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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.02.2012

Reflexionen über die Wissenschaft

Tomas Sedlacek: "Die Ökonomie von Gut und Böse", Hanser Verlag, München, 2012, 447 Seiten

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Sedlacek attackiert jene Kollegen, die an die Mathematisierbarkeit aller Wirtschaftsprozesse glauben. (AP)
Sedlacek attackiert jene Kollegen, die an die Mathematisierbarkeit aller Wirtschaftsprozesse glauben. (AP)

Mit Anfang 20 war Tomas Sedlacek ökonomischer Berater von Vaclav Havel. 2006 wurde er von "Yale Economic Review" zu einem der fünf wichtigsten ökonomischen Denker gekürt. Momentan wird international über sein Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" diskutiert.

Man möchte laut jubeln! Endlich erklärt uns ein Fachmann, dass die wahre Ökonomie keine willfährige Dienerin des Großkapitals, sondern eine zutiefst moralische Wissenschaft ist. Endlich attackiert ein Ökonom jene arroganten Kollegen, die an den bizarren Homo oeconomicus und die Mathematisierbarkeit aller Wirtschaftsprozesse glauben, aber sich in der Krise auch nur als Kaffeesatzleser entpuppen.

Endlich zeigt ein Eingeweihter, dass Wachstum auf Pump kein Wachstum ist, sondern Wahnsinn, und vertritt eine "existenzialistische" - das heißt: ganzheitlich-menschliche - Auffassung von Wirtschaft.

Tomas Sedlaceks "Ökonomie von Gut und Böse" ist einerseits eine Kulturgeschichte des ökonomischen Denkens, die vom Gilgamesch-Epos über die griechische Antike, Thomas von Aquin und Adam Smith bis hin zu heutigen Wirtschaftsnobelpreisträgern die gesamte abendländische Geschichte umspannt, andererseits eine Generalkritik der aktuellen Ökonomie.

"Wir sind (...) beglückt vor den moralischen Prinzipien weggerannt, auf denen die Ökonomie doch stehen sollte", charakterisiert Sedlacek die Tendenz der Entwicklung. Eingebunden in Reflexionen über die Grenzen der Wissenschaft und das Erklärungspotenzial von Religion und Mythen, fordert er von der Wohlstandsgesellschaft mehr Demut, Mäßigung und Zufriedenheit. Aufs Ganze gesehen, will Sedlaceks mit den "alternativen Ökonomieschulen einen Schritt vorwärts" machen und einer verantwortungsvollen normativen "Metaökonomie" den Weg bereiten.

Der Jubel über das Buch wird indessen leiser, je genauer man liest. Und erst recht, je höhere Ansprüche man an die Methodik derart umfassender Revisionen stellt. Indem Sedlacek die wirtschaftlichen Aspekte etwa im Gilgamesch-Epos und im Alten Testament flott in heutiges Vokabular übersetzt, reduziert er die Texte zu Gleichnissen, ohne die reale Wirtschaftsweise antiker Gesellschaften im Geringsten zu erhellen.

Er ebnet alle Epochengräben, namentlich den vom Mittelalter zur Neuzeit, durch vage ideengeschichtliche Bezüge ein. Wie die beklagte Zahlenfixiertheit der Ökonomen den Wirtschaftsalltag prägt, wird ebenfalls nicht erklärt. Politische Bezüge, Analysen zur Finanzkrise, Vorschläge zu institutionellen Reformen des Wirtschaftssystems oder zur universitären Ausbildung: alles Fehlanzeige. Dafür liebt Sedláček wohltönende Deklarationen: "Wir haben zu viel Weisheit gegen Exaktheit getauscht, zu viel Menschlichkeit gegen Mathematisierung."

Sedlacek von der "Yale Economic Review" 2006 zu einem der fünf wichtigsten ökonomischen Denker gekürt, bekämpft die böse reduktionistische Profitökonomie originellerweise mit guten ökonomischen Argumenten, ohne marxistisches Vokabular zu gebrauchen. Löblich ist seine Chuzpe, auf 400 Seiten eine ganze Disziplin disziplinieren zu wollen, und die Verständlichkeit seiner Argumentation. Dem großen Publikum bietet Sedlacek also Diskussionsstoff, einen Preis für profunde Wissenschafts- und Kulturgeschichte hat er aber nicht verdient.

Sedlaceks Doktorarbeit, aus der "Die Ökonomie von Gut und Böse" hervorgegangen ist, wurde von der Prager Karls-Universität einst abgelehnt. Kein Wunder!

Besprochen von Arno Orzessek

Tomáš Sedláček: Die Ökonomie von Gut und Böse
Aus dem Amerikanischen von Ingrid Proß-Gill
Hanser Verlag, München 2012
447 Seiten; 24,90 Euro

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