spreche ich jetzt mit der Macherin, Sophie Kluge.

Der Film heißt "Golden Twenties", also die "Goldenen Zwanziger", in denen Ava gerade steckt. Wie, ja, ironisch ist der Titel gemein – ist der ironisch gemeint?

Sophie Kluge: Ach, es steckt so ein bisschen Ironie drin, glaube ich, aber er ist jetzt nicht voll ironisch gemeint, sondern es ist mehr so "bittersweet", wie man so schön sagt. Das soll so ein bisschen das Licht auf diesen Titel werfen, dass es eben schön, aber auch traurig ist.

Eine Frauenfigur, die nur passiv wirkt

Burg: Diese Figur von Ava, die ja den ganzen Film trägt, ich hatte immer so den Eindruck, ihr passieren Dinge, sie ist nicht so wahnsinnig aktiv. Warum haben Sie gerade solch eine Figur entworfen? Sie haben ja auch das Drehbuch geschrieben.

Kluge: Mich hat erst mal interessiert, eine leise Figur zu erzählen. Weil ich hab das Gefühl, dass ich mit viel Frauen im Kino konfrontiert worden bin in letzter Zeit, die dann immer sehr wütend oder sehr laut oder hysterisch waren, und ich wollte, dass sie eher ruhig und zurückhaltend ist, aber trotzdem stark ist.

Ich persönlich finde sie auch nicht passiv, sie ist einfach gerade nur so ein bisschen orientierungslos. Aber sobald sie Möglichkeiten hat, Dinge zu tun, tut sie die ja auch, und sie überlegt sich auch Dinge, die sie tun könnte. Sie ist einfach nur ein eher zurückhaltendes Gemüt, das gerade in so einer orientierungslosen Phase ist, und ich glaube, dadurch wirkt sie manchmal passiv, aber sie ist es eigentlich nicht. Sie tut eigentlich immer viel.

Mutter, Tochter und zwei Männer

Burg: Vielleicht ist die Welt um sie herum auch nur so ein bisschen verrückt, und in der Spiegelung zeigt sich das, oder? Weil ihre Mutter, bei der sie eingezogen ist, ist gerade verliebt in einen Mann, der ungefähr so alt ist wie Ava selbst und nicht so wahnsinnig erwachsen wirkt. Ist es vielleicht auch, dass Ava in genau diesem Prozess lernen muss, mit anderen Menschen umzugehen?

Kluge: Ja, das stimmt schon. Die Mutter erwartet eigentlich von ihrer Tochter, dass sie mit einer ähnlichen Energie ans Leben rantritt, wie sie das selber getan hat, weil das für sie, glaube ich, ein Befreiungsschlag war, so zu sein oder so zu werden, wie sie jetzt ist. Also der ist sie auch manchmal ein bisschen zu zurückhaltend oder zu beobachtend. Die würde sich auch wünschen, dass ihre Tochter ein bisschen mehr sich reinschmeißt und vielleicht mehr ist wie ihre Freundin Lulu, also die Freundin von Ava, aber so ist Ava eben nicht. Deswegen ist sie schon oft sehr mit sehr aktiven, extrovertierten Menschen in dieser Geschichte konfrontiert, was sie natürlich noch mal vielleicht sogar passiver wirken lässt.

Burg: Sie ist ja auch am Theater, was das Theater vielleicht auch unter Umständen mit sich bringt, weil Sie sagten, extrovertierte Menschen. Sie verliebt sich dann in den Schauspieler Jonas, dem sie auch hinterherreist. Ich habe ja in der Anmoderation gesagt, es ist auch ein Coming-of-Age-Film. Würden Sie das auch so sehen? Wird sie in gewisser Weise auch erwachsen?

Kluge: Ja, auf eine gewisse Weise schon, weil es passieren ja viele Dinge im Laufe vor allem der Jugend, die zum Coming-of-Age gehören und zum Erwachsenwerden. Deswegen würde ich das da auf jeden Fall schon einkategorisieren. Was ich persönlich eigentlich wichtig finde, ist: Ich glaube ja gar nicht, dass sie sich in Jonas verliebt. Ich glaube, sie möchte sich verlieben, und das ist auch ein bisschen diese Sehnsucht nach Leben und Gefühlen, die ihr dann auch oft durch ihre Außenwelt gespiegelt werden. Das ist ja auch, was sie so suchen lässt. Sie möchte sich jetzt verlieben, das wäre ja jetzt auch toll und dass es ihm genauso geht und wenn man dann auch vielleicht eine große Liebesgeschichte hat, die dann vielleicht auch dramatisch endet oder eskaliert, aber all das passiert ja eben nicht. Sie findet ihn natürlich toll und spannend, aber es ist auch eine große Projektion für sie.

