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Vollbild | Beitrag vom 20.10.2018

Regisseur Ziad Doueiri über "Der Affront" "Wenn man anfängt zuzuhören, merkt man, wie ähnlich man ist"

Ziad Doueiri im Gespräch mit Susanne Burg

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Filmstill aus "Der Affront" des Regisseurs Ziad Doueiri: Shirine (Rita Hayek) und Tony (Adel Karam) (Alpenrepublik )
Filmstill aus "Der Affront" des Regisseurs Ziad Doueiri: Shirine (Rita Hayek) und Tony (Adel Karam) (Alpenrepublik )

Der Regisseur Ziad Doueiri erzählt in "Der Affront" von einem Streit zwischen zwei Männern, der sich zu einem großen gesellschaftlichen Konflikt auswächst. Sein Film ist eine Parabel auf die politischen Paradoxien des Libanons - und beruht auf einem persönlichen Erlebnis.

Susanne Burg: Alles beginnt mit einem kaputten Abflussrohr. Wasser läuft vom Balkon auf eine Straße in Beirut und auf einen Arbeiter. Das ist die Ausgangssituation für den Film "Der Affront" des libanesischen Regisseurs Ziad Doueiri. Der Arbeiter gerät mit dem Mieter in einen Streit. Ein Streit, der immer größer wird, bei dem Tony, der Mieter, den Arbeiter, Yasser, beleidigt. Alles landet schließlich vor Gericht. Ziad Doueiri verhandelt auf sehr brillante Weise die politischen Paradoxien des Libanons anhand eines Abflussrohres. Und als ich mit ihm gesprochen habe, habe ich ihn erst mal gefragt, wie er auf diese Idee kam.

Ziad Doueiri: Ich hatte die Idee, weil mir eine ähnliche Geschichte vor ein paar Jahren in Beirut selbst passiert ist. Ich habe einen Kaktus gegossen und plötzlich fing jemand an zu schreien. Ich beugte mich über mein Balkongeländer und sah, dass Wasser auf die Straße tropfte und direkt auf einen Mann, einen Arbeiter. Er beschwerte sich. Wir fingen an zu streiten, es wurde lauter und ich habe ihn beleidigt. Irgendwann habe ich die Kurve gekriegt, bin runtergegangen und habe mich entschuldigt. Damit war die Sache erledigt. Aber ein paar Tage später ist mir aufgegangen, dass der Streit, der auf so etwas Banalem basiert, auch wirklich hätte eskalieren können. Und ich fragte mich, wie das dann wohl ausgesehen hätte – wenn es so einen Schneeballeffekt gibt und es zu einem Punkt kommt, an dem die Beteiligten es nicht mehr stoppen können. Und so bin ich dann auf die Idee für den Film gekommen.

Auf der Suche nach Gerechtigkeit 

Susanne Burg: Für den ganzen Streit ist ja auch extrem wichtig, dass die beiden sofort wissen, woher der andere kommt: Yasser ist Palästinenser, Tony ist libanesischer Christ. Wie typisch ist dieses sofortige Einordnen der anderen Person auch für die tägliche Interaktion?

Ziad Doueiri: Die Geschichte ist nicht beschränkt auf einen Palästinenser oder Christen. Es hätten auch zwei andere Gruppen sein können. Wir leben in einer sehr polarisierten Welt und ich beschreibe die kleine Welt, die ich kenne. Mich haben vor allem die Fragen nach Vergebung und der Suche nach Gerechtigkeit interessiert. Im Film glaubt einer daran, dass ihm Unrecht geschehen ist und er will alles dafür tun, Recht zu bekommen.

Ich komme aus einer Familie von Richtern. Meine Onkel sind Richter, meine Mutter ist Richterin. Wenn sie das Gefühl hat, jemand behandelt sie ungerecht, reagiert sie sehr extrem darauf. Ich glaube, das hat Spuren bei mir hinterlassen. Ich bin ähnlich. Und das war wohl der psychologische Hintergrund des Drehbuchs.

"Der Libanon hat ein sehr fragiles System"

Susanne Burg: Sie sagten, es hätten auch andere Gruppen sein können, aber es geht ja nun um diese beiden Männer und spielt im Libanon nach dem Bürgerkrieg, wo es eine sehr fragile politische Balance gibt, auch der religiösen und politischen Gruppen, die im Parlament sitzen. Und viele Libanesen scheinen zu sagen: Lasst uns diese Balance erhalten, lasst uns nicht zu viel Kritik an anderen religiösen Gruppierungen äußern, sonst kochen die Konflikte wieder hoch. Die Frage, die Sie im Film stellen, ist ja: Wie wichtig ist es, ehrlich zu sein und die Themen auf den Tisch zu legen oder ist Stabilität wichtiger? Sie scheinen eher für Ehrlichkeit zu plädieren, oder?

