Seit 11:00 Uhr Nachrichten

Donnerstag, 15.11.2018
 
Seit 11:00 Uhr Nachrichten

Vollbild | Beitrag vom 11.08.2018

Regisseur Jan Bonny über "Wintermärchen"Innenansichten einer rechten Terrorzelle

Jan Bonny im Gespräch mit Patrick Wellinski

Beitrag hören Podcast abonnieren
German director Jan Bonny poses during a photocall for the film "WintermaerchenÒ during the 71st Locarno International Film Festival, Friday, August 10, 2018, in Locarno, Switzerland. The Festival del film Locarno runs from 1 to 11 August. (KEYSTONE/Alexandra Wey) | (picture alliance/dpa/KEYSTONE/Alexandra Wey)
"Wintermärchen"-Regisseur Jan Bonny. (picture alliance/dpa/KEYSTONE/Alexandra Wey)

Der deutsche Regisseur Jan Bonny konkurrierte bei den Filmfestspielen in Locarno mit "Wintermärchen" um den Goldenen Leoparden. Der Film wirft den Zuschauer in eine rechtsterroristische Zelle in Deutschland - hart und provokativ.

Der Regisseur Jan Bonny besuchte mit einem befreundeten Künstler den NSU-Prozess in München. Aus dieser Erfahrung heraus konzipierte er seinen Spielfilm "Wintermärchen", der beim Filmfestival in Locarno der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag ist. Obwohl die ursprüngliche Idee des Films beim NSU-Terror liegt, hat sich Bonny sehr stark von den realen Umständen distanziert.

"Wir haben uns darüber unterhalten was es für künstlerische Arbeiten und Filme über rechte Gewalt gibt und welche Ansätze da meistens verfolgt werden", sagt er. Daraus entwickelte er gemeinsam mit seiner Produzentin Bettina Brokemper und seinem Ko-Autoren das Skript zu "Wintermärchen", den Bonny explizit als "politischen Film" versteht, der aber keinen direkten Bezug zum NSU-Terror nimmt: "Wir wollten einen Film machen, der unmittelbar funktioniert, der nicht versucht zu belehren oder pädagogisch zu sein oder zu erklären."

Rechte Gewalt und sexuelle Dysfunktionalität

In "Wintermärchen" geht es um drei Terroristen, die vor allem im Raum Köln Ausländer ermorden. Der Film zeigt das mit harten und drastischen Aufnahmen. Immer wieder entlädt sich der Frust über missglückte Attentate bei den Terroristen auch auf der sexuellen Ebene. Auf die Frage wieso ihm das wichtig sei, sagt Bonny, die Gewalt der Terroristen habe noch eine Spiegelebene gebraucht, über die man das Gesehene auch anders beurteilen könne. Außerdem gebe es bei diesen Figuren "eine ganz ursächliche Verknüpfung zwischen Sexualität und Gewalt, die zum Teil natürlich auch schwer auszuhalten ist".

Der Zuschauer solle sich selbst ein Urteil bilden, ohne dass er und sein Drehbuchautor ein Urteil vorgeben wollten, sagt Bonny. Deshalb nutze er Mittel des Beziehungsdramas, um "eine emotionale Nähe zu diesen Figuren zu erzeugen, die Dinge tun, die der Zuschauer ablehnen sollte". Doch erst in der Konfrontation mit den Terroristen könne dies gelingen.

"Es sind sehr narzisstische Figuren"

Der Film selber besteht aus Aktion und Reaktion. In "Wintermärchen" wird die rassistische Weltsicht der Protagonisten nicht über Dialoge verhandelt. Das war Jan Bonny wichtig wie er sagt: "Ich denke, dass die Weltsicht der Figuren vollkommen klar wird, auch wenn sie nicht unentwegt darüber sprechen. Es sind ja  sehr narzisstische Figuren."

Die körperliche Intensität, die der Film phasenweise erreicht, war offenbar ein großes Stück Arbeit während der Dreharbeiten. Insbesondere die Schauspieler mussten regelmäßig an ihre Grenzen gehen. "Sie waren großartig", sagt Bonny und fügt hinzu: "Sie waren - man sagt das immer so lapidar – mutig. Sie haben sich in diese Situationen hinein begeben und haben es miteinander ausgehalten."

(Bearbeitung: mkn)

Mehr zum Thema

Neue ARD-Serie "Über Barbarossaplatz" - "Und nach dem letzten Bild war Stille"
(Deutschlandfunk, Corso, 28.03.2017)

Film - Drehbuch und Regie im Film
(Deutschlandfunk Nova, Redaktionskonferenz, 25.02.2011)

Gewalt als Ausdruck von Nähe
(Deutschlandfunk Kultur, Profil, 25.06.2007)

Vollbild auf Twitter

DlfKulturFilm bei Twitter

Wir twittern über alles, was flimmert.

Rang I

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

OrnithologieAkrobaten des Gesangs
Zwei hellrote Aras fliegen in Los Lianos in Venezuela über Baumkronen. (picture alliance / Anka Agency International / Gerard Lacz)

Seit mehr als 50 Jahren dokumentiert der französische Ornithologe Jean Claude Roché das Singen der Vögel. Eine seiner Aufnahmen aus dem Jahr 1973 belegt die besondere Musikalität der Vogelwelt in Venezuela. Jetzt wurde die Platte neu veröffentlicht.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur