Hörspielmagazin, vom 04.01.2020, 21:05 Uhr

Regisseur Peter Rosmanith zum Hörspiel des Monats Oktober "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus"

Das Stück "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" nach dem Text von Christine Lavant wurde „Hörspiel des Monats Oktober“. Im Gespräch mit Sabine Küchler beleuchtet Regisseur und Komponist Peter Rosmanith den Entstehungsprozess und erzählt, wie er den richtigen Ton für die literarische Vorlage gefunden hat.

Bildnummer: 55681055 Datum: 05.08.2011 Copyright: imago/Rudolf Gigler Lesung - Dracula - Erwin Steinhauer, im Rahmen der Salzkammergut Festwochen 2011, im Stadtheater in Gmunden. Dieses Bild zeigt den Perkussionisten Peter Rosmanith 2011  (imago stock&people)
Peter Rosmanith während einer Aufführung im Rahmen der Salzkammergut Festwochen (imago stock&people)

Sabine Küchler: "Nach einem Text von Christine Lavant ist das aktuelle Hörspiel des Monats entstanden, "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus". Den Text bearbeitet und inszeniert hat Peter Rosmanith, der auch für Komposition und Musik in diesem Stück verantwortlich zeichnet. In ihrer Begründung hebt die Jury unter anderem die "gegenseitige Durchdringung der Text- und Musikbereiche" hervor. Wie dieser subtile Dialog von Musik und Wort im Studio entstanden ist, das kann uns jetzt Peter Rosmanith erzählen, der das Hörspiel realisiert hat. Zunächst einmal ganz herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung, Peter Rosmanith!"

Peter Rosmanith: "Herzlichen Dank!"

Sabine Küchler: "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" ist ein Hörspiel, das dem gleichnamigen Text von Christine Lavant folgt. Die Jury der Akademie der Darstellenden Künste hat besonders die "Intensität dieses Kammerspiels" hervorgehoben. Wie sind Sie eigentlich auf den Text von Christine Lavant gestoßen und wann war Ihnen klar, darin steckt das Libretto eines Hörstücks."

Den Text beim Lesen schon hören

Peter Rosmanith: "Ich habe den Text vor ungefähr zwei, drei Jahren das erste Mal intensiver gelesen, also ich kannte ihn schon länger. Er hat mich immer wieder mal... begleitet ist zu viel gesagt, aber ist immer wieder mal aufgetaucht. Und die Idee dazu, ein Hörspiel damit zu machen, gibt es schon länger. Und ja, jetzt war es dann endlich mal so weit. Schon beim ersten Lesen des Textes ist bei mir die Idee entstanden, ein Hörbuch beziehungsweise ein Hörspiel zu machen. Bei mir ist das immer so, wenn ich einen Text lese, dann beginne ich sehr schnell, ihn zu hören. Für mich, wenn ich einen Zugang dazu finde und damit ein Hörspiel machen will, und das war bei dem Text auch so, also ich habe ihn quasi nicht gelesen, sondern gehört und habe sehr viele Möglichkeiten für eine musikalische Auseinandersetzung mit diesem Text gefunden."

Sabine Küchler: "Was genau haben Sie gehört, Peter Rosmanith? Die Schriftstellerin, lassen Sie mich das vielleicht noch vorausschicken, die Schriftstellerin Christine Lavant wurde 1915 geboren. Sie kam als Zwanzigjährige nach einem Suizidversuch für sechs Wochen in die, wie es damals hieß, Landesirrenanstalt Klagenfurt. Elf Jahre später dann ist dieser Text entstanden, "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus", der uns heute auch erschüttert und berührt wegen der unhaltbaren Zustände, die damals in der Psychiatrie herrschten, der Gewalt und Menschenverachtung. Was haben Sie gehört beim Lesen, beziehungsweise wie findet man den richtigen Ton für dieses Grauen?"

Peter Rosmanith: "Ich habe natürlich die verschiedenen Räume gehört, in denen die unterschiedlichsten Szenen spielen, aber dann auch die inneren Räume, das ist ja ein innerer Monolog, in dem dieser Text zum Großteil stattfindet. Ein Gespräch mit, ja, ein Selbstgespräch. Ja und diese Räume, die man da im Text hört, habe ich einfach gehört, beziehungsweise hatte eine Idee, wie man die zum Klingen bringt, wie man sie umsetzen könnte. Und dann war meine weitere Vorstellung eben, das gleichzeitig mit der Stimme der Schauspielerin zu hören."

