Seit 05:05 Uhr Studio 9

Donnerstag, 21.03.2019
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.11.2012

Reden über die Massaker in Bromberg

"Der Bromberger Blutsonntag" - eine Kooperation der Landesbühne Niedersachsen mit dem Teatr Polski in Bydgoszcz

Von Hartmut Krug

Podcast abonnieren
Denkmal zum deutschen Überfall auf Polen in Gdansk (AP-Archiv)
Denkmal zum deutschen Überfall auf Polen in Gdansk (AP-Archiv)

Wer hat damals im September 1939 all die Morde begangen? Darum geht es in diesem Stück. Eine besondere Bedeutung bekommt der Theaterabend über die Bromberger Massaker, weil sich ein großer Teil der ehemals deutschen Minderheit der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg in Wilhelmshaven angesiedelt hat.

Zu seinem 60.Geburtstag hat sich das Stadttheater Wilhelmshaven ein Festprogramm mit vielen Reden und einer deutschsprachigen Erstaufführung ("Das System Ponzi" von David Lescot über einen Anleger-Betrüger und dessen gierige Klienten) geschenkt. Im Mittelpunkt aber stand die Erstaufführung von "Bromberg/ Bydgoszcz", geschrieben von der deutschen Autorin Katharina Gehricke und dem polnischen Autor Artur Palyga.

Aus den zwei Texten montierte die in Polen geborene, in Berlin lebende Regisseurin Grazyna Kania ihre Theaterfassung. Gespielt wird sie gemeinsam von deutschen und polnischen Schauspielern - mit Übertiteln - sowohl in Wilhelmshaven wie in Bydgoszcz, wo die Uraufführung Mitte Oktober bei einem Premierenfestival stattfand.

Das Wilhelmshavener Theater fährt als Landesbühne Niedersachsen Nord regelmäßig übers Land, bis auf die Nordseeinseln. Die seit drei Jahren bestehende Kooperation mit dem Teatr Polski im polnischen Bydgoszcz aber ist etwas Besonderes. In Wilhelmshaven trafen sich seit den sechziger Jahren die sogenannten Bromberger Heimatkreise, später kam es zu einer Partnerschaft mit der nun polnischen Stadt, mit Bydgoszcz. Man tauschte Inszenierungen aus, führte Jugendprojekte zusammen, und mit Hilfe des Fonds "Wanderlust" der Kulturstiftung des Bundes entstand der gemeinsame Theaterabend.

Es geht um die Massaker, die nach Hitlers Überfall in Polen am 3. September, dem "Blutsonntag", und an den folgenden Tagen in Bromberg stattfanden. Wer sie an wem verübt hat, darüber gibt es noch immer viele Meinungen. Das Stück zeigt Haltungen, Diskussionen und Erinnerungsversuche bei einer (Versöhnungs-) Konferenz in Wilhelmshaven. Ehemalige Nachbarn, Deutsche und Polen, einstige Bekannte oder Unbekannte treffen sich.

Die Aufführung beginnt mit Kriegs-Filmsequenzen und einer Rede Hitlers Ende September in Danzig. Dann sitzen die vier Schauspieler mit ihrer Souffleuse auf den breiten Stufen der leeren Bühne und suchen die Erinnerungen ihrer Figuren zu sortieren. Wir erleben kein Aktions-, sondern ein intensives Redestück. Das keine Antworten und Lösungen bietet, sondern viele Fragen aufwirft und bewusst offen lässt. So die, was einen Polen mit Namen Szmidt von einen deutschen Schmidt unterscheidet.

Mieszko, der seinen Opa Kazimierz nach Wilhelmshaven begleitet, hat mit diesem bei einem bayerischen Tag im Supermarkt wegen eines kurzbehosten Jodlers, der für ihn schlimme Assoziationen weckt, für einen heftigen Eklat gesorgt. Elsa dagegen erinnert sich poetisch bewegt an ihre schöne Kindheit in Bromberg mit deutscher Mutter und polnischem Vater, während die junge deutsche Dora - zweisprachig und schauspielerisch stark: Kathrin Ost - nicht nur aus dem Polnischen übersetzt, sondern auch - arg klischeehaft - für alle deutschen Untaten um Verzeihung bittet.

Kazimierz findet sich mit Elsa in einer gemeinsamen Faust-Rezitation, - vielleicht eine Erinnerung an das gemeinsame Schultheater? Die Legende vom Heiligen Martin mit der Aufforderung "Zeige deine Wunden", von der Kazimierz glaubt, Elsa habe sie ihm einst erzählt, könnte als Motto des Stückes gelten. Es gibt kompliziert verzahnte Dialoge über Urteile und Vorurteile, über Wahrheiten und Erinnerungen, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, über das Zusammenleben von Deutschen und Polen und ihre Konfrontation. Kazimierz, der in den Tagen des Bromberger Blutsonntags selbst zwei Menschen getötet hat, darunter einen Jungen, weiß nicht, warum. Und Elsa weigert sich, das junge Mädchen gewesen zu sein, an das Kazimierz sich erinnert.

So endet die schöne Aufführung angemessen offen und fragend mit einem Film,
in dem die Darstellerin von Elsa immer wieder Bromberg sagt und der Darsteller des Kazimierz stets aufs Neue mit Bydgoszcz kontert: Die jeweiligen scheinbaren Wahrheiten müssen eben immer wieder befragt werden.


Mehr auf dradio.de:

Kalenderblatt: Die Planung des Angriffskrieges - Hitler gibt vor 75 Jahren die Grundzüge seiner Kriegs-und Expansionspolitik bekannt

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsOhne Zugang zum Wissen
Auf einem Computerbildschirm ist das Logo der deutschen Version der freien Enzyklopädie Wikipedia durch eine Lupe vergrößert auf einem Computerbildschirm zu sehen.  (dpa-Zentralbild - Foto: Peter Zimmermann)

Während die "Welt" Wikipedia die Demokratisierung des Zugangs zum Wissen zuschreibt, ist die "FAZ" der Meinung, dass die Online-Enzyklopädie durch ihren Streik wegen der EU-Urheberrechtsrichtlinie unobjektiv und unglaubwürdig wird.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 12Von Wilmersdorfer Witwen und kämpferischer Kultur
Die legendären "Wilmersdorfer Witwen" im Musical "Linie 1" des Grips-Theaters. (David Baltzer / bildbuehne.de / Grips Theater)

Das Berliner Grips-Theater wird 50 Jahre alt. Ist sein Erfolgsmusical „Linie 1“ noch aktuell? Ein Selbstversuch mit drei Generationen. Außerdem: Lässt sich das Theater in einen von rechtsnationalen Kräften erklärten „Kulturkampf“ verwickeln?Mehr

Folge 11Von Vielfalt und Verstärkung
Ein Darsteller des Musicals "Miss Saigon" mit einem angeklebten kleinen Stirnmikrofon steht am 25.01.2019 in Köln bei einem Fototermin auf der Bühne. (imago / Horst Galuschka)

Wer spricht wie auf deutschen Bühnen? Es gibt zwar immer mehr Schauspieler*innen mit angeklebten Mikrofonen, aber noch zu wenige aus benachteiligten Gruppen. Um Diversity und Mikroports geht es in Folge #11 des Theaterpodcasts.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur