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Tonart | Beitrag vom 11.09.2018

Red Bull Music AcademyMusizieren für die Marke?

Von Christoph Möller

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Zu sehen ist Hip-Hop Künstler Questlove vor einem Logeo der Red Bull Music Academy. (dpa/ picture alliance)
Manche Musiker machen sich Sorgen, wohin die Red Bull Music Academy hinsteuert. (dpa/ picture alliance)

Der Energydrink-Hersteller Red Bull investiert seit Jahren kräftig in den Musikbereich. Neben Tonstudios und Festivals betreibt er in Berlin eine eigene Musikakademie. Für Red Bull ist das Imagepflege, aber was bedeutet das für die teilnehmenden Musiker?

Montagnachmittag, Funkhaus an der Nalepastraße in Berlin. Im Foyer des 50er-Jahre-Baus, aus dem früher der Rundfunk der DDR gesendet hat, hängen große Kunstwerke des Sammlers Johann König. Auf orangefarbenen Designmöbeln sitzen die so genannten Participants der Red Bull Music Academy. 30 Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt. Für zwei Wochen sind sie Teil einer Musikakademie mit Workshops, Vorträgen und Studiosessions.

Mit dabei ist Iara Espinoza Dos Santos aus Chile. Sie macht Musik unter dem Künstlerinnennamen IARAHEI.

Dos Santos sagt, die Unterstützung von Red Bull ermögliche ihr, unter besten technischen Bedingungen Musik zu machen. Die Academy sei wichtig für ihre Karriere. Red Bull stehe für exzellente Musikförderung.

Natürlich werde ihr Name jetzt auch mit anderen Aktivitäten von Red Bull in Verbindung gebracht. Aber sie habe den Eindruck, dass die Leute hier gute Arbeit machten, ganz unabhängig davon, wofür die Marke stehe. Aber ja, es sei schon ein bisschen widersprüchlich und fühle sich ein bisschen komisch an.

Immenser Einfluss im Musikbereich

Die Red Bull Music Academy feiert dieses Jahr ihr 20. Jubiläum. 1998 wurde sie in Berlin gegründet wurde. Red Bull ist einer der größten Musikförderer der Welt. Wie viel Geld der Energydrink-Hersteller in den Musikbereich investiert, ist nicht bekannt.

Doch Red Bulls Einfluss ist immens: Die Marke betreibt zehn Musikstudios auf der ganzen Welt, organisiert Festivals und Konzerte, betreibt ein eigenes Musikradio, und produziert Podcasts. Etwa "Berlin Zwanzig", der 20 Tracks vorstellt, die die Musikszene in Berlin geprägt haben.

"You’re listening to Berlin Zwanzig ..."

Red Bulls Engagement ist subtil. Kaum einer der insgesamt 60 Participants der Academy ist wirklich bekannt. Um die Botschaft der Marke zu verbreiten, scheint es Red Bull nicht darum zu gehen, eine große Masse zu erreichen, sondern um Multiplikatoren: angesagte Musikerinnen und Musiker, Journalistinnen und Journalisten, Menschen aus der Musikbranche.

"Wir haben den Luxus, aufgrund des Budgets, das wir haben, und aufgrund der Organisation, die wir weltweit haben, auf Dinge zu setzen, die vermeintlich Leute noch gar nicht interessieren."

Sagt Many Ameri, der die Red Bull Music Academy gegründet hat. Ameri erklärt, Red Bull sehe sich als Kulturförderer. Gefördert wird, was interessant ist, man wolle niemandem Marktanteile wegnehmen.

"Es ist eine Organisation, die sich diesen Freiraum genommen hat und dem treu geblieben ist. Wenn man in Subkulturen und die Kultur eingreift und dort ein Akteur wird, dass das nur dann Sinn macht, wenn man etwas anbieten kann, was komplementär zu dem ist, was da schon stattfindet."

Künstlerisch spannende Projekte

Das heißt, Red Bull fördert aufwendige Projekte, die aus wirtschaftlicher Sicht wenig Sinn machen, künstlerisch aber sehr spannend sind. Etwa eine aufwendige Performance von Solange Knowles im Guggenheim-Museum in New York oder eben die jährliche Red Bull Music Academy mit angeschlossenem Festival. Many Ameri sagt, die Bekanntheit der Künstlerinnen und Künstler spiele keine große Rolle.

"Wenn du dir anguckst, wer hier als Lecturer kommt, oder wer diese Festivals spielt, ist es wahrlich kein Headliner-getriebenes Programm, sondern immer Menschen, an die wir glauben, und an deren Vision wir geglaubt haben. Und denken, dass selbst wenn keiner sie kennt, wir die sein wollen, die Menschen Musik zeigen, von der sie noch nicht wussten, dass sie sie suchen."

Red Bull hat einen exzellenten Ruf im Musikbereich. Many Ameri und sein Team machen gute Arbeit. Doch welche Positionen unterstützen Musikerinnen und Musiker, aber auch Journalistinnen und Journalisten, die im Namen einer Marke arbeiten?

Red-Bull-Gründer wettert gegen "political correctness"

So altruistisch, offen und innovativ Red Bulls Musikprogramm auch ist, es steht im Gegensatz zu Aussagen von Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz. Der wettert gegen "Political Correctness" und das "Meinungsdiktat" der Medien. Auch Donald Trump findet er ganz okay. Die Musikerin Gudrun Gut, die auch bei der diesjährigen Academy auf einem Podium sitzt, findet diese Aussagen gar nicht gut.

"Ich wusste das allerdings gar nicht und habe auch mit mehreren gesprochen, das war uns allen nicht so richtig klar. Gleichzeitig steht dieser Mann auch nicht für diese Red Bull Academy, für mich hatte das ein ganz anderes Image."

Gudrun Gut sagt, natürlich wolle man solche Positionen als Künstlerin nicht unterstützen.

"Gleichzeitig haben wir aber ein großes Problem, dass wir als Künstler existieren müssen und eine Miete zu zahlen haben und essen müssen. Durch die Bezahlung von sowas kann man seine Miete zahlen und muss dann nicht einen Bar-Job machen oder sowas."

Programm steht für Diversität

Angesprochen auf die rechtskonservativen Aussagen des Gründers von Red Bull, antwortet Many Ameri diplomatisch.

"Wenn man sich das Programm unserer Festivals, oder auch die Dinge, die editoriell stattfinden, anguckt, dann ist, glaube ich, sehr klar, wie sehr wir an Diversität glauben, wie sehr wir glauben, dass Menschen ihre Meinung äußern sollten. Da glaube ich tatsächlich, dass unser Programm für sich spricht."

Nicht nur Red Bull, auch andere Marken werden zu wichtigen Playern im Musikbereich: Der Jeansproduzent Levi’s baut eigene Musikschulen, die Telekom veranstaltet Konzerte und betreibt mit "Electronic Beats" ein Online-Magazin für elektronische Musik.

Schade, dass etwa Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz wenig übrig zu haben scheint für die gute Arbeit der Red Bull Music Academy. Für ihn scheint sie gut fürs Image zu sein, um am Ende noch mehr Kohle mit dem Verkauf von Energydrinks zu machen.

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