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Interview | Beitrag vom 14.05.2021

Regionale Aufhebung der Impfpriorisierung"Das Gerechtigkeitsprinzip zerbröselt langsam"

Andreas Lob-Hüdepohl im Gespräch mit Dieter Kassel

Eine ältere Person bekommt eine Impfung gegen Corona. Berlin, 19.01.2021. (imago / photothek / Florian Gärtner)
Impfung beim Hausarzt: In drei Bundesländern kann hier in wenigen Tagen jeder gegen Corona geimpft werden. (imago / photothek / Florian Gärtner)

Ärztinnen und Ärzte in Berlin, Bayern und Baden-Württemberg dürfen ab nächster Woche jeden mit jedem Vakzin impfen. Doch einige Impfstoffe sind noch rar. Der Theologe Andreas Lob-Hüdepohl sieht deswegen ein Gerechtigkeitsproblem.

Berlin hebt ab Montag die Priorisierung für alle verfügbaren Corona-Impfstoffe bei Haus- und Betriebsärzten auf. Schon zuvor hatten Bayern und Baden-Württemberg ähnliche Schritte angekündigt.

Was nach "Impfen für alle" klingt, könnte sich für viele Impfwillige aber erst einmal als Enttäuschung entpuppen. Der Berliner Gesundheitsstaatssekretär Martin Matz (SPD) hat bereits versucht, die Erwartungen zu dämpfen. Die Nachfrage werde noch eine Weile das Angebot übersteigen, so Matz im RBB.

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Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik und Mitglied im Deutschen Ethikrat, ist mit der Berliner Entscheidung grundsätzlich nicht einverstanden. Die Priorisierung auszusetzen sei nur dann richtig, "wenn Vakzine Ladenhüter werden", sagt er.

Genügend Impfstoff erst im dritten Quartal

Wenn es bei Impfstoffen Akzeptanzprobleme gebe und diese deswegen nicht verimpft werden könnten, wäre es ethisch unverantwortlich, an der Priorisierung festzuhalten. Anders stelle sich das allerdings bei Impfstoffen dar, die eine hohe Nachfrage hätten und wenig verfügbar seien, wie der von Biontech/Pfizer.

Die Priorisierung solle sicherstellen, dass Menschen mit einem hohen Gesundheitsrisiko zuerst geimpft würden und nicht das Ellenbogen- oder das Vitamin B-Prinzip über die Reihenfolge entscheide. Das werde nun außer Kraft gesetzt, kritisiert Lob-Hüdepohl. Das Gerechtigkeitsprinzip zerbrösele damit langsam.

Habe man alle aus der Priorisierungsgruppe 3 geimpft, sei ungefähr die Hälfte der Bevölkerung geschützt. Die andere Hälfte müsse dann natürlich auch so schnell wie möglich geimpft werden, und hier gebe es keine Priorisierungsempfehlungen mehr.

Angst vor Chaos in den Arztpraxen

"Ich glaube, das ist dann auch nicht mehr nötig", sagt der Ethiker. Wenn die Angaben aus der Politik stimmten, werde es im zweiten, spätestens dritten Quartal ein Überangebot an Impfstoffen geben. "Dann löst sich das von allein."

Noch ist es allerdings nicht soweit, bestimmte Impfstoffe bleiben vorerst Mangelware. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung bereiten sich die Berliner Ärzte nun auf einen "größeren Ansturm impfinteressierter Berlinerinnen und Berliner" vor: Die Aufhebung der Priorisierung provoziere "Chaos" in den Praxen.

(ahe)

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