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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.02.2010

Reden bildet den Charakter

Wilfried Stroh: "Die Macht der Rede", Ullstein Verlag, Berlin 2009

Rezensiert von Moritz Schuller

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Für seine rhetorische Fähigkeiten wurde SPD-Chef Gabriel ausgezeichnet. (AP)
Für seine rhetorische Fähigkeiten wurde SPD-Chef Gabriel ausgezeichnet. (AP)

In seinem Buch fordert Wilfried Stroh, sich der Redekunst des antiken Griechenland anzunehmen. Er hält es mit Isokrates, einem der berühmtesten Redner Athens, der davon überzeugt war, dass sich durch die Pflege der Rede nicht nur der Verstand, sondern auch der sittliche Charakter bessere.

"Die Rede ist eine große Herrscherin”, hieß es in der Antike, und daran hat sich nichts geändert. Man kann mit Worten Fußballer dazu bringen, ein Tor zu schießen. Man kann sich mit Worten um die eigene Reputation bringen. Man kann aber auch mit Worten eine am Boden liegende Partei für sich einnehmen wie Sigmar Gabriel auf dem SPD-Parteitag im vergangenen November. Er wurde vom Tübinger Seminar für Allgemeine Rhetorik zum Redner des Jahres 2009 gekürt, weil es ihm gelungen sei, in einer "für die SPD katastrophalen Krisensituation (…) das Vertrauen der Delegierten zu gewinnen und die Partei für ihren Weg aus der Krise zu stärken". Er habe, im klassisch-rhetorischen Sinn, die schwächere Sache zur stärkeren gemacht.

Wilfried Stroh: "Die Macht der Rede" (Ullstein Verlag)Wilfried Stroh: "Die Macht der Rede" (Ullstein Verlag)Ein gewagtes Kompliment, denn gerade diese Fähigkeit, auch ein schwaches Argument stark zu machen, ließ die Redekunst vielen schon immer suspekt erscheinen. Dass in Deutschland der verführerische Redner schnell zum Demagogen wird, ist kaum verwunderlich. "Doch das Misstrauen gegen die Rhetorik hat tiefere Gründe und ältere Autoritäten”, schreibt Wilfried Stroh.

"Kein geringerer als Platon, der bis heute einflussreichste Philosoph der Antike, hat in seinem Dialog 'Gorgias' durch den Mund des Sokrates den Titelhelden Gorgias, den Gründervater der Rhetorik, in Widersprüche verstrickt und seine Kunst als Schönfärberei abqualifiziert. Platons vor allem moralische Kritik der Rhetorik, der es nicht um das wirklich Gute zu tun sei, wurde von vielen aufgenommen, vor allem von dem deutschen Philosophen Immanuel Kant. (…) Er sah in ihr eine 'hinterlistige Kunst'."

Zentral für die antiken Theoretiker der Rhetorik war von Beginn an die problematische Beziehung der öffentlichen Rede zur Wahrheit. Stroh dokumentiert diese Auseinandersetzung um die Moral der Rede in aller Ausführlichkeit und zeigt, dass sie letztlich ohne Klärung blieb. Die Frage, was Rhetorik zu leisten habe, wird mit der Zeit vielmehr selbst zu einem rhetorischen Topos. Die Fronten, die sich bereits im ,Gorgias’ aufgetan haben, hielten sich auch bei den Römern unverändert: Die einen sahen in der Beredsamkeit die wertfreie Kunst der Überredung, ein Mittel zum Zweck, die anderen eine moralische Tätigkeit, die gerade nicht das Schwächere zum Stärkeren machen dürfe, wenn sie nicht zur bloßen "Schmeichelkunst" (Sokrates) verkümmern wolle.

Auch Aristoteles’ und Ciceros Versuche, die Redekunst zu definieren, überkommen diese Grundspannung nicht. Quintilians Diktum, dass nur ein guter Mensch ein Redner sein könne, ist eine geradezu absurde Lösung: Demnach könne es per definitionem gar keinen bösen Redner geben.

