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Studio 9 | Beitrag vom 20.04.2018

Rechtsrock-Festival in OstritzEin Friedensfest gegen Neonazis

Von Bastian Brandau

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Glatzköpfiger Besucher eines Rechtsrock-Konzert im thüringischen Themar trägt eine Bomberjacke mit "Deutschland-"Aufdruck  (Imago)
Mit solchen Gästen ist zu rechnen - ein Rechtsrock-Fan, hier bei einem Festival im thüringischen Themar (Imago)

Mehrere Hundert Neonazis werden am Wochenende im sächsischen Ostritz erwartet. Die NPD veranstaltet dort am Jahrestag von Hitlers Geburtstag das "Schild-und-Schwert-Festival". Zeitgleich findet unter Schirmherrschaft von Sachsens Ministerpräsident Kretschmer ein Friedensfest statt.

Ruhig und sonnig liegt Ostritz da an diesem Nachmittag. Sanft steigen die Hügel im Westen an, im Osten bildet die Neiße die Grenze zu Polen. Am Marktplatz erledigen die Menschen ihre Postangelegenheiten, holen Geld oder trinken einen Kaffee. Verkehrsschilder im ganzen Stadtgebiet weisen darauf hin, dass es am Wochenende voll wird in dem Städtchen mit seinen 2300 Einwohnern.

Blick auf den Ort Ostritz in Sachsen: Er ist Veranstaltungsort des "Schild- und Schwertfestivals" vom 20. und 21. April. (imago/Max Stein)Blick auf den Ort Ostritz in Sachsen, wo das Rechtsrock-Festival stattfindet (imago/Max Stein)

Dann ist die Innenstadt für Autos gesperrt, herrscht in ganz Ostritz Parkverbot. Großeinsatz der Polizei: Auf dem Gelände eines Hotels direkt an der Neiße werden mehrere hundert Neonazis zu einem Rechtsrock-Festival erwartet. Nicht jeden hier scheint das zu stören:

"Wenn die jetzt alleine ihre Versammlung da abhalten, ist eigentlich keine Unruhe. Das ist mehr eigentlich von den Linken aus. So wurde es überall erzählt. Aber ich kann es bloß nacherzählen, selber wüsste ich es nicht so genau.

"Aber es kommen ja Neonazis, Rechtsextreme her…"

"Ja, aber dass es durch die hier Ausschreitungen gibt, hört man weniger."

Solidarität gegen "braunen Hass"

Nicht nur Neonazis aus Deutschland, Polen und Tschechien werden am Wochenende nach Ostritz anreisen. Landtagsabgeordnete der Linkspartei veranstalten mit der Initiative "Rechts rockt nicht" eine Gegenveranstaltung. Man wolle sich mit einem Konzert "solidarisch dem braunen Hassfestival" entgegenstellen.

Auch aus Ostritz und der Region hat sich Protest gegen das Nazifestival entwickelt. Heute bis Sonntag findet auf dem Markplatz das Ostritzer Friedensfest statt. Mitinitiator ist Michael Schlitt, der wenige Kilometer südlich von Ostritz das Internationale Begegnungszentrum St. Marienthal leitet.

"Wir erwarten hier in Ostritz 1000 Teilnehmer des sogenannten Schwert-und-Schild-Festivals, was abgekürzt nichts anderes bedeutet als SS-Festival. Die kommen hierher, um am 20. April den Geburtstag von Adolf Hitler zu feiern."

Kampfsport-Vorführungen, Agitation, Volkstanz

Laut Internetauftritt mit Balladen am heutigen Freitagabend, den Auftritten einschlägiger Rechtsrock-Bands am Samstag. Anmelder ist der Thüringer NPD-Chef. Es gibt Kampfsport-Vorführungen, Agitation, Volkstanz und die Stände einschlägiger Zeitschriften. Mitten in Ostritz.

"Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass wir hier einen breiten gesellschaftlichen Konsens erzielen, dass das, was hier die Neonazis und Rechtsextremisten durchführen wollen, dass dies nicht gewollt ist, dass dies keinen Platz in Ostritz und auch sonst nicht in unserer Region hat. Unser Bemühen ist es dabei, parteiübergreifend, über die beiden großen Kirchen hinweg, über die Vereine hinweg einen ganz breiten Konsens gegen diese Veranstaltung zu organisieren."

Bürgermeister sind gegen das Festival

Schirmherr des Friedensfests ist Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer von der CDU. In einer "Oberlausitzer Erklärung" haben sich 40 Bürgermeister aus der Region gegen das Festival positioniert. Wer Menschenrechte in Frage stelle, wer Bezüge zu einen verbrecherischen System herstelle, sei in der Region nicht willkommen, heißt es.

Sachsen gilt neben Thüringen als Schwerpunkt bei Veranstaltung von Rechtsrock-Konzerten. Die gelten als wichtiger Treffpunkt der rechten Szene, auch zur Rekrutierung von Nachwuchs. 24 rechtsextreme Konzerte habe es im vergangenen Jahr gegeben, sagt der sächsische Verfassungsschutz. Das Kulturbüro Sachsen, das die rechte Szene beobachtet, zählte im selben Zeitraum alleine 46 Konzerte im Landkreis Görlitz. Auch in Ostritz. Möglich wird das Festival hier, weil der Eigentümer eines Hotels sein Gelände der NPD zur Verfügung stellt. Nicht zum ersten Mal. Das stößt auch vielen Ostritzern an diesem Tag auf dem Marktplatz bitter auf:

"Zu was es geführt hat, wissen wir alle"

"Ich kann den Mann nicht verstehen, warum der Mann sein Gelände zur Verfügung stellt", sagt Adolf Deggert, Jahrgang 1945. Geboren ist Deggert in der heutigen Tschechischen Republik, als Kind hat er Vertreibung miterlebt, kam in die Lausitz. Dass in seiner Heimatstadt Neonazis den Geburtstag von Adolf Hitler feiern wollen, regt ihn sichtbar auf:

"Zu was es geführt hat, wissen wir alle. Millionen von Toten. Nur weil tausende und Millionen ihm hinterher gelaufen sind. Ohne nachzudenken, was steckt denn da dahinter. Und da kann ich mich nicht zu seinem Geburtstag nicht so hinstellen und so tun, als sei nichts geschehen. Die Leute, die da hingehen, die sollten einmal richtig nachdenken und sollten mal überlegen, was sie da eigentlich machen."

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