Ziad Doueiri: Ich plädiere für die Wahrheit. In allen meinen Filmen geht es darum, die Wahrheit zu erzählen, selbst wenn man falsch liegt. Dabei geht es natürlich um meine eigene Wahrheit. Denn es gibt keine absolute Wahrheit. Der Libanon hat ein sehr fragiles System. Und es hat funktioniert, weil niemand über heikle Themen gesprochen hat. Aber meine Aufgabe als Filmemacher ist es, das System zu hinterfragen und herauszufordern. Ich bin kein politischer Aktivist, aber mich interessiert: wie kann man eine Geschichte schreiben, in der die Protagonisten an Grenzen getrieben werden? Und ich will sie so schreiben, dass sie glauben, dass ihre Wahrheit die absolute Wahrheit ist.

Susanne Burg: Tony und Yasser, Ihre beiden Charaktere, hassen sich ja am Anfang. Sie können sich nicht entschuldigen. Sie tragen es im Gericht aus. Es kommt dann im Verlaufe des Filmes noch eine andere Ebene hinein: die Vergangenheit. Als Zuschauer verstehen wir, dass sie beide Traumata im Krieg erlebt haben und darunter leiden. Was passiert mit ihnen, als sie verstehen, dass ihre Erfahrungen gar nicht so unterschiedlich waren?

Ziad Doueiri: Es nennt sich Empathie. Wissen Sie, ich bin in den 70ern und frühen 80ern aufgewachsen, bevor ich in die USA emigriert bin. Da gab es den Bürgerkrieg. Und der Libanon war geteilt. Meine Eltern waren politisch sehr links. Sie waren liberal und unterstützten die Palästinenser. Und wer nicht so dachte wie sie, der war für sie ein Feind. Das Problem bestand allerdings darin, dass der Feind nicht auf der anderen Seite der Grenze lebte, sondern auf der anderen Straßenseite oder am Ende des Flures in unserem Mietshaus. Für mich waren die Feinde damals politisch rechts denkende Christen und ich war überzeugt, sie waren der Grund für unsere Misere, für das Übel des Krieges.

Der Regisseur Siad Doueiri bei der Oscar-Zeremonie 2018 im Dolby Theatre in Los Angeles (dpa / piczure alliance / Jordan Strauss)Der Regisseur Siad Doueiri bei der Oscar-Zeremonie 2018 im Dolby Theatre in Los Angeles (dpa / piczure alliance / Jordan Strauss)

Ich bin dann nach Los Angeles gegangen und habe dort 18 Jahre lang gelebt und bin für meinen ersten Film 1998 nach Beirut zurückgekehrt. Er heißt "West Beirut". Der Krieg war zu dem Zeitpunkt seit acht Jahren vorbei. Es gab kein Ost und West mehr. Die Mauer in Beirut war weg, und die Leute waren zum Alltag übergegangen, sprachen miteinander und hatten miteinander zu tun. Ich aber war nicht im Alltag angekommen. Ich war gedanklich noch im Krieg. Als ich dann meinen Film gedreht habe, waren 90 Prozent der Leute am Set Christen. Und es hat eine Weile gedauert, bis ich darüber hinweg gekommen bin, dass ich mit den Leuten arbeitete, die ich noch immer als Feind wahrnahm. Du hast dann täglich mit ihnen zu tun, gehst mit ihnen essen, wirst neugierig, stellst Fragen und findest heraus, dass sie Ähnliches erlitten haben wie du, dass auch sie Schlange stehen mussten, um Brot zu kaufen oder um zur Schule zu gehen. Und die Bomben sind auch auf ihre Häuser gefallen. Im Krieg dachte ich, sie hätten ein gutes Leben und wir das schlechte.

"Wir bevorzugen die Amnesie"

Und wenn man mal anfängt, sich die Geschichten der anderen anzuhören, entwickelt man Mitgefühl. Als ich nach Israel gefahren bin, um "The Attack" zu drehen, war es genauso. Ich habe mit Juden zusammen gesessen, die ich auch als ultimativen Feind betrachtet habe und dann war der Prozess der gleiche. Wenn man anfängt zuzuhören, merkt man, dass man sich ähnlicher ist als man vorher dachte. Bei "Der Affront" geht es nun genau darum: Die beiden Feinde sitzen sich gegenüber, Yasser und Tony, und hören einander zu.