Stroh selbst hält es mit Isokrates, einem der berühmtesten Redner Athens, der davon überzeugt war, dass sich durch die Pflege der Rede nicht nur der Verstand, sondern auch der sittliche Charakter bessere.

"Wenn wir heute die Bildung eines Menschen zuerst nach seiner Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, beurteilen (allenfalls in zweiter Linie nach seiner Kenntnis des pythagoreischen Lehrsatzes, ganz zu schweigen von seinen sportlichen Leistungen), dann sind wir doch alle ein Stück weit Isokrateer. Hatte er hier nicht einfach recht?"

Stroh plädiert daher dafür, von der Antike zu lernen und die Rhetorik wieder ins Zentrum der Bildung zu rücken, weil sie eine humanisierende Wirkung habe. Dass der Schüler nicht mehr lernt, sich mit dem "vollen Einsatz seines Gedächtnisses, seines Körpers und der Stimme vor größerem Publikum zu agieren und sich durchzusetzen", beklagt Stroh als Defizit des heutigen Bildungswesens.

Doch ist es ein Ausbildungsproblem? Müssten nur mehr junge Menschen mit Kieselsteinen im Mund gegen den Lärm des Meeres ansprechen, wie es Demosthenes als Sprechübung getan hat? Sollten wir wieder Prunkreden zur Ehrung der Gefallenen in Afghanistan abhalten, und hoffen, dass dabei ein Kunstwerk wie Perikles' Grabrede herauskommt? Brauchen wir die enzyklopädische Allgemeinbildung, die Cicero für seinen Erfolg als Redner verantwortlich macht?

Die Kultur der Mündlichkeit, von der Antike durchdrungen war, lässt sich wohl kaum wieder beleben.

"Im Athen des 5. Jahrhunderts, war jeder Bürger, der sich durchsetzen wollte, auf Rede angewiesen, im politischen Wettstreit wie im Kampf vor Gericht: agon heißt beides, Wettkampf und Prozess."

Damals waren Rhetorik und Demokratie "zwei beinahe unzertrennliche Schwestern”.

Auch wenn Stroh das wenig demokratische römische Kaiserreich verteidigt, das allgemein als Totenbett der großen Redekunst angesehen wird, und auf die großen Strafprozesse verweist, die auch in der Kaiserzeit verhandelt wurden – die Rede ist ein urdemokratisches Instrument. Sie hat laut Aristoteles ihren Ursprung in der neu geformten Demokratie Siziliens im 5. Jahrhundert vor Christus.

Doch die Rhetorik als Kunst der Überredung lebt nicht allein davon, dass es ein gesellschaftliches, ein demokratisches Umfeld gibt, in dem sie blühen kann. Sie braucht auch Redner, die etwas sagen wollen. Die, wie Homer es fordert, zugleich "Redner von Worten und Täter von Taten" sind. Die nicht nur "ceterum censeo" rufen, sondern Karthago auch wirklich zerstören wollen. Und solche Redner sind heute selten geworden.

"Solange es Menschen gibt, werden sie sich gegenseitig überreden; und der wird dies am überzeugendsten tun, der sich, wie eben Cicero, mit der feinsten Empfindung in die Seele seiner Mitmenschen einfühlen und zugleich das Gefühl vermitteln kann, dass er mit ganzem Herzen hinter dem steht, was er sagt."

Die großen Reden der Antike, das lehrt Wilfried Strohs Kulturgeschichte der Redekunst also, waren keine rhetorischen Fingerübungen, sondern Überzeugungstaten. Eindrucksvoll sind Sokrates’ Apologie oder Ciceros Catalina-Reden oder sogar Jesus’ Bergpredigt nicht vor allem wegen ihrer rhetorischen Eleganz, sondern weil es bei ihnen um mehr als Worte geht.

Wenn man etwas zu sagen hat, dann folgen auch die Worte (rem tene, verba sequentur), sagt Cato der Ältere. Diese Reihenfolge gilt noch immer.

Wilfried Stroh: Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom
Ullstein Verlag, Berlin 2009

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