Film intuitiv geschrieben

Burg: Sie selbst sind Jahrgang 1983, also Mitte 30. Was hat Sie an dieser Zeit interessiert, an diesen 20ern, und wie viel von Ihren eigenen Erfahrungen sind da vielleicht eingeflossen?

Kluge: Ich kann nur sagen, ich glaube, ich war in dem Alter sehr streng mit mir und mit meinen Entscheidungen, also habe mir immer große Sorgen gemacht, dass ich falsche Entscheidungen treffe. Oder ob der Weg A das Richtige ist oder B oder C oder D. Man hat ja vermeintlich so viele Möglichkeiten, aber so viele Möglichkeiten in der Realität hat man ja dann auch oft gar nicht. Der Film sollte jetzt was Versöhnliches haben, dass man einfach nicht so streng ist mit sich und den Entscheidungen. Und dass es auch absolut in Ordnung ist, falsche Entscheidungen zu treffen – oder Entscheidungen, die als falsch definiert werden. Ich habe den Film sehr intuitiv geschrieben. Ich hatte irgendwie so ein Gefühl für die Figur und wie sie zurückkehrt, und ich wollte einfach ein Gefühl festhalten, und das ist wahrscheinlich das, was ich mit der Zeit assoziiere. Dann habe ich losgeschrieben.

Burg: Ein Gefühl festhalten, das ist diese Beziehungsebene. Dann stellen Sie ja diese Figur in diese Theaterwelt. Die wird auch sehr, sehr lebendig, weil man ja bei den Theaterproben dabei ist und sich die einzelnen Charaktere auch sehr ausleben, angeführt vielleicht auch von dem Regisseur des Theaterstücks, gespielt von Nicolas Wackerbarth, der ja wiederum selber auch Filmregisseur ist, aber eben auch Schauspieler. Dann sind die anderen Schauspieler auch viel vom Theater. Inwieweit ging es Ihnen auch darum, diese Kulturszene, diese Szene des Theaters ein bisschen hops zu nehmen?

Mit Ernsthaftigkeit präsentierter Unsinn

Kluge: Ich empfinde, dass eigentlich in fast allen Kulturbetrieben, die ich bis jetzt kennengelernt habe, die Leute sich selber einfach immer sehr ernst nehmen. Ich gehe wahnsinnig gerne ins Theater und habe auch ein wahnsinnigen Respekt davor. Es gibt aber auch wahnsinnig viel Unsinn, genau wie es beim Film wahnsinnig viel Unsinn gibt, überall eigentlich, und ich finde das manchmal so toll, mit welcher Ernsthaftigkeit dieser Unsinn dann aber vorgetragen wird. Das dachte ich einfach, man darf das nicht so irre ernstnehmen. Mir ging es auch mehr darum, dass es auch hier jetzt in dem Fall so ist, das ist so eine sehr eingeschworene Dynamik, und man hat als Praktikant oder Hospitant da einfach keinen Platz und ist dann so ein Pingpong-Ball. Deswegen ist es mehr symbolisch für das, was ich erzählen will, dass die Ava ja noch ihren Ort sucht und so eine Hospitantenexistenz ist einfach … Man ist so nicht Fisch, nicht Fleisch, die Leute wissen nicht genau, wie sie einen einordnen sollen. Man ist ja auch sehr nah dran plötzlich an allem, aber irgendwie auch gar nicht. Das ist ein komischer Zustand.

Burg: Kameramann bei Ihnen war Reinhold Vorschneider, der hat unter anderem eine Lola gewonnen für "Wild" von Nicolette Krebitz, er arbeitet regelmäßig mit Angela Schanelec, mit Rudol Thome. Wie haben Sie mit ihm zusammen am Look des Films gearbeitet?

