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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.08.2010

Regisseur: Kino in Jenin ist "große Chance" für Palästina

Marcus Vetter über die Wiedereröffnung nach 23 Jahren

Marcus Vetter im Gespräch mit Dieter Kassel

Nach mehr als zwei Jahrzehnten sind wieder Kinofilme in Jenin zu sehen. (AP Archiv)
Nach mehr als zwei Jahrzehnten sind wieder Kinofilme in Jenin zu sehen. (AP Archiv)

Viele Helfer aus aller Welt haben ein kleines Wunder vollbracht: In Jenin im Westjordanland gibt es wieder Kinofilme zu sehen. Regisseur Marcus Vetter lobt als Organisator das Engagement und die Toleranz der Palästinenser.

Dieter Kassel: In ein paar Stunden eröffnet in Jenin im Westjordanland das örtliche Kino. Das ist ein ziemlich großes Ereignis, denn 23 Jahre lang war dieses Kino nur ein verlassenes, etwas merkwürdig aussehendes Gebäude mitten in der Stadt, das vor sich hin rottete. Und in genau diesem Zustand hat der deutsche Filmemacher Marcus Vetter dieses Kino entdeckt, als er für seinen Film "Das Herz von Jenin" recherchierte.

Ihn ließ der Gedanke, dass man dieses Kino doch unbedingt wieder eröffnen müsste, nicht los. Er hat viele Leute davon überzeugt, dass sie ihm unbedingt dabei helfen sollten, und er hat es geschafft. Wie erwähnt: Heute wird das Cinema Jenin neu eröffnet. Ich habe vor dieser Sendung mit Marcus Vetter geredet, und ich habe ihn gefragt, wie es denn nun gerade ist dort: Ob wirklich alles fertig ist oder ob er nicht doch noch zwischen Farbeimern und Werkzeugkisten steht.

Marcus Vetter: Na, das stehen wir auf jeden Fall, wir stehen noch zwischen Farbeimern und Werkzeugkisten. Also wenn Sie mich gestern gefragt hätten, dann hätte ich Ihnen nicht garantieren können, dass wir eröffnen. Heute sieht es schon sehr, sehr viel besser aus.

Kassel: Was war denn gestern noch alles so arg unklar, dass Sie sich Sorgen machen mussten?

Vetter: Wir hatten manche Filme noch nicht und dann wollen wir ja die Filme mit arabischen Untertiteln zeigen, und wir hatten einfach Probleme … weil wir ja alles, alles zum ersten Mal machen. Also Sie müssen sich vorstellen, dass hier das gesammelte Team, das sind 60 Volontäre aus Deutschland und international und 30 palästinensische Volontäre - niemand hat dort jemals ein Kino eröffnet. Jede Untertitel-Software oder jede Software, die wir gerade installieren und ausprobieren, das machen wir alles zum ersten Mal. Das Ticketing-System haben wir gestern zum ersten Mal ausprobiert, und wir hatten eigentlich vor, vor zwei, drei Wochen das Festival zu planen, aber wir mussten das ganze Festivalteam ins Kino stecken, weil das Kino einfach noch nicht fertig war. Aber es hatte auch was Gutes, dass die Leute zusammengeschweißt worden sind dadurch, weil sie zusammen Boxen montiert haben, auf dem Gerüst standen, Palästinenser, Deutsche, Internationale, und den Leuten außerhalb in Jenin ist klar geworden, dass das Geld endlich ist und dass wir jetzt einfach selber das Kino fertigmachen mussten.

Kassel: Wie sehen denn die Leute in Jenin, diese rund 50.000 Einwohner, jetzt so kurz vor der Eröffnung das Kino? Ist das inzwischen auch schon für die meisten wirklich ihr Projekt, oder gucken die doch eher zu, was die Fremden da machen?

Vetter: Beides. Also die, die hier arbeiten, für die ist es wirklich ihr Projekt, weil sie es selber mit ihrem Schweiß aufgebaut haben. Und die, die um uns herum sind, für die ist es auch ihr Projekt, weil sie zwei Jahre lang nicht nur zugeguckt haben, aber wirklich - jeder unterstützt in dem, wie er kann. Und dann gibt es natürlich ganz Jenin, wo nicht jeder weiß, was hier passiert, und da gibt es auch viele Gerüchte und man weiß es nicht, was die für Filme zeigen. Aber ich glaube, das wird sich ändern, wenn wir dann die ersten Filme einfach zeigen und dann werden viele Gerüchte auch aufhören. Ich glaube, es ist auch normal, es ist eh eine Gesellschaft mit sehr vielen Gerüchten. Und diese Nachrichten gehen … mit Windeseile laufen die durch Jenin, und das geht so wie Wellen, hoch und runter. Aber die Zustimmung ist schon sehr groß, weil wir von allen unterstützt werden, also vom Bürgermeister über den Gouverneur, die Polizei, die Touristenpolizei, die Securities. Hier gibt es ja wahnsinnig viele Institutionen und alle decken uns. Und der, der uns am meisten deckt gerade im Moment, ist Salam Fayyad, der Ministerpräsident. Der kommt auch zur Eröffnung und ich glaube, dass er erkannt hat, dass dieses Projekt eine große Chance ist für Palästina.