Eine große gemeinsame Intensität

Sabine Küchler: "Die Schauspielerin Gerti Drassl, die diesen Monolog spricht, ist ganz außerordentlich in diesem Hörspiel, wie ich finde. Sie ist unglaublich präzise im Ausdruck, unglaublich anrührend in ihrer Einfühlung in dieses gefährdete Ich, das dort spricht. Wie haben sie gemeinsam mit ihr den richtigen Ton für diesen Text gefunden? Wie haben Sie mit ihr gearbeitet?"

Peter Rosmanith: "Dazu muss ich jetzt einmal sagen, dass ich jetzt, ich bin jetzt kein klassischer Hörspiel-Regisseur. Ich bin eigentlich sozusagen hauptsächlich Musiker und mache vielleicht eine maximal zwei Hörbuch-, Hörspielproduktionen im Jahr. Ungefähr seit zehn Jahren mache ich das. Bin da aber ein lesender Musiker und stoße da eben immer wieder auf literarische Stoffe, und wie ich schon gesagt hatte, ich versuche, den Text zu hören. Und dann stellt sich auch sehr bald bei mir eine Stimme ein,  also sprich, ich höre Stimmen, ich höre einen Schauspieler, eine Schauspielerin, die ich aufgrund von Zusammenarbeit am Theater oder auch nur aus anderen Hörspielproduktionen kenne. Und ich wähle sie dann ähnlich aus wie bei einem musikalischen Projekt. Wenn ich jetzt das Gefühl hab, okay, für dieses Projekt hätte ich gern den Solisten, die Solistin, einfach weil sie mir die Geschichte - das kann jetzt ja auch eine rein musikalische Geschichte sein- am besten erzählt, so wähle ich dann diese Stimme aus. Und hier war es genauso, ich habe den Text gehört und mein erster Wunsch war, Gerti Drassl dafür zu gewinnen. Und ich hab gewusst, dass sie schon einmal Christine Lavant gelesen hat und mir ein Bekannter erzählt hat, dass das für sie so eindrücklich war, also damals waren das Gedichte. Und ich habe sie angerufen, und sie war, ja, sofort angetan. Und dann passiert jetzt nicht wesentlich, also keine großartige Regiearbeit. Ich habe mich mit ihr getroffen, und wir haben quasi über so prinzipielle Haltungen gesprochen, wie ich es mir vorstelle, und sie sich auch, wie sie diese Geschichte erzählen möchte. Und dann haben wir eine Probeaufnahme gemacht, und was jetzt vielleicht bei dieser Produktion anders war als bei einer normalen Hörspielproduktion, denn normalerweise ist so, man nimmt den Text auf und dann baut man die Musik dazu, tastet sich von Satz zu Satz weiter, hier wollte ich das wirklich so machen, dass man das Gefühl hat, die Ich-Erzählerin, also das passiert alles im Moment und gleichzeitig. Sprich, Musik und Text und das haben wir dann auch wirklich so gemacht wie bei einer Live-Performance, nur räumlich getrennt, also schon im selben Studio, aber für einander sichtbar. Die Musiker in einem Raum, also meine Kollegen Franz Hautzinger an der Trompete und Matthias Loibner an der Drehleier  und ich in einem Raum und nur durch eine Glasscheibe getrennt im anderen Raum Gerti Drassl. Und wir haben das dann wirklich quasi gleichzeitig im Moment aufgenommen. Und, ich glaube, dadurch entstehen auch diese große Intensität und dieser Sog, diese Sogwirkung. Das kann man sonst, glaube ich, kaum künstlich herstellen. Aber so war es, wie auch in der Jury-Begründung steht, diese große gemeinsame Intensität, also das ist durch diese Form der Produktion, glaube ich, entstanden."

Klangliche Atmosphäre als Fundament für den Text

Sabine Küchler: "Ging es womöglich auch so weit, dass Sie und Ihre Musikerkollegen auch improvisierend auf den Text reagiert haben? Oder sind Sie mit einer regelrechten Partitur ins Stück gegangen?

