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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.05.2010

Reform und Ökumene: Betreten der Baustelle verboten?

Von Kirsten Dietrich

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Gläubige stehen am Odeonsplatz  während einer ökomenischen Feier zu Christi Himmelfahrt während des 2. Ökumenischen Kirchentages in München. (AP)
Gläubige stehen am Odeonsplatz während einer ökomenischen Feier zu Christi Himmelfahrt während des 2. Ökumenischen Kirchentages in München. (AP)

Einen Schritt zu mehr Ökumene machen, ohne sich an der Frage nach einer gemeinsamen Mahlfeier festzubeißen – das klingt nach einem vernünftigen, ja, regelrecht verführerischen Konzept. Und genau das versprach das Podium "Betreten der Baustelle verboten - Reformprozesse in den Kirchen als Chance für die Ökumene". Katholiken, Vertreter verschiedener protestantischer Richtungen und der Freikirchen sowie Orthodoxe kamen ins Gespräch übers ökumenische Sparen.

Großmann: "Ich würde sagen, Ökumene ist Reformprozess."

Wijlens: "Ökumene ist für mich Reform."

Bukowski: "Also Ökumene hilft dem Reformprozess auf, das ist mit der wichtigste Satz."

Zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt offensichtlich jeder gern: Reformen in den Kirchen scheinen unvermeidbar, die Ökumene auch – warum also nicht beides verbinden? Wenn sich sowieso alles ändert, warum dann nicht von den anderen lernen oder gar Dinge gemeinsam machen?

Im Großen und Ganzen war man sich auf dem Podium auch sehr einig: Die Protestanten lernen von den Katholiken, wie wichtig spirituelle Gemeinschaften sind, die Orthodoxen entdecken die Sozialarbeit - und von den Freikirchen lernen alle, wie es sein könnte, künftig in der Minderheit zu sein. Alles harmonisch und freundlich und unverbindlich - bis Abtprimas Notger Wolf einen konkreten Vorschlag macht:

"Wir müssen uns auf eine neue Zukunft der Kirchen, auf ein neues Leben einstellen. Und vielleicht gelingt es uns dann, Gemeinden zusammenzuführen, wo man dann sagt: Da haben wir heute mal einen katholischen Gottesdienst, da haben die Katholiken besonders ihre Sache, und dann haben wir einen evangelischen Gottesdienst. Aber in den vielen anderen Dingen arbeiten wir in einer einzigen Gemeinde. Das kann ich mir lebhaft vorstellen." (Applaus) "

Können Katholiken und Protestanten wirklich die Gemeinden teilen? Das Sparpotenzial müsste das Herz jedes Oberkirchenrates höher schlagen lassen. Die Realität sieht anders aus: Auch Notker Wolf würde in seine Benediktinerkloster ja nicht einmal die Dominikaner oder die Jesuiten mit einziehen lassen, ganz egal, wie sehr er die Vielfalt innerhalb der katholischen Kirche und über sie hinaus preist.

Die katholische Kirche ist nicht der unverrückbare Fels ist, als der sie sich gerne präsentiert, so hieß es. Nur: Was das für die Kirchen und die notwendigen Veränderungen bedeuten könnte, ist unklar. Beim Sparen bleibt dann doch jeder allein. Die katholische Kirchenrechtlerin Myriam Wijlens möchte Reform sowieso nicht so konkret verstanden wissen, sondern als generelle Umkehr und als Annäherung im konkretesten Sinne:

""Können wir uns vorstellen, dass wir verliebt sind, als Kirche, ineinander?"

So viel Liebe – da verweist Peter Bukowski, Moderator des Bundes der reformierten Kirchen, doch lieber auf ökumenische Gemeinheiten wie die, dass die katholische Kirche den jahrhundertelang bestehenden Gleichklang der im Gottesdienst gelesenen Texte aufgekündigt hat.

Bukowski: "Mein Verhältnis zur katholischen Kirche erlebe ich eher so wie dieses Loriot-Ehepaar mit dem Frühstücksei morgens: Man weiß immer schon, was der andere sagt. Also, wir haben uns auch an unsere Macken so sehr gewöhnt, dass es etwas Gespenstisches hat. Ich glaube, echte Liebe und Verliebtheit gelingt immer nur in symmetrischen Beziehungen."

Ökumene heute – sie scheint unvermeidlich wie das Sparen, ähnlich unerfreulich und vor allem ähnlich uninspiriert wie die kirchlichen Reformkonzepte. Mehr der Austausch von technischen Details als wirklich ein gemeinsamer Geist und Elan. Das Publikum verlässt die Veranstaltung in Scharen vorzeitig – und zeigt sich ansonsten ähnlich ratlos wie die Kirchenleitenden auf dem Podium.

"Ich denke, man wird zusammenrücken müssen, auch aus materieller Notwendigkeit, aber nicht die Verschiedenheit aufgeben, sondern friedlich miteinander umgehen in der Verschiedenheit und sich ergänzen."

"Sparen? Natürlich, klar. Wenn wir die Kirchen zusammenlegen, können wir Einrichtungen beispielsweise sparen."

"Ganz konkret, also, das was auch auf Gemeindeebene heute eigentlich überall läuft: Dass man sich gegenseitig besucht, gegenseitig kennenlernt, und dadurch eben auch neue Ideen kriegt zum Beispiel bei der Gottesdienstgestaltung."

Kein Wunder also, dass es im ökumenischen Zentrum vor allem voll ist, wenn ein Kirchentagsveteran wie Fulbert Steffensky über spirituelle Dimensionen von Rechtfertigung spricht. Wer herausfinden will, wie Kirchenreform und Ökumene doch Hand in Hand gehen könnten, muss sich an die Basis bewegen. Zum Beispiel in den Gemeindesaal der Auferstehungskirche.

Die ökumenische Gruppe action 365 lädt zur Agapefeier. Nicht zur heißumstrittenen Eucharistie, sondern zum Sättigungsmahl in der Tradition der Urkirche. Nur mit Laien, ganz ohne Priester.

Back: "Es ist besser, wenn in einer Gemeinde, die keinen Priester mehr hat, oder in einer Gemeinschaft, wo es keine Priester gibt, es noch mehr gibt als nur 'über das Wort Gottes zu sprechen', sondern eben auch Liturgie zu feiern. Und das können wir in dieser Form."

Gerlinde Back ist im Vorstand der action 365 und organisiert die Agapefeier. Am Anfang stand das ökumenische Anliegen, sagt sie. Das Sparpotential sei ein nachträglicher Effekt.

"Wir wollen was Positives an die Stelle setzen, und da arbeiten wir einfach weiter, dass wir Laien stärken, ihnen bewusst machen: Du hast auch eine Verantwortung, wenn du die Kirche liebst, das heißt du musst auch selber was tun dafür. Und dann tun wir was."

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