Kassel: Er kommt zur Eröffnung. Nun haben ja viele internationale Prominente auch ihr Kommen angekündigt, Roger Waters, Leonardo di Caprio, ein paar andere. Wissen Sie denn schon, wer nun wirklich kommen wird?

Vetter: Also das ist so: Wir haben es absichtlich kleiner gemacht, als wir das ursprünglich geplant haben, wir haben nämlich das internationale Filmfestival auf nächstes Jahr verlegt. Da wollen wir die alle intensiv auch einladen, die ihr Kommen zugesagt haben, und diesmal wollten wir eigentlich mehr ein lokales Opening. Es kommen ja überhaupt 60 Journalisten ungefähr hierher. Wenn noch mehr internationale Gäste gekommen wären, dann hätte es den Rahmen gesprengt und dann wären die lokalen Leute nicht mehr ins Kino gekommen, und das wäre dann nicht gut gewesen, weil dann würde wirklich jeder sagen, ja, das haben die ja auch nur gemacht für die Ausländer und so weiter und so fort, und wir kriegen nicht mal einen Platz im Kino. Da kommt zwar die Bianca Jagger zum Beispiel, die Frau von Mick Jagger, es kommt der Leiter der Botschaft in Deutschland und so weiter und so fort, es kommt Salam Fayyad persönlich, aber es soll eigentlich mehr ein lokales, palästinensisches Opening sein.

Kassel: Im Gespräch im Deutschlandradio Kultur ist Marcus Vetter, der deutsche Filmemacher und Regisseur, dem es nun in jahrelanger Arbeit tatsächlich gelungen ist, mit beizutragen zur Wiedereröffnung des Cinema Jenin, die Eröffnung ist heute. Und, Herr Vetter - der Eröffnungsfilm wird ja nun "Das Herz von Jenin" sein, das ist keine Überraschung, das ist angemessen, aber es gibt ja ein ganzes Programm an diesen drei Tagen. Wie haben Sie denn das ausgewählt, um - Sie haben es ja gerade noch mal erklärt - sicherlich einerseits wirklich die lokale Bevölkerung zu erreichen, aber doch sicherlich andererseits auch gleich zu zeigen, wofür dieses Kino stehen soll?

Vetter: Genau, so haben wir es auch gemacht. Also zum Beispiel ein Film, den wir zeigen, ist "Captain Abu Raed", und das ist ein wunderbarer Familienfilm, eine erste Spielfilmproduktion aus Amman, die auch für den Oscar nominiert war. Dann haben wir einen Film, der heißt "Hassan & Morcos" das ist kein neuer Film, sondern der ist glaube ich schon drei Jahre alt, es ist ein ägyptischer Film, aber ein Publikumsmagnet, und gleichzeitig aber auch kritisch und hat eine Message, da geht es um die Religionen. Und dann zeigen wir "To Shoot an Elephant", das ist ein Dokumentarfilm über den Gazakrieg. Dann zeigen wir "Deep Blue", einen Unterwasserfilm, wo wir die Rechte von der BBC und Greenlight Media aus Deutschland bekommen haben für die arabische Welt, und den wir selbst synchronisiert haben. Also jeder Film, den wir zeigen, ist irgendwas Besonderes, wo wir damit ausdrücken wollen, was wir können, also zum Beispiel Filme synchronisieren. Und ich habe ja selber einen Film über meinen eigenen türkischen Vater gemacht, der heißt "Mein Vater, der Türke", der kommt nicht im Festival, aber das ist zum Beispiel einer der Filme, die wir an Ramadan, weil Ramadan ist ja in vier Tagen, dann starten werden und der dann im offiziellen Kinoprogramm sein wird.

Kassel: Ramadan haben Sie erwähnt, das Festival findet an drei Tagen statt, einer davon ist auch Freitag, der heiligste Tag des Islam. Wie sehr müssen Sie denn bei der Programmierung im Kino doch auch auf die kulturellen Eigenarten achten und eben doch aufpassen, dass Sie - wenn Sie es ein bisschen vielleicht manchmal tun wollen - nicht zu sehr provozieren?

Vetter: Ja, gerade der Freitagmorgen, also von zehn bis eins, konnten wir kein Programm machen, weil die Leute nicht kommen würden. Wir hätten jetzt schon ein Kinoprogramm machen können, aber die Leute wären dann beim Gebet, und dann könnten nur die Internationalen diese Filme sehen. Deswegen ist morgens zum Beispiel am Freitag nichts. Aber das ist alles nicht so problematisch. Also die Leute sind schon sehr, sehr tolerant, und das haben wir auch von Anfang an gesagt, dass wir Fehler machen werden automatisch, weil wir neu sind. Und so sind wir eigentlich immer an die Sache herangegangen, dass wir gesagt haben: Auch wenn wir Fehler machen, sie sollen es uns verzeihen, es uns sagen, und dann können wir adjustieren. Und so funktioniert das auch.