Peter Rosmanith: "Also, die Musiker haben, bevor wir mit der Arbeit begonnen haben, mal den Text von mir bekommen. Ob sie sich vorstellen könnten, bei dem Projekt mitzuarbeiten? Also, ich hatte schon einmal diese Vorstellung von diesem Ensemble, dass ich mit diesen, mit mir und zwei Kollegen, dass wir diese klangliche Atmosphäre schaffen können, um das Fundament für den Text zu liefern. Und dann haben die zwei Kollegen den Text gelesen und gesagt, ja, das können sie sich prinzipiell vorstellen. Dann haben wir uns mal getroffen und theoretisch darüber gesprochen, welche Klangräume wir da brauchen können, welche Sounds. Sind in den Proberaum gegangen und haben einfach verschiedene Dinge ausprobiert, improvisatorisch. Und das war eigentlich schon im Wesentlichen die Vorbereitungsarbeit. Dann habe ich begonnen, den Text zu bearbeiten. Der ist ja auf gut, würde ich sagen, auf ein Drittel irgendwie gekürzt. Diese Fassung habe ich dann wieder an die Musiker weitergeleitet, und dann haben wir uns noch einmal getroffen und auch wieder mit, dann schon mit der Aufnahme. Also, ich habe eine Probeaufnahmen mit Gerti Drassl gemacht, einfach nur am Küchentisch, sozusagen. Also für mich ist die Gerti Drassl die Solistin, ich verstehe das Ganze jetzt, man kann sagen als Jazz-Ensemble und die Solistin ist die Gerti Drassl, die vorne steht. Und das hat ja auch eine klangliche Qualität, natürlich die Stimme, und damit die Musiker diese Stimme mal vor der Aufnahmesession hören können, haben wir uns im Proberaum die Stimme angehört. Mal jetzt mal nur auf den musikalischen, auf den tonalen Inhalt hin und dann unsere Sounds dazu entwickelt, aber noch nicht wirklich irgendetwas fixiert außer Klängen. Und im Studio haben wir mit diesen bereits erarbeiteten Klängen gearbeitet und aber dann einfach zugehört, was die Solistin jetzt macht, wo sie schneller wird, wo sie intensiver wird, und darauf musikalisch reagiert."

Im Zentrum steht immer die Geschichte

Sabine Küchler: "Erschienen ist das Stück in der Klangbuchreihe "Bibliothek der Töne" im Mandelbaum Verlag. Klangbuch, das ist eigentlich etwas anderes als Hörspiel,  was für ein Genre haben Sie da erfunden, Peter Rosmanith? In jedem Fall eines für Menschen, denen Musik und Literatur gleichermaßen am Herzen liegen."

Peter Rosmanith: "Genau! Mir war natürlich von Anfang an klar, das ist ein Nischenprodukt und es war gar nicht so leicht, da jetzt einen Verlag dafür zu gewinnen. Das ist natürlich alles auch mit einem großen finanziellen Risiko verbunden, aber mit dem Mandelbaum-Verlag habe ich einen Partner gefunden. Und entstanden ist das eigentlich aus, man könnte sagen, ich habe mir selbst eine Reihe geschenkt oder gewünscht. Ich wollte einfach, ich wollte so etwas hören, und das gab es einfach am Markt nicht wirklich. Also, wo wirklich eine musikalische Auseinandersetzung mit Texten stattfindet und wo Text und Musik gleichwertig agieren. Und wo die Musik aber natürlich schon dem Text dient. Im Zentrum steht natürlich immer die Geschichte, die erzählt werden muss. Und, ja, mit dieser Reihe habe ich mir sozusagen einen großen persönlichen Wunsch erfüllt, und ich freue mich jetzt natürlich, mittlerweile nach zwanzig Produktionen gibt es da auch einen, wenn auch kleinen, aber doch einen Fan-Kreis im deutschsprachigen Raum. Und die Produktionen kommen gut an."

Sabine Küchler: "Gibt es bereits Pläne für ein neues Stück?"

Peter Rosmanith: "Ja, ich habe mit dem Schauspieler Wolfram Berger voriges Jahr eine Bearbeitung der "Odyssee" live aufgeführt, und das ist beim Publikum so ganz, ganz stark angekommen. Und wir überlegen, ob wir das als Hörbuch, als Klangbuch, produzieren. Und für 2021, wie gesagt, ich mache maximal eine bis zwei Produktionen im Jahr, und für 2021 plane ich einen H.C. Artmann-Text, welchen weiß ich jetzt noch nicht genau. H.C. Artmann hätte 2021 seinen hundertsten Geburtstag, und das ist für mich Anlass, mich noch einmal mit diesem großartigen Dichter zu beschäftigen."

Sabine Küchler: "Herzlichen Dank, Peter Rosmanith, für das Gespräch."

Peter Rosmanith: "Bitte, gerne!"

 

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