Kluge: Wir haben uns Motive ausgesucht, also wirklich recht intuitiv, und wir haben dann immer Filme geguckt, wo wir dachten, dass es vielleicht in die Richtung geht, aber tatsächlich ist es am meisten bei uns am Set entstanden. Ich wollte einen sehr natürlichen Look haben, keinen zu stilistischen. Ich wollte auch viel Handkamera haben. Dann haben wir uns aber für etwas dazwischen entschieden, dass wir mit so einem Gimble gearbeitet haben, das ja noch einen Operator hatte, der die sozusagen umgeschnallt hat, weil ich wollte, dass es auch irgendwie lebt, das Bild. Dann haben wir eigentlich immer mit den Schauspielern geprobt und dann das passende Bild dafür gefunden. Das war recht intuitiv und spontan.

Film-Familie Kluge

Burg: Sie haben eben gesagt, Sie haben mit ihm zusammen auch Filme geguckt. Mich würde ja doch auch interessieren, wie Sie eigentlich filmisch sozialisiert sind, denn was ja vielleicht auch nicht ganz unerheblich ist, Sie kommen aus einem Elternhaus, das sehr viel Film mitgebracht hat. Ihr Vater ist Alexander Kluge.

Kluge: Also mein Vater hat ja erst mal aufgehört, Kino zu machen, als ich auf die Welt gekommen bin, weil er meinte, sonst hätte er keine Familie ernähren können. Deswegen war das am Anfang gar nicht so extrem. Auch die Art von Film, die er gemacht hat, die hätte mich in meiner früheren Jugend nicht so interessiert. Ich glaube, was natürlich da war, war eine absolute Offenheit überhaupt für diese ganze Welt, dass das nicht was völlig Fremdes war. Je älter ich geworden bin, habe ich natürlich Einflüsse gespürt, aber es ist immer so schwer zu sagen.

Ich kann jetzt gar nicht sagen, dass er mich so als Regisseurin direkt beeinflusst hat, weil er auch kein klassischer Regisseur ist. Das war jetzt nicht so, dass er Drehbücher geschrieben hat und dann Förderungen eingereicht hat, und dann wurde ein Film gedreht. Ich habe den nie am Set erlebt. Ich glaube, da ist eine gewisse Offenheit für die Welt und für eine bestimmte Welt dadurch dagewesen, und ich habe viel mitbekommen, aber er war jetzt nicht bei uns zu Hause der Regisseur. Er war eher der Schriftsteller und Fernsehmann.

Burg: Haben Sie sich denn irgendwann dann auch noch mal sein Werk angeeignet, angeguckt?

Kluge: Ja. Ich kenne nicht alles. Er hat ja sehr, sehr viel gemacht. Nicht alles, aber ich habe mir die Filme angeschaut, ich habe auch in einigen der Bücher schon gelesen, und die Fernsehsachen habe ich mir auch angeschaut. Ich habe auf jeden Fall mich mit viel befasst, ich höre ihn ja auch viel sprechen, aber ich kenne bei Weitem noch nicht alles, nein.

Über Kurzfilme zur eigenen Sprache

Burg: Inwieweit unterstützt er Sie in dem, was Sie machen?

Kluge: Er unterstützt mich sehr, indem er es wirklich respektiert, dass ich das mache. Ich habe schon gebraucht, mich zu trauen, das zu machen. Ich bin jetzt nicht aus der Schule raus und wusste, ich werde Filmregisseurin. Erstens mal dachte ich sowieso, das machen keine Frauen, das war so mein erstes Hindernis, und ich wusste, ich liebe Filme und ich habe dann da auch Praktika gemacht, und dann habe ich studiert, aber ich habe es mir nicht wirklich zugetraut. Deswegen habe ich auch sehr gesucht, was ich machen soll.

Ich war auch jetzt an einem Punkt in meinem Leben, wo ich auch wusste, ich habe über Kurzfilme irgendwie meine eigene Sprache gefunden, und das ist jetzt so anders und wirklich meins, dass ich da auch überhaupt nicht im Vergleich stehe. Wie man privat mit seinen Berufswünschen und dann den Eltern umgeht, ist ja noch mal eine andere Sache, aber im Grunde ist das alles total in Ordnung. Also meine Eltern sind da ganz offen.

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