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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 26.12.2020

Regisseurin Caroline LinkErschreckend nah an der Wirklichkeit

Moderation: Katrin Heise

Porträt von Caroline Link. (Imago / Oliver Bodmer)
Zu viel Rummel: Die Regisseurin Caroline Link mag es lieber, Filme zu drehen, als diese zu vermarkten. (Imago / Oliver Bodmer)

Caroline Link liebt es, mit Kindern zu arbeiten. In den Filmen der oscarprämierten Regisseurin laufen aber nicht nur die kleinen Darsteller zu Höchstleistungen auf. Ihr Erfolgsrezept: Filme machen, die sie selbst auch gern sehen würde.

Sie ist eine der erfolgreichsten Regisseurinnen Deutschlands. Doch zum Film zu gehen, war nicht der erste Berufswunsch von Caroline Link:

"Eigentlich wollte ich immer so was wie Kinderpsychologie oder Pädagogik studieren. Jetzt habe ich eben dieses Filmemachen mit der Arbeit mit Kindern verbunden."

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In fünf ihrer Filme haben Kinder tragende Rollen. "Ich liebe das. Man muss sich natürlich viel Zeit mit dem Casting lassen. Kinder sind keine ausgebildeten Schauspieler, deswegen ist es sinnvoll, wenn man ein Kind nimmt, was schon in seiner Persönlichkeit ein bisschen so wie die Figur ist, die es darstellt."

Entscheidend sei natürlich auch, dass man sich gegenseitig sympathisch ist. "Es ist wichtig, dass meine kleinen Schauspieler meine Verbündeten sind."

Konflikt, wo beide Seiten recht haben

Den Roman "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" hat Link selbst zum ersten Mal als Kind in der Schule gelesen. "Ich erinnere mich noch, dass ich das Buch sehr mochte." Jahrzehnte später, beim Schreiben des Drehbuchs, dachte sie gar nicht so sehr daran, einen Kinderfilm daraus zu machen: "Ich wollte einen Film machen, der mir selber auch gefallen würde."

Das Thema des Romans war vor allem die Fluchterfahrung, sich in neuen Umgebungen zurechtfinden zu müssen. "Deswegen wollte ich diesem Gefühl von Heimatlosigkeit in dem Film auch einen großen Raum geben."

Vor den Dreharbeiten telefonierte Link häufig mit der Autorin Judith Kerr: "Sie war erfreut, dass das Buch endlich verfilmt wurde. Aber sie hat alles hinterfragt. Sie wollte es schon genau wissen, auch noch mit damals 94."

Aus ihren Filmen lernt Link auch selber noch dazu: "Wenn man die Figuren schreibt, dann muss man jedem auch ein bisschen recht geben. Konflikte sind immer spannend, wenn beide Seiten recht haben. Wenn einer der Böse ist und der andere der Gute, ist es psychologisch eigentlich langweilig."

Diese versöhnliche Sichtweise sei im Leben allgemein ganz hilfreich. Mit unterschiedlichen Persönlichkeiten klar zu kommen, hat Link schon im Elternhaus gelernt:

"Meine Eltern haben sich ganz gut ergänzt. Meine Mutter ist eine sehr warme Mama. Mein Papa war immer eher so ein bisschen der dominante, aufbrausende Weltenbummler, der mir dann auch schon sehr früh gesagt hat: ‚Die Welt ist super, guck sie dir an!‘ Der war schon immer unerschrocken. Das hat mich natürlich auch geprägt."

Künstlerisch oder akademisch sei sie zu Hause allerdings gar nicht geprägt worden. Ihre Eltern hatten ein Restaurant in der hessischen Provinz und kamen "aus sehr einfachen Verhältnissen".

Vom Provinzmädchen zur gefeierten Regisseurin

Auf die Filmbranche kam Link zunächst als Komparsin. Es folgen Continuity-Jobs, Regieassistenzen, ein Praktikum bei den Bavaria-Filmstudios und schließlich die Filmhochschule. Das war zunächst eine andere Welt für sie:

"Ich trug Christbaumkugel-große Ohrringe und rosa Pullover und war immer noch so ein Mädchen aus der Provinz. Ich musste dann erst mal lernen, dass die Leute an der Filmhochschule irgendwie anders ticken. Die wussten alle schon so viel über Kino und ich wusste überhaupt nichts."

Einige hätten ihr gar nichts zugetraut: "Mein Selbstwertgefühl hat gerade so gereicht, nicht einzuknicken." 

Dass es sich gelohnt hat, stark und bei sich zu bleiben, zeigte sich in ihrer Karriere sehr bald. 1996 wurde ihr erster Kinofilm "Jenseits der Stille" über eine Tochter gehörloser Eltern, die Musikerin werden will, für den Oscar nominiert. Ein Projekt, das ihr viel bedeutet und an dem sie jahrelang gearbeitet hat.

Insgesamt hat Link inzwischen sieben Kinofilme gedreht. 2003 gewann sie die begehrte Oscar-Trophäe mit "Nirgendwo in Afrika" für den besten fremdsprachigen Film. Dafür drehte sie viel in Kenia und in Marokko, was ihr sehr gefallen hat: "Es war eine großartige Zeit und wahrscheinlich werde ich irgendwann mal eine Oma sein, die ihren Enkeln immer die gleichen Episoden von den Dreharbeiten erzählt."

Mit "Der Junge muss an die frische Luft" landete Link 2018 ebenfalls einen Riesenerfolg. Die Geschichte von Hape Kerkelings Kindheit interessierte sie in ihrer Tragik, aber auch in dem Potenzial, das daraus entstand.

Nah an der Wahrheit

Als der Film fertig war, habe Kerkeling zu ihr gesagt: "‘Du weißt gar nicht, wie nah du der Wahrheit gekommen bist mit diesen Bildern.’ Das war ihm streckenweise ein bisschen unheimlich, glaube ich."

Beim Dreh sei der Entertainer eine große Unterstützung gewesen, vor allem in der Zusammenarbeit mit dem jungen Darsteller Julius Weckauf. "Die beiden mochten sich wahnsinnig gern." 

Die Oscar-Figur dient ihr inzwischen als Türstopper im Wohnzimmer. "Der ist sehr robust", meint sie. Auch die anderen Auszeichnungen ihrer Laufbahn, stehen nicht hinter Glas: "Ich habe auch keine Vitrine, wie hässlich."

Generell gehe ihr das Kommerzielle am Filmbusiness eher auf die Nerven. "Ich mache sehr gern Filme, ich erzähle gern Geschichten, ich arbeite gerne mit Schauspielern, ich bin gerne im Team am Set, aber dieses ganze Vermarkten von Filmen und hinterher dieser ganze Rummel ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung." 

(mah)

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