Kassel: In deutschen Zeitungen war allerdings sogar zu lesen, dass es allein schon schwierig sei, dass im Kino ja - nun, Sie haben auch ein Open-Air-Kino, aber nun reden wir mal von dem eigentlichen Saal -, dass im Kino ja Männer und Frauen im Dunkeln nebeneinander sitzen. Ist es so schlimm nun doch nicht?

Vetter: Wir wissen es nicht, die werden sich schon verteilen. Da haben wir uns viele Gedanken gemacht und vor einem Jahr, wo wir darüber geredet haben, wo denn jetzt die Frauen und wo die Männer sitzen, ob wir eigene Vorstellungen machen müssen oder nicht - es ist eine diverse Gesellschaft, und die einen haben eine andere Meinung als die anderen. Und jetzt wird es so sein: Es wird einen Einlass geben und dann verteilt sich das vielleicht von alleine.

Kassel: Hoffen wir es. Hat sich denn die Stadt Jenin - die Sie ja inzwischen auch seit vielen Jahren kennen, wenn wir einmal bei der Recherche für den Film "Das Herz von Jenin" beginnen und dann jetzt bei den letzten zwei, drei Jahren, die Sie die Wiedereröffnung des Kinos forciert und geplant haben – hat sich denn die Stadt Jenin in dieser Zeit verändert? Weil Sie gerade ja von einer doch relativ toleranten Gesellschaft gesprochen haben.

Vetter: Ich glaube, Jenin war immer schon tolerant, deswegen bin ich eigentlich hier. Ich hätte das jetzt nicht unbedingt in Ramallah oder Nablus gemacht, nicht, weil die Städte nicht tolerant sind, sondern weil sie mir zu groß wären und weil man dann den Einfluss zu den Leuten nicht mehr so herstellen kann. Außerdem ist da so viel Geld reingeflossen, dass viele einfach schon fertig sind in ihrem Kopf, und Jenin ist eigentlich eine sehr, also ich finde, eher eine sehr unschuldige Stadt. Wenn man jetzt mal ganz unabhängig davon, dass Jenin die Reputation hat natürlich, weil hier sehr viele Selbstmordattentäter herkommen, das mal außen vor: In erster Linie gibt es hier 50.000 Menschen und die, die ich kennengelernt habe, sind sehr warmherzig und wirklich tolerant.

Also auch im Gästehaus dürfen wir mittlerweile Bier trinken, am Anfang bin ich hierher gekommen, da war das unmöglich, überhaupt nur über ein Bier nachzudenken. Aber sie akzeptieren es, weil wir Europäer sind, die hier im Kino arbeiten, und ich glaube, man möchte ihnen einfach das nicht verwehren, was sie in Europa auch haben. Salam Fayyad hat eine sehr, sehr gute Arbeit in den letzten zwei Jahren geleistet, zum Beispiel: Man sieht keine Waffen mehr, nicht mehr wie vor drei Jahren, wo noch viele Waffen unterwegs waren und man die auch gesehen hat. Und ich glaube, das tut auch zu dieser Veränderung beitragen. Und das nächste ist, dass der Jalame Checkpoint, dass der Checkpoint, der fünf Minuten weg ist von Jenin, dass dort mittlerweile auch israelische Araber reinkommen können, Israeli selber müssen noch eine Genehmigung beantragen. Also von allen Seiten im Moment verändert sich etwas, und auf diese Veränderung bauen wir auf.

Kassel: Auch wenn israelische Staatsbürger noch eine Genehmigung brauchen - erwarten Sie denn beim Eröffnungsfestival Gäste aus Israel?

Vetter: Ja, wir erwarten Gäste aus Israel. Ich glaube, es haben sich ungefähr 40 oder 50 angemeldet, es haben sich mehr angemeldet, aber wir konnten sie nicht alle einladen, weil unsere Plätze begrenzt sind. Es war eine Diskussion, das palästinensische Team hat das befürwortet, und der Gouverneur war extra noch eine Woche vorher bei uns und hat gesagt, wirklich, Jenin ist offen für alle Religionen, er möchte nur keine Bettler hier haben, was ich verstehen kann oder was wir verstehen müssen. Und es ist im Prozess, und dieser Prozess wird von den Palästinensern bestimmt und nicht von uns, und wir müssen uns dort einfügen. Und trotzdem weiß jeder: Dieses Projekt ist auf den Filmen und auf der Message von Ismael Khatib aufgebaut, der die Organe seines Sohnes an israelische Kinder gespendet hat. Aber wie ganz am Ende dieses Kino aussehen wird, wie offen und wie tolerant Jenin sein wird, das muss man trotzdem den Palästinensern überlassen. Wir dürfen es ihnen nicht aufoktroyieren.

Link: Homepage des Kinos von Jenin

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