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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.02.2015

Rechtsstreit um "Baal"Der Autor ist ein armer Wicht

Von Christian Gampert

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Die Schauspieler (v.l.) Jürgen Stössinger, Aurel Manthei, Katharina Pichler und Bibiana Beglau bei einer Probenszene in dem Bertolt Brecht-Stück "Baal", das am 15.01.2015 am Residenztheater München (Matthias Horn/Residenztheater München/dpa)
Proben für die "Baal"-Inszenierung am Residenztheater München: (v.l.) Jürgen Stössinger, Aurel Manthei, Katharina Pichler und Bibiana Beglau (Matthias Horn/Residenztheater München/dpa)

Die Erben Bertolt Brechts wollen Frank Castorfs Münchner "Baal"-Inszenierung untersagen. Dass dabei ausgerechnet ein egomaner Wüterich wie Frank Castorf zum Märtyrer stilisiert wird, ist ein "Witz der Theaterweltgeschichte", meint unser Kritiker.

Die Causa Brecht/Castorf ist heikel, denn es geht nicht nur um den Streit zwischen einer eitlen, wachsamen Erbengemeinschaft und einem Großregisseur, es geht um das Verhältnis des Theaters zu seinen Autoren insgesamt. Es ist relativ einfach, die künstlerische, inszenatorische Freiheit Castorfs gegen den kanonisierten Bertolt Brecht und dessen Erben zu verteidigen; nicht nur, weil Brecht selber sich an fremdem geistigem Eigentum relativ freizügig bediente, sondern auch, weil Brecht kein Autor ist, den man noch ohne Striche aufführen könnte.

Bertolt Brecht ist eine literarische Leiche, die man künstlich aufschminken, reanimieren, vielleicht auch mit Fremdtext anreichern muss, um sie heute noch interessant zu machen. Seine Stücke seien "ergreifende Weihnachtsmärchen", schrieb über Brecht einst Peter Handke. Das stimmt, und deshalb muss man die Stücke neu lesen – oder einfach nicht spielen, selbst wenn die Texte so kraftmeiernd wie der "Baal" daherkommen.

Eine ganz andere Frage ist es – und die wird hier vor Gericht quasi mitverhandelt – wie das Theater allgemein mit seinen Autoren umgeht. Nach allem, was in den letzten Jahren geschehen ist, muss man sagen: nicht gut. Das alte Nachkriegs-Credo, nach dem der Regisseur eine Art Subalterner, ein Diener am hehren Dichterwort sei, hat sich seit APO-Zeiten, seit Peymann, Stein und Zadek, spätestens aber mit Beginn der Postmoderne und des postdramatischen Theaters in sein Gegenteil verkehrt. Jetzt gilt: Der Regisseur darf alles, und der Autor ist ein armer Wicht.

Alkoholgeschwängerter patriarchaler Despotismus

Man muss sich in Erinnerung rufen, dass das deutsche Theater eine mächtige, hochsubventionierte Institution und ein Intendant ein kleiner Sonnenkönig ist, der heute heuert und morgen feuert. Jeder, der einmal am Theater gearbeitet hat, weiß um diese Art des sich aufgeklärt gebenden, bisweilen alkoholgeschwängerten patriarchalen Despotismus, der sich gern auch als Teamwork bezeichnet. Der Intendant hat das Geld und die Macht, er beauftragt einen Regisseur, der Narrenfreiheit genießt. Der Autor aber - und ich meine hier nicht den toten, sondern den lebenden Autor - ist meist eher arm, und er ist allein. Er kämpft als Einzelner für seine Rechte gegen eine wie geschmiert laufende, hochorganisierte, zwar nur von einer Minderheit besuchte, aber von Politik und Establishment hofierte Theatermaschinerie, die sich fast alles erlauben kann.

Texte sind nur noch Spielanlass für etwas Höheres: die Inszenierung. Der Regisseur kann zwar nicht schreiben, aber er kann extrahieren, Textstellen anstreichen, die ihm gefallen, fertig ist das Stück. So macht Frank Castorf angeblich seine Romanadaptationen. Man setze sich irgendwo an die Ostsee, lese Dostojewski und fahre ab und zu den gelben Markierstift aus: Fertig ist der Theaterabend, die Sekretärin schreibt's dann zusammen.

Stücke schreiben können die wenigsten

Dostojewski ist tot, aber andere leben. Sie wollen, dass ihre Stücke einigermaßen so aufgeführt werden, wie sie sie geschrieben haben. Das Theater schert sich einen Teufel drum. Wenn da als Szenenanweisung steht: drei Stühle, ein Tisch, dann verlegt der Regisseur das Stück auf den Mond. Darum schreibt man keine Szenenanweisungen mehr. Der Regisseur streicht, er findet irgendwelche Fremdtexte, die er für interessant hält, und flickt sie ein. Der Autor leidet und schweigt, er will ja, dass sein Stück aufgeführt wird, er will ja auch Geld verdienen.

Das Theater hat Geld, zum Beispiel für Auftragswerke. Der Autor, der das fertige Stück abgibt, muss meist so lange umschreiben, bis das Auftragswerk dem Theater mundet. Oder er muss sich Eingriffe von außen gefallen lassen. Sonst: kein Honorar. Oder nur den Vorschuss. Oder keine Auftragswerke mehr. Der tote Autor dagegen kann sich nicht wehren – er darf gefleddert werden, er ist nur noch Spielmasse, wenn die Aufführungsrechte abgelaufen sind. Ab mit ihm in den Suppentopf, in die Theaterküche.

Es ist deshalb ein Witz der Theaterweltgeschichte, dass ausgerechnet ein egomaner Wüterich wie Frank Castorf demnächst zum großen Leidenden, zum Märtyrer der Saison stilisiert werden wird. Sollte Castorfs "Baal" tatsächlich verboten werden, es träfe nicht den Falschen. Das Theater der Postmoderne muss sich fragen, welche Rolle der Autor in ihm spielt. Und die heute lebenden Autoren müssen anfangen, sich zu wehren gegen die Kleinhäcksler aus der Regieetage. Inszenieren kann, mit Verlaub, jede Betriebsnudel, wenn sie Protektion genießt – ein Stück schreiben können die wenigsten.

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