Susanne Burg: Sie haben gesagt, nach dem Bürgerkrieg kehrte wieder der Alltag ein, die Mauer verschwand. Aber mein Eindruck in Beirut war, dass die Leute auch heute noch immer sehr genau wissen, wo die Mauer stand, wo Ost- und West-Beirut war. Das kenne ich als Berlinerin auch aus Berlin. Im Libanon gab es nun den Bürgerkrieg. Und diese Erinnerungen scheinen sich bei den Menschen in ihre Seele eingebrannt zu haben. Was wird getan, mit diesen Traumata umzugehen?

Ziad Doueiri: Überhaupt nichts wird getan. Und merkwürdigerweise scheint es zu funktionieren. Ich glaube daran, dass sich Leute gegenüber sitzen müssen. Sie können sich anschreien, sich auch beleidigen, aber sie lassen es heraus. Das ist nicht passiert. In Europa haben das nach dem Zweiten Weltkrieg wohl die Franzosen und die Deutschen getan und vielleicht deswegen auch eine sehr solide Freundschaft entwickelt. Im Libanon hatten wir bisher nicht den Willen, uns miteinander auseinanderzusetzen. Wenn es um die libanesische Geschichte geht, hören die Geschichtsbücher in der Schule 1975 auf. Niemand will den Kindern beibringen, was zwischen 1975 und 2018 passiert ist. Wir bevorzugen die Amnesie. Ich glaube aber, wenn man die Auseinandersetzung vermeidet, dann kann man zwar einigermaßen in Frieden leben, aber es bleibt immer eine Wunde da.

Aussöhnung ist möglich 

Susanne Burg: In Ihrem Film zeigen Sie ja auch die Schwierigkeiten der Aussöhnung: Yasser und Tony wollen irgendwann ihren Frieden finden, aber zu dem Zeitpunkt ging es schon längst nicht mehr nur um ihre persönliche Geschichte. Verschiedene Gruppen springen auf den Fall auf und beginnen, ihn politisch auszuschlachten. Ich frage mich also, inwiefern Sie an eine Aussöhnung auf höherer gesellschaftlicher Ebene glauben.

Ziad Doueiri: Es ist möglich, aber es dauert länger. Es ist komplizierter zwischen zwei Gruppen als zwischen zwei Menschen. Im Film geht es mir darum zu zeigen, dass die persönliche Ebene wichtiger ist als die soziale. Es gibt eine Abmachung zwischen Yasser und Tony. Sie haben sich ausgesöhnt, aber das bleibt geheim. Alle um sie herum bekommen nicht mit, dass sie ihre Probleme im Dialog geklärt haben. Mich hat schon immer mehr die individuelle Interaktion interessiert. Aber das ist ja schon fast eine philosophische Frage: Ist es besser, jeden einzelnen oder das Kollektiv zu heilen?

"Es gibt immer Aufwiegler" 

Susanne Burg: "Der Affront" lief beim Filmfestival in Venedig im letzten Jahr. Kamel El Basha, der Yasser spielt, erhielt einen Preis als bester Schauspieler. Auf dem Weg zurück nach Beirut sind Sie dann am Flughafen verhaftet worden – wegen des von Ihnen schon erwähnten Films "The Attack" aus dem Jahr 2012. Sie hatten ihn in Israel gedreht und damals die libanesische Behörden um eine Erlaubnis gebeten, weil man als Libanese ja offiziell nach wie vor nicht nach Israel darf. Aber die Behörden haben nie geantwortet. Sie fanden sich also in einem Gerichtssaal wieder, nach dem Erfolg in Venedig, nach dem Erfolg eines Films, der im Gerichtssaal spielt. Was ging durch Ihren Kopf? Die Geschichte wiederholt sich?

Ziad Doueiri: Sehen Sie, ich wurde von der libanesischen Regierung verhaftet, aber die treibende Kraft dahinter war eine andere Gruppierung, nämlich der BDS, also "Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen". Die haben die Beschwerde eingereicht. Die libanesische Regierung hätte sich nicht weiter gekümmert. Die hat andere, größere Probleme. Aber es gibt immer Aufwiegler, die sagen: Du darfst das und das nicht sagen oder machen. Der BDS will Israel isolieren, um seine Ziele durchzusetzen, nämlich dass Israel die Besiedlung des von ihnen so genannten "arabischen Landes" beendet. Und die Gruppe hat leider sehr bösartige Angriffe auf viele Menschen unternommen. Ich weiß, einige wollen das nicht hören, aber es ist wahr. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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